Filme über todkranke Menschen laufen mit wenigen Ausnahmen, wie etwa unlängst "Die Entdeckung der Unendlichkeit" über Stephen Hawking, auf folgendes Ende zu: den Tod. Entscheidend ist also, wie sich das Drama diesem unvermeidlichen Ausgang nähert. Welche Entwicklungen durchlaufen die Protagonisten - und wer verkörpert sie wie? In "Das Glück an meiner Seite" mimt die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank diese tragische Figur der Kate in all ihren Facetten. Emmy Rossum als ihre unerfahrene, chaotische Pflegerin Bec ist ihr Gegenpart, oder eben "das Glück an ihrer Seite".

Die 35-jährige Kate (Swank) lebte bislang in einer Hochglanzwelt: Sie war einst erfolgreiche Pianistin, ihr Mann Evan (Josh Duhamel) ist angesehener Anwalt. Hinzu kommen ein mondänes Haus und überall schöne Menschen in schönen Kleidern, die freundlich, respekt- und liebevoll miteinander umgehen.

Es scheint alles perfekt zu sein, die Menschen, das Essen, die Beziehungen; Geld spielt sowieso keine Rolle. Doch an einem dieser stylischen Pärchenabenden zu Kates 35. Geburtstag bekommt die heile Welt einen scharfen Riss: Kate stellt fest, dass sie ihre Finger nicht mehr normal bewegen kann.

Eineinhalb Jahre später: Kate hat die Diagnose erhalten, an der Nervenkrankheit ALS erkrankt zu sein und ist bereits auf fremde Hilfe angewiesen. Die leistet aufopferungsvoll Evan so gut es geht. Er hilft ihr beim Anziehen, auf der Toilette, malt ihr die Lippen nach, legt ihr den Schmuck an. Das alles im gestärkten weißen Hemd, im Designeranzug kurz bevor er in seine erfolgreiche Kanzlei geht.

Fremde Hilfe muss her: Da kommt Bec ins Spiel, die erfolglose Musikerin und Studentin, gerade nach einer durchzechten Nacht mit One-Night-Stand im klapprigen Pick-up, leicht verspätetet und mit Zigarette im Mund. Die Unterschiede könnten nicht größer sein zwischen Kate und Bec.

Doch Kate entscheidet sich ausgerechnet für diese junge Frau ohne jegliche Pflege-Erfahrung. Sie hatte die Vorgängerin gefeuert, weil sie sie "wie eine Patientin behandelt" hatte. Bec ist unkonventionell, derb und lacht auch schon mal über und mit Kate, wenn diese von der Toilette rutscht und plötzlich mit der Hand in der Kloschüssel landet.

Wie zu erwarten, freunden sich die beiden Frauen an. Unweigerlich und nicht zu unrecht fühlt man sich dabei an die Erfolgskomödie "Ziemlich beste Freunde" erinnert. Bec gibt Kate Lebensfreude zurück, soweit das geht, behandelt sie trotz des körperlichen Verfalls wie einen normalen Menschen. Und lässt sie vor allem ihr Leben und ihre Freundschaften überdenken. "Warum wollen wir immer die Menschen, die uns gar nicht sehen", sagt Kate einmal und spielt damit auch auf ihre Ehe an, die sie immer mehr selbst als Hochglanzabziehbild entlarvt.

Hilary Swank spielt diese von der Krankheit mehr und mehr gezeichnete Frau großartig. Zunehmend fallen ihr Bewegungen, das Sprechen schwer, die Stimme versagt, ihr Körper sowieso - und sie verliert zunehmend den Lebensmut. Der einzige Mensch an ihrer Seite: Bec. Denn ihr Mann Evan scheint mehr und mehr von der Situation überfordert, sucht sich ein Ventil, wie sollte es anders sein, in einer Affäre.

Das ist leider alles so klischeehaft, wie die Geschichte absehbar. Noch dazu nutzen Regisseur George C. Wolfe und Drehbuchautorin Shana Feste die Romanvorlage "You're not you" von Michelle Wildgen lediglich, um Lebensweisheiten zu platzieren und Stereotype zu bedienen. Das ist schade und manchmal sogar ärgerlich. Da ist es einzig dem grandiosen Spiel von Hilary Swank zu verdanken, dass "Das Glück an meiner Seite" ein beeindruckendes Filmerlebnis ist.

Auf einen Blick vom 16. April 2015

Das Glück an meiner Seite

USA 2014, 102 Min., FSK 6

Regie: George Wolfe

Darsteller: Hilary Swank, Emmy Rossum, Josh Duhamel

Kurzinhalt: Als die 35-jährige Kate (Hilary Swank) an der Nervenkrankheit ALS erkrankt, bekommt ihr Hochglanzleben mit Ehemann Evan (Josh Duhamel) tiefe Risse. Doch mit ihrem körperlichen Verfall gewinnt sie einen neuen Blick auf das Leben und auf ihre Beziehungen.

SWP