Der charismatische Solo­oboist der Berliner Philharmoniker Albrecht Mayer verband im Meisterkonzert in der Stadthalle höchste Tonkunst mit grifftechnischer Souveränität, Spielfreude und ansteckender Emotionalität. Dadurch kam es zu faszinierenden Momenten. Im Gepäck waren ausschließlich barocke Werke, die, fernab von engen Vorschriften der historischen Aufführungspraxis, zum Leben erweckt wurden.

Während Mayer nur Bearbeitungen spielte, hatte sein Partner, der Cembalist Vital Julian Frey, zwei Originalkompositionen gewählt. Sein Cembalo, eine Kopie eines französischen Instruments aus dem 18. Jahrhundert, passte mit seinem feinen, eher hellen Klang gut zu der offenen Struktur seiner Stücke. Die zwei Sätze aus der Suite Nr. 5 E-Dur HWV 430 von G. F. Händel steigerten sich von einem freien Prélude über eine bekannte Air mit fünf Variationen zu einer runden, musikalisch aber eher unspektakulären Interpretation.

Von anderem Kaliber war im zweiten Teil die Chromatische Fantasie d-moll BWV 903 für Cembalo solo von J. S. Bach. Wahre Klangkaskaden lösten die Komposition mehr und mehr auf, unterbrochen durch eindringliche deklamatorische Teile. Ungewöhnlich lang hielt der Künstler am Schluss inne: So wurde Musik zum Ereignis.

Am Anfang und am Ende spielte das Duo jeweils eine Bearbeitung der sechs Orgeltriosonaten von Bach, wobei das Tasteninstrument zwei, die Oboe eine selbstständige Stimme übernahm. Reizvoll war der Kontrast zwischen dem gezupften Cembaloton und dem weichen, wandlungsfähigen Oboenklang. Mayer hatte für die eröffnende vierte Sonate die dunkler klingende Oboe d’amore gewählt und trat hier noch eher als dominierender Solist auf. Ganz anders im Schlussstück, dessen in allen drei Sätzen schwingender Trio-Charakter nun lebendig werden konnte. Befremdlich erschienen jedoch zahlreiche romantisch gedehnte Rubati. Leider verplauderte sich danach der kurzweilig kommentierende Albrecht Mayer während des Stücks vor dem letzten Satz. So konnte kein Gesamteindruck entstehen.

Im Mittelteil des Konzertes standen zwei weitere Facetten der barocken Oboenliteratur auf dem Programm. Die vier Bearbeitungen von Arien aus Opern und einem Orgelkonzert von Händel waren unter dem Titel Concerto „Verdi Prati“ zusammengefasst. Ansteckende Fröhlichkeit wechselte mit vielschichtiger Gesanglichkeit des edlen Tons der Oboe d’amore. Die Virtuosität der Koloraturen würde jeden Ariensänger vor Neid erblassen lassen!

Der Prototyp eines Oboenkonzerts folgte: Alessandro Marcellos Concerto d-Moll. Da verband sich der hellere Oboenklang mit dem Klangfundament des Cembalos zu einer glücklichen Mischung. Zum Staunen war dazwischen das wahrhaft betörende Adagio, das Mayer mit den Verzierungen von J. S. Bach spielte.

Diese andächtig zelebrierte Musik fand dann ihre Fortsetzung in der Zugabe aus der Kantate BWV 12 „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“. Das war zu Herzen gehende Musik!

Lockerer Umgang mit dem Original im Zeitalter des Barock


Aufführungspraxis: Komponisten und Ausführende hatten im Zeitalter des Barock ein völlig anderes Verhältnis zum Original als heute üblich. Der Musiker konnte bzw. musste sich das Stück selbst einrichten: Dynamische Bezeichnungen oder Artikulationsanweisungen fehlten oft in den Noten, der Komponist ließ den Interpreten Freiheiten in der Ausführung. Absichtlich waren langsame Sätze nur mit „Pfundsnoten“ – gedehnten, vereinfachten Tonverbindungen – ausgeführt, verziert wurde nach Regeln, eigener Fantasie und spontaner Eingebung. Werke anderer Komponisten wurden verändert und auf andere Instrumente übertragen, ohne Angabe des ursprünglichen Komponisten – ein Alptraum für heutige Urheberrechtler! Eigene Werke wurden neu gefasst (und verkauft), Gesangsstimmen mit anderen Texten versehen oder von den Instrumentalisten für sich entdeckt, wie jetzt in Göppingen im Concerto „Verdi prati“. uk