„Das ist furchtbar für uns alle.“ Die Stimme der Betriebsratsvorsitzenden Eva le Beau klingt bedrückt. So niedergeschlagen, wie die Stimmung derzeit bei der Göppinger Arzneimittelfirma Müller ist. Zwar wird in den Räumen an der Bahnhofstraße noch gearbeitet, aber zum Jahresende gehen in dem Traditionsunternehmen, zu dem auch die Staufen-Pharma und deren Tochter Staufen MP gehören, endgültig die Lichter aus.

Die Geschäftsleitung bestätigte am Donnerstag gegenüber unserer Zeitung die bevorstehende Schließung. Über die Gründe, die zu der Entscheidung geführt haben, wollte die Firmenleitung jedoch nichts sagen. Das Unternehmen werde sich auf Anraten seines Anwalts erst äußern, wenn die laufenden Arbeitsgerichts-Prozesse abgeschlossen sind, so die Geschäftsleitung.

Dem Unternehmen, das pflanzliche und homöopathische Arzneimittel herstellt und Medizinprodukte vertreibt, gehe es schon seit langem schlecht, weiß der Bezirksleiter der Industrie-Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, Rainer Holland-Moritz. Das Betriebsergebnis sei seit Jahren negativ gewesen. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation – „es war ersichtlich, dass die Firma in Nöten war“ – hätten Gewerkschaft und Betriebsrat zugestimmt, auf die Öffnungsklausel des Tarifvertrags zurückzugreifen. Die Mitarbeiter hätten seit Jahren immer wieder auf die Jahresleistung verzichtet. Im Gegenzug habe das Unternehmen zugesagt, keine Arbeitsplätze abzubauen.

Schlimmste Befürchtungen wurden wahr

Im vergangenen Jahr kündigte die Geschäftsleitung überraschend an, doch Weihnachtsgeld zu zahlen und war somit an die Vereinbarung, Arbeitsplätze zu erhalten, nicht mehr gebunden. Bei Gewerkschaft und Mitarbeitervertretung schrillten die Alarmglocken. „Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen“, sagt die Betriebsratsvorsitzende. Diese seien nun wahr geworden. Die Mitarbeiter stünden unter Schock, sagt Eva le Beau. Zwar sei ein Sozialplan ausgehandelt worden, „aber die Abfindungen fallen nicht so aus, wie sich das viele von uns erwartet haben“. Die Kollegen seien extrem unzufrieden, einige seien vors Arbeitsgericht gezogen, berichtet le Beau.

Die 1921 von Apotheker Carl Müller gegründete Traditionsfirma stand vor 13 Jahren schon einmal auf der Kippe. Damals hatte das Verbot des in Müller-Präparaten verwendeten pflanzlichen Wirkstoffs Kava-Kava zu einem gewaltigen Umsatzeinbruch geführt und das Unternehmen in eine tiefe Krise gestürzt, von der es sich laut der Betriebsratsvorsitzenden nie mehr erholt hat. Die Betriebsschließung konnte letztlich abgewendet werden, jedoch hat Müller heute mit rund 70 Beschäftigten nur noch etwa ein Drittel der damaligen Mitarbeiterzahl. Vor wenigen Wochen nun hat das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen entschieden, dass der Widerruf der Genehmigung nicht rechtmäßig war – zu spät für Müller und die Mitarbeiter.

Auch sie stehen ab dem 1. Januar auf der Straße. Der Betriebsrat habe versucht, auf die Geschäftsleitung einzuwirken, den Betrieb zu verkaufen, aber offensichtlich wurde kein Käufer gefunden. Bitter sei: „Wir haben ausschließlich langjährige Mitarbeiter.“ Die meisten hätten der Firma zwischen 20 und 40 Jahre die Treue gehalten, auch das Verhältnis zu den Firmenchefs sei gut gewesen. „Wir sind wie eine große Familie.“ Die Aussichten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, sei vor allem für die vielen älteren Beschäftigten nahezu aussichtslos. „Das ist sehr traurig“, sagt Eva le Beau.

Firma mit langer Tradition

Geschichte: Das Unternehmen Müller Göppingen wurde 1921 von Apotheker Carl Müller gegründet. Er war zuvor Leiter der „Homöopathische Central-Offizin“ in Göppingen, eine der Keimzellen der Homöopathie in Baden-Württemberg.

Schwesterfirma: Müller Göppingen stellt pflanzliche Arzneimittel her. Die 1956 gegründete Schwesterfirma Staufen-Pharma ist auf homöopathische Medikamente spezialisiert. Mit unter dem Dach ist die Staufen MP GmbH, 1998 als Tochter der Staufen-Pharma gegründet. Die Tochterfirma vertreibt Medizinprodukte.