Göppingen Bewegtes Kaleidoskop

Der Stuttgarter Kunsthistoriker Markus Golser gewährte einen Blick in nahezu 10 000 Jahre kunstgeschichtlicher Entwicklung. Foto:Ulrich Schlecht
Der Stuttgarter Kunsthistoriker Markus Golser gewährte einen Blick in nahezu 10 000 Jahre kunstgeschichtlicher Entwicklung. Foto:Ulrich Schlecht
ULRICH SCHLECHT 15.06.2012
Zum Thema "Bewegung in der Kunst" bot der Kunsthistoriker Markus Golser bei der Göppinger VHS am Mittwoch einen weit ausgreifenden, kompetenten und reich bebilderten Überblick.

Der "Ars movendi", der bewegten Kunst also oder auch der Bewegung in der Kunst, widmete sich ein Vortrag, der am Mittwochabend zahlreiche Interessierte zur VHS Göppingen führte. Der in der Region wohlbekannte Stuttgarter Kunsthistoriker Markus Golser breitete, unterstützt durch zahlreiche Bilder, ein enormes Wissen aus und gewährte seinen Zuhörern einen Blick in nahezu 10 000 Jahre kunstgeschichtlicher Entwicklung.

Die Wiedergabe einer um 8000 v. Chr. entstandenen Höhlenmalerei brachte gleich zu Beginn überraschende Einsichten. Obwohl die steinzeitlichen Höhlenmenschen gewiss genügend Kenntnisse der Anatomie besessen hatten, sind ihre Figuren, Jäger oder Tänzer, fast als Strichmännchen dargestellt, um das Augenmerk auf die überaus deutlich gemachten Bewegungen zu richten. An diesem Beispiel, das zudem an moderne Abstraktionstechnik erinnert, legte Golser dar, dass sich der Künstler bereits damals vor die Entscheidung gestellt sah, wie er mit der real existierenden Welt umgehen soll.

In der ersten großen Blütephase der Kunst, dem archaischen Zeitalter um 600 v. Chr., hat das Standbild eine einheitliche gleichbleibende Schrittposition, die noch keine Bewegung darstellt, bei der beide Beine ohne Kontrapost gleich belastet und beide Füße plan aufgesetzt sind. Nur 150 Jahre später lässt Myron bei seinem bekannten Diskuswerfer Frontalität und Axialität total entfallen und idealisiert die Figur zu einem Typus, nämlich dem des Werfers an sich.

Das zur Statik neigende Mittelalter bediente sich symbolischer Hinweise in Nebendingen, indem zum Beispiel bewegte Gewänder als Ausdrucksträger benutzt wurden. Leonardo da Vinci malt dann latente Dramen, deren denkbare Handlung für Bewegtes steht. Licht und Schatten, betonte Diagonalen, auch verschraubte Gruppen sorgten im Manierismus für starke Belebung.

Mit dem Aufblühen der Technik - Fotografie, Eisenbahn, Automobil - erweiterten sich die Möglichkeiten der Bewegungsdarstellung. Der Kubismus geht dann um das Objekt herum und zeigt es von verschiedenen Seiten, und schließlich bewegt sich die Skulptur selbst, im Mobile der 50er Jahre, in Happenings bis hin zu Dekonstruktionen.

Mit vielen weiteren Beispielen vervollständigte Markus Golser sein eindrucksvoll bewegtes Kaleidoskop.