Der Strom für den ICE, der ab Ende 2021 auf der Neubaustrecke rauschen soll, soll von der bisherigen Bahnstromtrasse abgezweigt werden, die schon immer parallel zum Filstal über das Voralbgebiet führt. Für den geplanten „Stich“ bis Nabern will sich die Bahn an die ENBW-Leitung anhängen, die von Kirchheim nach Hattenhofen führt.

Die Weiterführung dieser Leitung Richtung Süßen ist bereits eine gebündelte Trasse, dort nutzen Bahn und ENBW gemeinsame Masten. Der Stich nach Nabern führt auf Hattenhofer Markung über freies Feld, nur am Gewerbegebiet beim Sportplatz streift er belebte Orte.

Eine ziemliche Verärgerung von Landwirten schlug den Planern der Bahn entgegen, als sie in der Sillerhalle ihre Pläne erläuterten. Warum wolle die Bahn mit einem Stich nach Nabern operieren? Sie könne doch entlang der ICE-Trasse eine Leitung legen. Und warum nehme sie kein Erdkabel, dann gäbe es keine Beeinträchtigungen für die Landwirtschaft.

Ein Sprecher war überzeugt: „Das ist nur eine Kostenfrage, das ist für Sie billiger.“ Die Bahn wolle damit bei ihren Aktionären „gut dastehen.“

Die Bahn-Leute widersprachen. Es sei mitnichten billiger, eine bestehende Stromtrasse aufzustocken. Das koste sogar doppelt soviel, nämlich 600.000 Euro pro laufendem Kilometer, weil man alte Masten abbauen und neue aufstellen müsse. Die seien dann einige Meter höher (maximal 35 statt 31 Meter) und bräuchten größere Fundamente.

Die Kosten spielten selbstverständlich eine Rolle, wobei der Bund alleiniger Aktionär der Bahn sei, führte Projektleiter Kai Müller aus. Nur bräuchte man entlang der Neubaustrecke einen Korridor von Grunderwerb, da wären dann wieder andere Besitzer betroffen. Ein Erdkabel eigne sich aus stromphysikalischen Gründen für den Bahnverkehr nicht, erläuterte Sascha Beck.

Neue Lasten durch neue Masten, die auf Privatleute übertragen würden, gibt es so nicht, wie die Bahn klarstellte. Acht Masten stünden auf Gemeindegrund, nur einer auf Privatfläche. Dieser Eigentümer, der bisher auch schon einen Masten auf seinem Gelände hat, muss ein Baufeld von 30 mal 30 Metern in Kauf nehmen, ferner einen leichten Flächenverlust bei sechs bis acht Meter Kantenlänge der neuen Masten. Das sind etwa zwei Meter mehr als bisher.

Und wie sei es mit Folgeschäden? Durch Baufahrzeuge könne der Boden so verdichtet werden, dass man noch in 20 Jahren schlechtere Erträge habe, brachte ein Landwirt vor. Die Entschädigung könne lange auf sich warten lassen, da brauche man einen Anwalt und es komme kein Geld. „Das ist zermürbend. Es müsste eine Pauschale geben.“

Kai Müller glaubt nicht, dass es diese Schäden gebe. Mit dem Wegenetz komme man klar. Katja Walter vom Flächenmanagement der Bahn versprach, dass Schäden relativ schnell geregelt würden. In Denkendorf habe das in einem vergleichbaren Fall acht Wochen gedauert.

Der „breite Rücken der Gemeinde“ trage den Bahnstrom, stellte Bürgermeister Jochen Reutter fest. Das sei kein schlechter Weg. Es zahle sich aus, dass die Gemeinde vor 30 Jahren bei der Flurbereinigung Flächen rund um die Masten übernommen habe. Das habe man damals im Hinblick auf größere Masten gemacht, die dann auch gekommen seien.

Am Ende fielen keine harten Worte mehr, der Ärger schien verraucht. Landwirte beugten sich mit Projektleiter Gottfried Auwärter über die Pläne und diskutierten über Hecken und Bäume an einzelnen Standorten.

 

Ein Kommentar von Jürgen Schäfer: Hoffnung auf ein Miteinander

Harte Worte sind in Hattenhofen über die Pläne der Bahn gefallen, die jetzige Stromleitung der ENBW mit dem Bahnstrom für die ICE-Trasse entlang der Autobahn zu bündeln. Für einen Moment schien es, dass schon wieder Protest über eine Stromtrasse aufflammt, nachdem der im Schurwald zuletzt friedlich erloschen ist. Aber hier liegen die Verhältnisse anders. Kein Mensch bestreitet, dass die Bahn Strom für ihren ICE braucht, und die Bahn tut das Richtige: den Strom über eine bestehende Trasse heranzuführen statt irgendwo eine neue Schneise zu schlagen. Dass dies doppelt soviel kostet wie ein Neubau, nimmt die Bahn in Kauf. Das darf es auch dem Steuerzahler wert sein, der die Kosten trägt, denn der Eingriff in die Landschaft und Landwirtschaft scheint doch ziemlich gering. Die Gemeinde Hattenhofen kann die Last mit dem Mast fast komplett auffangen, es wird nur ein Privateigentümer mit einem größeren Masten als bisher beeinträchtigt. Das mag ihn schmerzen, aber solche Opfer bringt eine neue Bahntrasse mit sich. Am Ende schien denn auch der Zorn verraucht - die Hattenhofer Landwirte können offenbar mit der höheren Stromleitung leben. Erfreulich auch, dass sich die Bahn-Leute gesprächsbereit und offen gezeigt haben. Das lässt auf ein Miteinander hoffen, wenn es um die Feinjustierung von Standorten geht - und um die Fälligkeit von Entschädigungen, die durch die Leitung und im Schadensfall entstehen.