Göppingen Ausstellung: Mit Herz und Verstand

Riesiges Stahlherz des Offenburger Konzeptkünstlers Stefan Strumbel in der Kunsthalle Göppingen.
Riesiges Stahlherz des Offenburger Konzeptkünstlers Stefan Strumbel in der Kunsthalle Göppingen. © Foto: Tom Ziora
Göppingen / HANS STEINHERR 28.11.2015
Pop-Art-Künstler Stefan Strumbel verleiht mit "Handle with care" der Jahresausstellung des Göppinger Kunstvereins Herz und Verstand.

Deplatziert und wie verloren liegt es im Raum. Ein Herz kann man verlieren, verschenken, wiederfinden. Eines, das tonnenschwer, über vier Meter hoch und sechs Meter lang raumfüllend in der Göppinger Kunsthalle herumliegt, kann man jedoch eines nicht: übersehen. Es versperrt jegliche Weitsicht, drängt sich auf, dominiert. Neugierig umschwirren die Besucher das kalte, eiserne Göppinger Herz, wie vor Zeiten die Trojaner ihr hölzernes Pferd, suchen nach Ritzen und Spalten und Löchern, um Einsicht zu finden.

Wer hat schon mal ein Herz mit Händen berührt, in sein Innerstes geschaut? Es gibt Menschen mit und ohne Herz. Das eigene spürt man. Wenn es bis in den Hals hinauf klopft, und der Pulsschlag den Rhythmus der Zeit vermisst. Mutige nehmen es in die Hände, Ängstlichen verrutscht es. Berührt haben es nur wenige.

"Handle with care" nennt der 36-jährige Offenburger Pop-Art- und Konzept-Künstler Stefan Strumbel seine herzergreifende Skulptur, die er dem Göppinger Kunstverein für seine Jahresausstellung überlassen hat. Kultige Kuckucksuhren haben Strumbel bekannt gemacht und frühe Graffitis mit dem Gesetz in Konflikt gebracht. In der Stuttgarter Oper hat er ganz aktuell das Bühnenbild für die Puccini-Oper "La Bohème" geformt, nun hat er in der Göppinger Kunsthalle ein Herz zusammengeschweißt. Nur berühren, sagt er, darf man es noch nicht. Nicht, solange es hier ist. Sein Werk sieht er als Fortsetzung seiner Blutspende-Performance an, die im Oktober in Göppingen stattfand.

Aus Stahlplatten hat er Dreieckfelder mit einem Laser ausgeschnitten und wieder zusammengeschweißt. Wochenlang. In fünf Teilen von Rottweil nach Göppingen transportiert, dann in der Kunsthalle von innen die Fragmente miteinander verschraubt. Damit das Herz nicht brechen kann. Salpetersäure beschleunigte den Rostansatz. Der mutet an wie eingetrocknetes Blut.

"Handle with care" fordert zum vorsichtigen Handeln auf, zum bewussten Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen, der Umwelt. Eine Aufforderung die - Hand aufs Herz - gut in die Zeit passt. Strumbels Herz sieht geschunden aus, wie von Narben übersät, ist offen an Aorta und Hauptschlagader. Die Löcher zu hoch, um eingesehen werden zu können, doch groß genug, um Besucherblicke einzusaugen.

Mit Herz und Verstand lässt sich gut assoziieren. Strumbels Herz ist für den öffentlichen Raum bestimmt, den Alltag, die Kunst und deren Wahrnehmung auffrischen. "Dann", so sagt Stefan Strumbel, "darf es auch berührt werden". Wer begreifen will, sucht Berührung.

Info Öffnungszeiten der Ausstellung des Kunstvereins in der Kunsthalle Göppingen: Di. bis Sa., 13-19 Uhr, Sa., So. 11-19 Uhr (bis 10. Januar).

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