Ein arbeitsreiches Jahr liegt hinter Ihnen und dem Baudezernat. Wagen Sie mal eine Prognose: Wie viele Spatenstiche und Einweihungen werden Sie bis zu Ihrem Ruhestand noch feiern?

HELMUT RENFTLE: Ich hoffe, es werden noch einige Spatenstiche und Einweihungen dazu kommen. Richtig ist, dass wir in den nächsten Jahren eine Vielzahl an Investitionen in der Stadt geplant haben. Das wird sicher auch eine große Herausforderung für unsere Bauverwaltung, für die Stadträte und für die Bürger.

Für das "Rathaus II" am Bahnhof geht der Architektenwettbewerb in eine zweite Runde, weil die erste keinen eindeutigen Sieger ergab. Ist der Zeitplan für den geplanten Neubau dennoch zu halten?

RENFTLE: Ja. Wir sind ganz zufrieden mit dem Ergebnis, dass wir jetzt vier sehr gute Entwürfe haben, die zur Auswahl stehen. Die Architekten sind beauftragt, diese Entwürfe nochmals im Detail zu überarbeiten. Und zwar auf der Grundlage der Beurteilung der Jury.

Der eigentliche Baubeschluss steht ja noch aus. Es werden aber schon Tragwerksplanung und Ingenieurleistungen ausgeschrieben. Warum ?

RENFTLE: Wir haben für das Verwaltungsgebäude nur Maßnahmen im Vorfeld des Wettbewerbs ausgeschrieben. Wir hatten ja eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen, um das Raumprogramm zu überprüfen und auf der anderen Seite auch die Kosten zu ermitteln und die Kosten möglichst frühzeitig exakt zu greifen.

Also sind die aktuellen Ausschreibungen alle dazu gedacht?

RENFTLE: Genau. Die eigentlichen Ausschreibungen werden dann gemacht, wenn wir das Baugesuch eingereicht haben. Es muss ja im Vorfeld der endgültige Entwurf vom Gemeinderat beschlossen werden. Also einer der vier Preisträger muss die Grundlage für das weitere Projekt sein.

Dann kommen die Planungsbüros zum Einsatz, die Sie jetzt suchen?

RENFTLE: Ja, weil wir in der Regel EU-weite Ausschreibungen machen müssen.

Das "Rathaus II" gilt als Ihre Idee. Warum ist Ihnen das wichtig?

RENFTLE: Da muss ich korrigieren. Die ersten Ansätze sind schon vor einigen Jahren gemacht worden. Das Projekt ist deshalb wichtig, weil wir hier in Göppingen außer dem Rathaus für die Arbeit der Verwaltung kein Verwaltungsgebäude nutzen. Wir sind auf sechs Standorte außerhalb des Rathauses verteilt, überwiegend in ehemaligen Wohnhäusern und gewerblich genutzten Gebäuden. Auf dieser Grundlage kann einfach eine wirtschaftliche und bürgernahe moderne Verwaltung nicht betrieben werden.

Die Stadt muss für den Neubau 16 Millionen Euro aufbringen. Kritiker sagen, dafür hätte man einige Kindergärten bauen oder Schulen auf Vordermann bringen können.

RENFTLE: Die Alternative sind nicht Kindergärten, Schulen oder andere städtische Einrichtungen, sondern die Alternative wäre, diese sechs Standorte auf den heutigen Standard zu bringen. Diese Alternative ist untersucht worden. Sie ist teurer und hätte immer noch den Nachteil, dass wir auf verschiedene Standorte verteilt sind. Man sieht ja auch an Unternehmen, dass sie versuchen, ihre Belegschaft auf einen Standort zu konzentrieren, beispielsweise die Kreissparkasse oder Firmen wie Schuler oder Team Viewer.

Auch sonst tut sich ja viel im Bahnhofsviertel, von städtischer Seite, aber auch von Unternehmen wie der Kreissparkasse. Nur der Bahnhof selber scheint ewig eine Schmuddelecke zu bleiben. Ist das Schicksal?

RENFTLE: Ich hoffe nicht, dass es so bleibt. Das Bahnhofsgebäude selbst aus dem Jahr 1964 hat eine sehr schöne Architektur, die auch gut nach Göppingen passt. Und wir hoffen und rechnen damit, dass die Bahn nach Abschluss unserer Arbeiten nachzieht. Wenn der Bahnhofsplatz neu gestaltet ist, dann wird das Bahnhofsgebäude noch schmuddeliger aussehen als heute und wir gehen davon aus, dass die Bahn dann reagiert.

Das nächste Großprojekt wird vermutlich eine neue Feuerwehr-Hauptwache sein, mit dem entsprechenden Freiraum drum herum. Wie weit ist das gediehen?

RENFTLE: Der Neubau der Hauptfeuerwache ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir noch in der Konzeptfindung sind. Es wird durchaus immer noch über verschiedene Standort-Alternativen nachgedacht. Das muss gemeinsam mit der Feuerwehr zunächst geklärt werden. Ich bin sehr froh, dass wir diese Diskussion auch mit dem Gemeinderat offen führen, und ich glaube, dass wir da eine gute Lösung finden.

Es ist die Rede davon, dass für einen Feuerwehr-Neubau auch das große Nachbar-Gebäude weichen müsste - also die ehemalige Stadtbibliothek und Keimzelle der Wilhelmshilfe. Ist das nicht erhaltenswert?

RENFTLE: Wenn man am bestehenden Standort die Feuerwehr erweitern will, dann muss dieses Grundstück mit einbezogen werden, sonst geht das nicht. In das Gebäude, das der Wohnbau gehört, sind seit vielen Jahren keine Investitionen mehr getätigt worden. Es hat Risse und Setzungen und ist von der Bausubstanz her ausgesprochen schlecht.

Auch Bauland für Eigenheime ist in Göppingen knapp. Die Bauland-Offensive setzt auf relativ kleine Schritte. Der große Wurf ist aber nicht in Sicht.

RENFTLE: Wir sind zufrieden mit der Entwicklung. Mit Hilfe der Bauland-Strategie haben wir derzeit 13 Bauquartiere in Bearbeitung. Bis Ende 2017 hätten wir damit bebaubare Flächen für zirka 300 Wohneinheiten in Eigenheimen und im Geschosswohnungsbau geschaffen. Darüber hinaus gibt es weitere Flächen, die wir für kostengünstige Mietwohnungen ausweisen wollen.

Beim Mietwohnungsbau ist die städtische Tochtergesellschaft Wohnbau involviert, die aber auch bei so manchem innerstädtischen Vorzeige-Projekt kräftig mitmischt - beispielsweise am Apostel-Areal. Haben Stadt und Gemeinderat da trotzdem noch die Hand drauf?

RENFTLE: Wir haben einmal die Woche einen festen Termin mit der Wohnbau, bei dem wir uns frühzeitig gegenseitig abstimmen. Das ist eine sehr gute Zusammenarbeit. Das war vielleicht nicht immer so.

Manche Stadträte fühlen sich ausgebootet, weil wesentliche Entscheidungen der Stadtentwicklung im Aufsichtsrat der Wohnbau fallen.

RENFTLE: Soweit die Projekte der Wohnbau den öffentlichen Raum betreffen, haben die Stadt und der Gemeinderat ein Mitspracherecht. Und das üben wir auch aus.

Beispielsweise mit Hilfe der neuen Gestaltungssatzung für die Altstadt?

RENFTLE: Richtig. Aber auch über den Gestaltungsbeirat, wie zum Beispiel bei der Sanierung der Villa Gutmann am Bahnhof. Aber auch deshalb, weil wir den Technischen Ausschuss regelmäßig über eingehende Baugesuche informieren. Wir haben also eine sehr viel breitere Informationsbasis als früher.

Die Gestaltungssatzung stand im Gemeinderat auf der Kippe. Wie wichtig ist es, dass sie doch noch durchgekommen ist?

RENFTLE: Die Gestaltungssatzung ist ein wesentlicher Baustein für die Erhaltung unserer Altstadt. Die Satzung ist aber keine Verhinderungssatzung. Sie gibt klare Vorgaben für die Erhaltung der Struktur, sowohl bei Neubauten wie auch bei der Sanierung von Altbauten.

Einen Abriss kann sie im Zweifel auch nicht verhindern.

RENFTLE: Nein, es ist ja keine Erhaltungssatzung. Wir wollen die weitere bauliche Entwicklung unserer Altstadt. Das ist auch notwendig, wir wollen schließlich auch das Wohnen in der Altstadt fördern. Dafür braucht man auch entsprechende Gebäude-Angebote. Die Neubauten müssen sich aber an das klassizistische Vorbild halten.

Zur Person 

Helmut Renftle (64) ist in Geislingen aufgewachsen. Er studierte Stadtbauwesen in Stuttgart und Aachen, arbeitete als Regierungsbaumeister beim Regierungspräsidium und als Planer bei der Region Stuttgart, bevor er 1993 zur Stadt Göppingen kam. Vor genau eineinhalb Jahren, am 1. Juli 2014, trat er sein Amt als Baubürgermeister der Hohenstaufenstadt an - als Nachfolger von Olav Brinker. Renftle ist verheiratet und wohnt in Oberwälden. Er hat eine erwachsene Tochter.