Steckt eine kriminelle Bande dahinter? Sitzen die Täter möglicherweise im Ausland? Und warum kannten sie die Abläufe in der Göppinger Firma Infirmarius so genau? Es gibt viele Fragen, und es steht in den Sternen, ob sie jemals beantwortet werden. Auch Ayfer Kaplan-Pirl, stellvertretende Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Ulm, spricht von einer "sehr außergewöhnlichen Geschichte, die so in unserem Bezirk noch nicht vorgekommen ist". Die Ermittlungen laufen - gegen Unbekannt. "Die Möglichkeiten in Deutschland sind aber erschöpft", sagt Kaplan-Pirl. Derzeit werde geprüft, ob ein förmliches Rechtshilfegesuch, also Amtshilfe in einem anderen Land, möglich und sinnvoll sei. "Denn es spricht einiges dafür, dass die Täter aus dem Ausland kommen", meint die Staatsanwältin. Die Spur führt möglicherweise nach Frankreich.

Thomas Weyrich klammert sich an diese Ermittlungen wie an einen Strohhalm. In der Hoffnung, dass die mysteriöse Geschichte, die ihn den Job gekostet hat, aufgeklärt wird. Der verhängnisvolle Anruf kam am 30. Juli. Der Betriebsratsvorsitzende der Firma Infirmarius in Göppingen-Ursenwang, einem Hersteller naturheilkundlicher Arzneimittel, dessen Mutterkonzern Laboratoires Lehning in Frankreich sitzt, sollte an jenem Montag 114.000 Euro an ein Unternehmen in China überweisen - obwohl Auslandszahlungen schon lange nicht mehr zu seinen Aufgaben gehörten. Die Anweisung sei vom obersten Boss in Frankreich gekommen - "alles war topsecret und musste sehr schnell gehen", erinnert sich Weyrich.

Der Göppinger Infirmarius-Geschäftsführer Thomas Schneider und die Mitarbeiter der Buchhaltung seien an diesem Vormittag nicht im Haus gewesen, die Transaktion habe nicht warten dürfen, Weyrich sei absolutes Stillschweigen - auch gegenüber seinem direkten Vorgesetzten - verordnet worden. Als Übersetzerin zwischen ihm und dem Chef des Mutterkonzerns habe in Göppingen eine französische Mitarbeiterin fungiert - "das Bindeglied zwischen Frankreich und Deutschland", verdeutlicht Weyrich. Nach seinem Einwand, er fühle sich bei der Aktion nicht wohl, habe der oberste Chef gemeint, er werde sich bei Gelegenheit bedanken. Zudem werde das Geld innerhalb von 48 Stunden von Lehning an Infirmarius rückerstattet.

"Ich bin fest davon ausgegangen, dass es sich bei dem Gesprächspartner um Herrn Lehning handelte", versichert Thomas Weyrich. Nach zwei Geschäftsführerwechseln in Göppingen in den vergangenen zehn Jahren sei es nicht völlig abwegig gewesen, dass so eine Transaktion an seinem Chef vorbeigehen sollte, außerdem habe er an diesem Tag enorm unter Stress gestanden. "Aber am Abend habe ich dann schon gedacht: Irgendwas ist komisch", sagt der 38-Jährige leise.

Sein Bauchgefühl trog ihn nicht: Die 114.000 Euro kamen nicht retour - und sie tauchten bis heute nicht wieder auf. Das betroffene chinesische Geldinstitut beruft sich auf das Bankgeheimnis, um die Überweisung zu stoppen, war es irgendwann zu spät. Vieles spricht dafür, dass Weyrich einem Betrüger aufgesessen ist, der sich als dessen oberster Chef ausgegeben hat. Weyrich selbst ist fest davon überzeugt: "Da muss jemand mit Insiderwissen dahinter stecken. Ich glaube nicht an einen externen Betrüger."

Seitdem läuft eine Anzeige gegen Unbekannt - "auch in Frankreich", bestätigt Polizeisprecher Uli Sauter. Die Kripo hat der gut 30 Mitarbeiter zählenden Firma Infirmarius einen Besuch abgestattet und alle Involvierten befragt. "Handy und Laptop der französischen Mitarbeiterin wurden konfisziert", berichtet Thomas Weyrich. Die Dolmetscherin des verhängnisvollen Anrufs habe sofort Hausverbot bekommen und sei heute nicht mehr in dem Göppinger Unternehmen beschäftigt. Die Frau versichert in einem Protokoll ebenfalls, überzeugt gewesen zu sein, dass sie den französischen Chef an der Strippe gehabt habe.

Weyrich selbst, der bei Infirmarius für die Auftragsbearbeitung zuständig war, wurde am 3. August als Mitarbeiter freigestellt, durfte aber als Betriebsrat weiterarbeiten. Kurze Zeit später sei er von Betriebsratskollegen über die geplante Kündigung informiert worden. Das Gremium hat diesem Schritt nicht zugestimmt - der Fall landete vor dem Arbeitsgericht. Ergebnis ist ein Vergleich. Demnach wird der 38-Jährige das Unternehmen zum 31. März 2013 verlassen.

"Ich muss insgesamt 14.000 Euro bezahlen und bekomme ein gutes Zeugnis", sagt der Eislinger. Ursprünglich habe eine Schadensersatzforderung der Firma in voller Höhe - jenen 114.000 Euro - im Raum gestanden. Der Richter habe eingeräumt, dass es sich wohl um eine Täuschung und keinen Vorsatz gehandelt habe, eine Weiterbeschäftigung wegen einer gewissen Fahrlässigkeit und des Vertrauensverlusts aber nicht mehr möglich sei. So sieht das auch der Geschäftsführer Thomas Schneider: "Es gab keinen anderen Weg als eine Kündigung." Die "sehr kritische, gefährliche Geschichte" sei mit dem Vergleich abgeschlossen, "daher möchte ich auch keine große Stellungnahme mehr abgeben", so Schneider. Der Infirmarius-Chef meint aber: "Opfer ist größtenteils das Unternehmen."

Für Thomas Weyrich ist eine Welt zusammen gebrochen. Er sucht nun einen neuen Job. Eines hat er aus dieser Sache gelernt: "Ich werde mich bei telefonischen Anfragen jetzt immer rückversichern."

Hintermänner agieren oft aus dem Ausland

Telefonbetrüger haben verschiedene Methoden, um an das Geld ihrer Opfer zu kommen. Die Opferzahlen und der verursachte Schaden steigen stetig. Unter anderem hat sich das ZDF im Herbst in seiner Fernsehsendung "Die Anruf-Falle" mit den Machenschaften der Telefonbetrüger beschäftigt. Fazit: Der Telefonbetrug ist in hohem Maße organisiert, wobei die Hintermänner meistens vom Ausland aus agieren. Dies macht die Ermittlungen schwierig, da die deutschen Behörden nicht direkt im Ausland ermitteln können und auf Amtshilfe angewiesen sind.

Die Opfer - ob Mitarbeiter einer Firma, das Unternehmen selbst oder Privatpersonen, häufig Senioren - bleiben oft auf dem Schaden sitzen. Das Geld kann selten zurückgeholt werden, vor allem wenn es per Bargeldanweisung in andere Länder transferiert wurde.