Göppingen Bibliothek des Lebens

Klaus Wiesenborn (links) stieß mit seinen Gambia-Aktivitäten auf das meiste Interesse unter den Teilnehmern der "Living Library" in der Stadtbibliothek.
Klaus Wiesenborn (links) stieß mit seinen Gambia-Aktivitäten auf das meiste Interesse unter den Teilnehmern der "Living Library" in der Stadtbibliothek. © Foto: Sabine Ackermann
SABINE ACKERMANN 06.10.2014
Einen Menschen ausleihen - quasi per Katalog. Wissen durch ein persönliches Gespräch erwerben statt nur zu lesen. Genau diese Idee steht hinter "Living Library" in der Stadtbücherei Göppingen.

Delfina Benzo spricht schon recht gut Deutsch. Über den Rotary Club kam sie im Januar als Austauschschülerin von Argentinien ins Werner-Heisenberg-Gymnasium und berichtet nun aus ihrer Heimat. Fasziniert hören Debora Ünsac und Julia Theiss zu, stellen Fragen oder lassen ihre Schulkameradin auf Zeit einfach erzählen. Über Land, Leute, Schule - alles, was Teenager ebenso interessiert. Sie fühle sich hier sehr wohl und die Deutschen seien netter, als man in ihrem Land über sie denken würde, verrät die junge Frau.

Delfinas Auftritt war Teil der "Living Library", zu deutsch: Lebendige Bibliothek. "Mittlerweile ist Living Library ein fester Bestandteil der interkulturellen Bibliotheksarbeit", sagt die Deutsch-Finnin Armi Roth-Bernstein. Die langjährige stellvertretende Stadtbücherei-Leiterin hat das aus Dänemark stammende Konzept vor etwa vier, fünf Jahren in Göppingen eingeführt und steht natürlich gleichfalls als lebendige Leihgabe zur Verfügung. Anschaulich erzählt sie von finnischen Vorlieben wie Heavy-Metal-Bands, Handy- oder Gummistiefel-Weitwurf, dem Singen und Lesen und dem Segen oder Fluch zwei Heimatländer zu haben. "Und für alle die glauben, in Finnland ist es immer nur kalt und dunkel. Das stimmt nicht. Wir hatten heuer viele Tage um die 35 Grad und aufgrund des Schnees sind die Nächte viel heller als hier auf dem Land", erzählt das quirlige Nordlicht.

Mittlerweile ist die anfängliche Skepsis seitens der Leser längst einer gesunden Neugier gewichen. Fast alle "Bücher" wurden im Laufe der zwei Stunden ausgeliehen. Für ein Exemplar, stehen viele Schüler buchstäblich Schlange: Klaus Wiesenborn. Die Jugendlichen interessieren sich für seine sozialen Projekte in Gambia. "Mittlerweile habe ich drei Schulen an drei Orten sowie 220 Patenschaften", erzählt er von seiner Hilfe, die seit Jahren Kontinente überwindet. Interessiert schauen die 15-jährigen WHG-Schülerinnen Lena, Leonie, Juliane und Paula auf seine mitgebrachten Fotos, erfahren von seinem neuesten Projekt eines Ausbildungs-Zentrums und über das westafrikanische Leben im Allgemeinen.

"Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse" findet Muammar Uzun und berichtet aus seinem Alltag als Übersetzer. Vom "Leben, wie es ist", erzählt Eva Luna. "Monika" berichtet von persönlichen Erfahrungen in einer deutsch-kroatisch-ungarischen Familie. "Zusammenleben" lautet der Titel des Buches von "Rosis", "Philippina" möchte gerne aus Fremden Freunde machen und Stefanie Anger vermittelt gleichfalls eine wichtige Botschaft: "Kreis Göppingen nazifrei". Alle "Bücher" wurden mit Respekt behandelt, doch leider nicht immer pünktlich zurückgebracht. "Jedes für sich ist halt furchtbar spannend", entschuldigt sich lächelnd eine Dame.