Arbeit Betriebe müssen sich recken

Helge Thiele 04.01.2018
„Betriebe müssen sich attraktiv machen, um an Nachwuchskräfte zu kommen“, sagt Schlör, Chefin der Agentur für Arbeit.

Der Arbeitsmarkt ist seit langem in einer ausgesprochen guten Verfassung. Nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung –  kurz IAB – wird die Zahl der Beschäftigten weiter steigen und die Arbeitslosigkeit im neuen Jahr sinken. Die Bewerber um Ausbildungs- und Arbeitsstellen werden weniger und haben mehr und oft größere Einschränkungen. Für Thekla Schlör, seit Mitte November neue Chefin der Göppinger Agentur für Arbeit, steht daher fest: „Dadurch werden die Aufgaben der Arbeitsagenturen und der Jobcenter anspruchsvoller und nach meiner Einschätzung auch spannender. Es braucht Offenheit und Mut, neue Wege zu gehen. Nur wer etwas ausprobiert, wird auch Erfolge haben.“

Ausbildungsmarkt Betriebe müssten sich etwas einfallen lassen, prognostiziert  Schlör: „Wo früher noch Bewerber mit vielen anderen um einen Ausbildungsplatz konkurriert haben, haben sie heute bessere Chancen und auch mehr Alternativen. Betriebe, insbesondere kleinere Unternehmen, müssen sich weit recken und sich attraktiv machen, um an ihre künftigen Nachwuchskräfte zu kommen.“ Immer häufiger höre man, dass der Ausbildungsmarkt ein Bewerbermarkt geworden sei. Und es stimme schon: „Berufseinsteiger sind für Arbeitgeber ein hohes Gut. Darauf müssen sich Betriebe einstellen und haben es auch schon getan“, betont Thekla Schlör im Gespräch mit unserer Zeitung.

Beschäftigung Die Agentur-Chefin geht davon aus, dass die Beschäftigung 2018 „in nahezu allen Bereichen weiter wachsen wird“. An der hohen Zahl offener Arbeitsstellen sehe  man, „dass die Zeichen weiterhin auf Einstellung stehen und Firmen Personal suchen“.

Arbeitslosigkeit Diese sei im Bezirk der Agentur, zu dem die Landkreise Göppingen und Esslingen gehören, „auf einem sehr niedrigen Stand angekommen“. Schlör geht davon aus, „dass 2018 die Arbeitslosigkeit weiter abgebaut wird und wir bei der Arbeitslosenquote näher an die 3,0 herankommen werden“. Im Jahresdurchschnitt werde man vielleicht bei 3,1 Prozent landen. Die Expertin sagt auch: „Ich glaube nicht, dass wir die zwei vor das Komma bekommen werden.“

Migranten Thekla Schlör weist darauf hin, dass viele Mitarbeiter in den Unternehmen in den vergangenen Jahren aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind. Das Problem bestehe darin, „dass sie häufig ohne Deutschkenntnisse oder verwertbare Qualifikation hierher kommen“. Gehe dann ein Arbeitsplatz verloren, werde die Integration ins Arbeitsleben dadurch deutlich erschwert. Schlör wünscht sich, „dass sich die Menschen schon in ihrem Heimatland besser auf eine Beschäftigung in Deutschland vorbereiten.“ Bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt sind nach den Erfahrungen von Thekla Schlör zwei Dinge unterschätzt worden: „Der Spracherwerb dauert länger als gedacht und die Mentalität in anderen Ländern in Bezug auf die Arbeitswelt unterscheidet sich doch sehr von der unseren.“ Wichtig sei, Spracherwerb mit praktischer Erfahrung in den Betrieben zu kombinieren, aber auch die Erwartungen, die die deutsche Arbeitswelt an alle Beschäftigten stellt, „klar zu formulieren und einzufordern“.

Jugendliche Auch wenn man es schon oft gehört habe: Kein Jugendlicher dürfe am Übergang von der Schule in den Beruf „verloren gehen“. Dazu gehört für die Agentur-Chefin auch, „dass die duale Ausbildung wieder die Wertschätzung bekommt, die sie verdient und für die Deutschland weltweit beneidet wird“. Der Weg des Studiums sei für viele sicherlich richtig – aber eben nicht für alle. Für manchen sei eine Ausbildung als Einstieg der bessere Weg. Schlör: „Sie ist keine Sackgasse, sondern ebenso Auftakt für einen erfolgreichen Berufsweg. Dafür wollen wir werben.“

Schwerpunkte Einer der Schwerpunkte in 2018 ist nach Schlörs Worten die Beratung. Diese werde gerade bei einem „rund laufenden Arbeitsmarktmotor“ immer wichtiger. „Die Vermittlung in einen Arbeitsplatz ist oft nur der letzte Schritt in einem Prozess, in dem wir Menschen auf der Suche nach Beschäftigung mit guter und professioneller Beratung begleiten und unterstützen. Dazu muss man bei jedem Menschen individuell ansetzen, kreative Ideen haben und nach neuen Lösungen suchen“, erläutert die Agentur-Chefin. Den Bedarf an Fachkräften abzudecken, sei und bleibe gemeinsames Thema „mit unseren Partnern in den Fachkräfteallianzen“.

Risiken und Herausforderungen

Krisen „Gerade der Landkreis Göppingen ist durch seine Wirtschaftsstruktur mit einem hohen Anteil an produzierendem Gewerbe sehr exportorientiert. Das macht ihn stark und gleichzeitig anfällig für Krisen“, erklärt Thekla Schlör. Diese Risiken könne man vorher aber nur schwer identifizieren. Aus der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 wisse man, „dass wir auf Krisen reagieren können und handlungsfähig sind. Ich hoffe natürlich, dass dieser Fall nicht eintritt und die Wirtschaft in ruhigen Bahnen und auf Expansionskurs bleibt“, sagt die Agentur-Chefin.

Digitalisierung Zu der Abhängigkeit der baden-württembergischen Industrie von der Weltkonjunktur kommen nach Schlörs Worten Strukturveränderungen durch Digitalisierung und E-Mobilität. „Wir wissen aus Untersuchungen, dass durch die Digitalisierung der Arbeitswelt in der Summe keine Arbeitsplätze wegfallen werden. Aber sie werden sich verändern, zum Teil sehr deutlich.“ Die Anforderungen an Mitarbeiter würden steigen. Dem müsse man etwas entgegen setzen und Betriebe und Beschäftigte beim Wandel begleiten und unterstützen.