Süßen / Ulm / HENNING PETERSHAGEN  Uhr
Ulmer Thema des Jahres ist der Aufbruch von Ulm entlang der Donau vor 300 Jahren. Aber: Für die Publikationen und Ausstellungen dazu gibt es kaum Bilder. Diesem Notstand hat Dietmar Gürtler abgeholfen.

Weder im Jahr 1712, als die Massenauswanderungen von Ulm aus donauabwärts begannen, noch danach hat es irgendjemand für nötig oder sinnvoll erachtet, die Szenen, die sich damals in Ulm abspielten, im Bild festzuhalten. Dieses Manko macht sich jetzt schmerzlich bemerkbar, da Ulm 300 Jahre nach Beginn der "Schwabezüge" mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Veröffentlichungen an die Auswanderer und ihr Schicksal erinnern will. Wie soll man das Thema bebildern, wenn so gut wie kein Material zur Verfügung steht?

Wenn es keine Bilder gibt, dann lässt man eben welche malen: Rita Hebenstreit, die in der städtischen Hauptabteilung Kultur für das Projekt "Aufbruch von Ulm entlang der Donau 1712/2012" verantwortlich ist, setzte sich mit dem Süßener Künstler Dietmar Gürtler in Verbindung. Und der war sofort bereit, das Thema zu illustrieren. Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, ist kein Zufall. Gürtler, der auch als Gitarrist mit seiner Bluesband Sonority bekannt ist, malt mit Vorliebe Ulmer Motive, die zum Teil als Postkarten auf dem Markt sind. Besonders beliebt sind seine Ulmer Schachteln. So lag es nahe, dass Wolfgang Trips den Umschlag für seinen historischen Roman "Das Ordinarischiff" über die Ulmer Donauschiffer im 18. Jahrhundert von Gürtler gestalten ließ. Es zeigt eine Schachtel vor der Ulmer Stadtsilhouette zur Biedermeierzeit.

Nun ist es mit dem Malen historisierender Bilder ähnlich problematisch wie mit dem Verfassen historischer Romane: Überall lauert die Gefahr, dass Gegenstände, Gebäude, Kleider ins Bild gesetzt werden, die zu der Zeit, um die es geht, noch nicht oder nicht mehr existiert haben. Beim Ulmer Münster etwa ist darauf zu achten, dass es zur Zeit der Auswanderung ohne Chortürme war und der Hauptturm am Viereckskranz endete. Um nicht in solche Fallen zu tappen, setzte Gürtler sich in Verbindung mit der Historikerin Marie-Kristin Hauke und mit der Reichsstadt-Expertin des Stadtarchivs, Gudrun Litz.

Eine der wichtigsten Fragen war die nach dem Aussehen der Auswandererschiffe, die in Ulm gebaut wurden - der heute übliche Name "Ulmer Schachteln" war damals noch nicht erfunden. Zwar gibt es haufenweise Modelle und Bilder von Ulmer Schachteln aller Art. Aber kaum eines passt von der Größe her zu den Mitteilungen über die Anzahl der Passagiere.

Diese Anzahl sorgt immer wieder für ungläubiges Staunen: "Manchmal nehmen sie auf ein Schiff 200 Personen und darüber", schrieb etwa der Chronist Johann Hizler im Jahr 1791; das Protokollbuch des Schiffervereins meldet 1846 bis zu 200 "Köpfe" auf einer großen Plätte (Zillenart), und Marie-Kristin Hauke hat im Laufe ihrer Forschung glaubwürdige Hinweise auf 300 bis 400 Passagiere pro Schiff gefunden.

Also müssen die Schiffe entsprechend groß gewesen sein, was wiederum erstaunt angesichts der Tatsache, dass die Donau damals noch nicht reguliert war. Eine Mitteilung aus Österreich, wonach die "Ulmerplätten" bis 30 Meter lang und 7,6 Meter breit waren, nennt dafür kein Datum, könnte aber die immensen Passagierzahlen erklären.

Wie auch immer: Gürtler hat nun versucht, diesen Massenandrang auf den Ulmer- oder Schwabenplätten ins Bild zu setzen - einmal in einer Szene, die er auf dem Schwal angesiedelt hat, wo die Reisenden die Schiffe bestiegen, und einmal auf einem Aquarell, das eine vollbesetzte Schachtel in voller Fahrt zeigt.

Ein weiteres Motiv haben die Historikerinnen vorgeschlagen: die Auswanderer in der Stadt. Schließlich brauchten sie Unterkunft und Verpflegung. Also hat Gürtler sie in ein Wirtshaus gesetzt. Um beim Interieur und bei der Kleidung nichts falsch zu machen, hat er historische Trachten studiert - und die Rommelfiguren im Ulmer Museum, die teilweise mit dem damaligen Mobiliar ausgestattet sind. Zwar hat Septimus Rommel seine Figürchen erst Ende des 18. Jahrhunderts geschaffen. Aber das passt trotzdem. Denn die Auswanderung in die Donauländer hat zwar schon 1712 begonnen, hielt aber bis über Rommels Lebenszeit hinaus an.