Vortrag Blumhardt: Über Horizont hinaus gedacht

Göppingen. / Margit Haas 14.01.2019

Was hat Theodor Fontane mit Bad Boll zu tun? Und Gottfried Benn oder Hermann Hesse? In einem lebendigen und anschaulichen Vortrag hat Albrecht Esche im Herrensaal des Christophsbads in Göppingen die Lebens- und Wirkungsspuren von Johann Christoph und Christoph Blumhardt nachgezeichnet. Esche, lange Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll und Initiator des dortigen Literatursalons, ist ausgewiesener Kenner der Lebenswege der beiden Theologen, die menschlich weit über die große Riege württembergischer Pfarrer hinausragten. Sie konnten „über den schwäbischen Horizont hinausdenken“, betonte der Theologe und Literaturwissenschaftler.

„Heilsame und revolutionäre Visionen aus Bad Boll. Das Welt- und Menschenbild von Vater und Sohn Blumhardt“ hatte der Referent seinen Vortrag überschrieben. Beide dachten jeweils über ihre Zeit hinaus, sprengten Grenzen und waren doch grundverschieden. Der Ältere, 1805 geboren, unterrichtete nach dem Studium an der Basler Mission. Die Mission aber war für seinen Sohn, Jahrgang 1842, „der verlängerte Arm des Imperialismus, des Eurozentrismus“. Prägend war für Vater Blumhardt die Heilung einer jungen geisteskranken Frau in seiner ersten Pfarrgemeinde Möttlingen. „Leib und Seele gehören zusammen“ – diese Erkenntnis hat er bereits damals formuliert „als früher psychosomatisch denkender Seelsorger“. Er glaubte letztendlich daran, dass die Liebe Jesu heilsam sei.

Sein Sohn dagegen suchte für die Menschen das Himmelreich nicht erst im Jenseits, versuchte vielmehr ganz praktisch im Diesseits, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Als Pazifist und Sozialdemokrat war für ihn freilich kein Platz mehr in der Kirche.

Dieses Schicksal teilte er mit seinem Vater. Der musste seine Pfarrei ebenfalls aufgeben. „Er darf nicht mehr heilen und beugt sich dieser Vorgabe mit elastischem Gehorsam“, zitierte Esche einen Kollegen. Er kauft von König Wilhelm I. von Württemberg das Boller Bad, das sich schnell großer Beliebtheit bei Adel und Bürgertum erfreut. Sein Sohn führt seine Arbeit fort, „muss dann aber heraus aus den riesigen Fußstapfen des Vaters“. Esche beschreibt den groß gewachsenen Blumhardt „als schwäbischen Einzelgänger und Spintisierer“, der Vegetarier war und Anhänger der Homöopathie. Er muss, als er für die SPD für den württembergischen Landtag kandidiert, seinen Pfarrtitel zurückgeben. „Bebel- und bibelfest“, so Albrecht Esche, ist Blumhardt. Als Christoph Blumhardt 1919 stirbt, sagt ein Arbeiter an seinem Grab: „Er ist ein Christophorus gewesen, der versucht hat, den Heiland der Bürgerlichen zu uns Arbeitern zu tragen.“

Und was haben nun Fontane, Benn und Hesse mit Bad Boll zu tun? Die beiden letzteren suchten dort Heilung, der erste fand in Elisabeth von Ardenne das Vorbild für seine Effi Briest. Die preußische Adlige war nach Bad Boll gekommen und fand Hilfe „beim Lebenslehrer Blumhardt“.

Info „Reich Gottes in Bad Boll. Die Stätten der Blumhardts und ihre Geschichten“ überschrieb Esche seine Recherchen. Sie sind in der Evangelischen Akademie und im Antiquariat  erhältlich.

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