Kabarett Besucher wagen Widerworte

Beließen es in ihrer Jahresendabrechnung nicht beim Beten: (v.l.) Guntmar Feuerstein, Robert Griess und Fatih Cevikkollu.  Foto: Axel Raisch
Beließen es in ihrer Jahresendabrechnung nicht beim Beten: (v.l.) Guntmar Feuerstein, Robert Griess und Fatih Cevikkollu. Foto: Axel Raisch © Foto: Foto: Axel Raisch
Eislingen / Axel Raisch 21.01.2017

Fidel Castro ist tot, Robert Griess lebt. Er schwenkt noch immer tapfer die blutrote Fahne auf den Brettern, die die Weltrevolution bedeuten, steht kämpferisch auf den Barrikaden des politischen Kabaretts. Und deshalb gibt’s bei der Vorstellung der Schlachtplatte in der Stadthalle Eislingen auch zwei zum Preis von einem: Den Jahresrückblick 2016 und einen Aufbaukurs in revolutionärer Agitation.

Denn: Robert Griess ist Wiederholungstäter. Seit 2006 treten Kabarettisten aus verschiedenen Regionen Deutschlands in jährlich wechselnden Formationen mit der „Jahresendabrechnung“ bundesweit auf. In diesem Jahr marschierte Griess neben Fatih Cevikkollu sowie Ape & Feuerstein erneut in Eislingen auf. Das macht Sinn. Denn der Mann hat eine Mission und ein Projekt, das zu Ende gebracht werden muss.

Wohl um den Anschluss nicht zu verlieren, hatte er wieder ein paar Sprüche aus seinem letztjährigen Grundkurs mitgebracht. Zum Beispiel den der Ostdeutschen, die Angst hätten, die Flüchtlinge guckten ihnen das Privatfernsehen weg. Ähnlich wie Fred Ape und Guntmar Feuerstein, die mit ihren bissigen, aber witzigen musikalischen Einlagen und dem schon äußerlich erkennbaren Alt-68er-Charme das Programm in Eislingen immer wieder auflockern, verkörpert Griess ein unter dem neoliberalen Tand schon längst verschüttet geglaubtes Lebensgefühl.

Robert Griess vermittelt die heimelige Atmosphäre des 70er-Jahre-Eintopfs in der Welt der kulinarischen Vielfalt. Etwa, wenn er über die Veränderungen des Publikums in den vergangenen Jahrzehnten klagt. Heute fehle das dialektische Bewusstsein, die Einstellung der Zuschauer beschreibt er so: „Ich habe dafür bezahlt, und, ich habe Rücken.“

Robert Griess gibt nicht auf

Doch Robert Griess gibt nicht auf. Und hat Erfolg. Brav skandieren die meisten die vorgesagten Parolen im Kampf gegen die von der Schlachtplatte ausgemachte „Weltherrschaft der BWLer“, die Welle rollt über Banken, den FC Bayern, Finanzminister Schäuble und die „ÄtzPD“ hinweg.

Weil ein richtiger Sozialist meist auch Internationalist ist, hat Griess einen „Orientalen“ aus Köln mitgebracht. Hört sich in Tagen wie diesen gefährlich an. Ist es auch – so zu denken. Denn Handlungen wie die der Kölner Polizei zu Silvester seien „100-prozentig rassistisch“, sagt Fatih Cevikkollu. Versteht hier der verstockte Schwabe den echt kölschen Humor zur fünften Jahreszeit nicht? Oder ist das schon verbale Belästigung? Etliche Besucher tendieren offenbar zu Letzterm, Unruhe macht sich im Publikum breit, und vereinzelt bleiben Sitzplätze nach der Pause leer.

Andere wagen Widerworte, kontern mit Fakten zum Thema. Doch Fatih Cevikkollu scheint das Demokratieverständnis von Bundespräsident Gauck zu haben, der gesagt hat, Demokratie müsse wehrhaft sein. Der Kölner Kabarettist wehrt sich tapfer gegen das Publikum, verteidigt die Demokratie heroisch gegen die Gefahren von Meinungsfreiheit und herrschaftsfreiem Diskurs: „Sie sind gefährlich“ und „Ich verstehe Ihr Deutsch nicht“, versucht er die Besucher in die Schranken zu weisen. So viel kritischer Geist im Publikum muss dann doch nicht sein – revolutionäre Agitation hin oder her.

Oder waren es Zwischenrufe einiger Agents Provocateurs, war es Teil der Vorstellung? Dies ist möglich, es hat aber nicht den Anschein. Vielmehr scheinen die spontanen Äußerungen die Maske vom Gesicht des Kabarettisten gerissen zu haben.

Dafür ist die Fähigkeit zur Selbstironie auch was wert. Sei es bei Griess’ gespielter Rückkehr von den kubanischen Trauerfeierlichkeiten für den „Maximo Lider“ oder Cevikkolus Karneval. Er lässt das Publikum auf „Kölle“ dreimal „Allah“ erwidern und sagt voraus, die Zeitung werde nun von einer fortschreitenden Islamisierung berichten.

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