Geschichte Bücherverbrennung: Blick in die „finsterste Zeit“

Wolfgang Klein kritisiert die „laute Meinungsdiktatur extremistischer und nationalistischer Schreihälse“.
Wolfgang Klein kritisiert die „laute Meinungsdiktatur extremistischer und nationalistischer Schreihälse“. © Foto: Giacinto Carlucci
Helge Thiele 06.05.2017

Am kommenden Mittwoch ist es 84 Jahre her: In vielen deutschen Städten  verbrennen die Nazis  Tausende Bücher auf öffentlichen Plätzen. An der Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ beteiligen sich einfache Bürger, Studenten, Rektoren. Bis in den Juni 1933 dauern die Aktionen an, begleitet werden sie von sogenannten „Feuersprüchen“, mit denen die jeweiligen Autoren, darunter Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Heinrich Mann, ver­unglimpft werden.

Am 10. Mai liest der Göppinger Schauspieler und Rezitator  Wolfgang Klein zusammen mit Ilona Abel-Utz in der Stadtkirche ab 19.30 Uhr aus einigen der damals verbrannten Werke vor. Die Besucher hören Texte von Selma Meerbaum-Eisinger, Lessie Sachs, Mascha Kaleko, Irmgard Keun, Jakob van Hoddis und Tucholsky.

Von einer „Gedenkveranstaltung“ will Klein nicht unbedingt reden. „Bewusst nennen wir es nicht so. Wir bieten einen ,denk-würdigen’ Abend“, sagt er. Da „Denken“ immer weniger stattfinde und das „gedankenlose Nachplappern populistischer Parolen“ immer mehr um sich greife, sei es notwendig, diese ,Bedenkzeit’ anzubieten“. Um vorauszuschauen und auch vorausdenken zu können, bräuchten die Menschen den Blick in die Geschichte. Klein stellt fest: „Die zwölf Jahre der Nazi-Diktatur sind wohl mit die finsterste Zeit. Als deutscher Staatsbürger, der 1952 geboren wurde, lasse ich mich für die Gräueltaten der Nazis nicht verantwortlich machen. Jedoch bin ich dafür verantwortlich, was heute und in Zukunft geschehen wird.“

Wolfgang Klein will keinen Pessimismus verbreiten. Doch Künstler hätten die Fantasie, „um sich auszumalen, was in diese oder jene Richtung alles passieren könnte“. Wenn man sehe, „wie laut die Meinungsdiktatur extre­mistischer, nationalistischer Schreihälse ist, die die ,schweigende Mehrheit’ der europäischen Demokraten übertönt, dann kann ich nicht umhin, auch meine Stimme zu erheben“.
Bereits 1928 – lange vor der sogenannten „Machtergreifung“, die Folge einer demokratischen Wahl gewesen sei – habe Goebbels die „demokratischen Ziele“ der NSDAP angekündigt: „Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen.“

Sieht Klein Parallelen zu heute? „Durchaus“, meint der Göppinger, „aber es sind ja nicht nur politische Parteien, die eine andere Demokratie und ein anderes Deutschland anstreben“. Man nehme viele „Strömungen“ wahr, die „Toleranz“ einforderten, um Intoleranz auszuüben. Und wenn man bedenke, „dass die Bücherverbrennungen damals von Studenten und Professoren der deutschen Universitäten ausgingen, dann wird klar, dass der ,Massenmensch’ in der Herde oder Horde in seiner Menschlichkeit absteigt“. So etwas dürfe es nie wieder geben und jeder habe die Aufgabe, dagegen anzugehen. Zum Beispiel, „indem man gegen plumpe  populistischen Parolen klare Argumente stellt“. Das fange beim Stammtisch an und gehe über die Familiengespräche bis hin zum Dialog unter Kollegen im Betrieb, betont Klein.

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