Installation Begehbare Zelte in der Kunsthalle Göppingen

Viele Neugierige waren am Sonntag bei der Eröffnung der Ausstellung des Künstlerduos Mattias Böhler und Christian Orendt in der Kunsthalle Göppingen dabei.
Viele Neugierige waren am Sonntag bei der Eröffnung der Ausstellung des Künstlerduos Mattias Böhler und Christian Orendt in der Kunsthalle Göppingen dabei. © Foto: Hans Steinherr
Göppingen / Hans Steinherr 02.08.2018

Es ist alles nur eine Illusion. Ihre Erscheinung, ihr Gesang. Ihr Zusammentreffen an diesem mystischen Ort, an dem sie – neun von einer Vielzahl ausgestorbener Tiere – ausgerechnet in der Kunsthalle Göppingen den Menschen vergeben – jenen Lebewesen also, die als die intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten gelten. Sie entschuldigen sich geradezu dafür, dass sie von der Menschheit ausgelöscht werden mussten. Weil sie der Entwicklung und dem Fortschritt im Wege standen.

Alles nur eine Illusion? Die Ausstellung „The Carrion Cheer – A Faunistic Tragedy“ der beiden jungen Künstler Mattias Böhler und Christian Orendt, immerhin Gewinner der „Triennale Schweinfurt“ 2016, lebt von einem märchen- und fabelhaften Esprit, durchdrungen von potenzierender Ironie und sich steigerndem schwarzen Humor. Geschaffen wurde sie in Kooperation mit der Göppinger Kunsthalle für eine Ausstellung im Halsey Institute of Contemporary Art in Charleston, USA. Jetzt – gleich danach – ist sie für zwei Monate in Göppingen zu sehen.

Der Besucher und Betrachter begibt sich hier an einen mystischen Ort, hinein in ein Camp, in dem sich in neun Zelten jeweils die Seele von  einem ausgestorbenen Tier befindet. Er begibt sich auf unbestimmte Zeit in ein Zwischenlager für erinnerte Gedanken an real überlieferte Ereignisse, vermengt mit Gefühlen und Geschichten, befreit von Zeit und Raum.

Betritt der Besucher ein Zelt, wird er sogleich rhythmisch sprechend und singend begrüßt. Absicht des Künstler-Duos war es, einen betörenden Sound zu schaffen, der verunsichert, betroffen macht, weil der Klang kein Wehklagen, kein Jammern enthält, weil er erst süßlich und verlockend klingt und gemeinsam verstärkt im Chor und einer Endlosschleife den Besucher dann doch zum schieren Wahnsinn treiben soll. Odysseus‘ Sirenen und Caesars Todgeweihte lassen grüßen. Weil Verständnis statt Vorwurf geäußert wird, ist die unausgesprochene Anklage nur noch intensiver.

Subtiler schwarzer Humor ist ein tragendes Element in der Arbeit der beiden Installationskünstler. Wie auch die Sprache und der Umgang mit Worten. Die Gesichter der Tiere schweben frei und unantastbar in den Zelten, leicht überhöht, fast auf Augenhöhe mit dem Betrachter. Computertechnisch aufwendig auf einen Hauch aus feinem Wassernebel projiziert. Mäuler, Schnäbel und Lippen bewegen sich synchron zu Sprache und Gesang.

Die Zeltwände bestehen nur scheinbar aus Leder, wie Jagdtrophäen sind auf den Zeltdächern Tierköpfe aus puscheligen schwarzen Cheerleader-Pompons aufgespießt. Im Zeltinneren erzählen Bilder, die Höhlenzeichnungen gleichen, vom Niedergang der Verschwundenen. Von den neun Tierarten verschwand die Stellersche Seekuh 1768 zuerst – erschlagen von Pelztierjägern in Alaska. Um 1900 war in Australien der Schweinsfüßige Nasenbeutler dran, und zuletzt 2012 die Pinta-Riesenschildkröte auf Santa Cruz. „Du hast mich vorausgeschickt. Es ist Zeit, mir nachzukommen“ heißt es am Ende des Jubelgesangs der Kadaver.

Info Öffnungszeiten: Di bis Fr 13-19 Uhr; Sa, So. und an Feiertagen 11-19 Uhr (bis 23. September). Mehr Informationen zum Begleitprogramm gibt es unter www.kunsthalle-goeppingen.de.

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