Göppingen Aufbruch mit Theater und 68er

Klaus Ege lebt ein Leben für das Theater. Mit dem Spiel auf der Bühne politisierte sich der Göppinger.
Klaus Ege lebt ein Leben für das Theater. Mit dem Spiel auf der Bühne politisierte sich der Göppinger. © Foto: Margit Haas
Göppingen / Von Margit Haas 22.03.2018
In einer Serie lässt die NWZ Menschen zu Wort kommen, die die 68er-Bewegung erlebten. So wie Klaus Ege.

Ohne das Theater wäre mein Leben anders verlaufen“, ist Klaus Ege überzeugt. Dann wäre er vielleicht als Rechtspfleger beim Amtsgericht geblieben. Theater und 68 – sie brachten ihm „Aufbruch und Veränderung“. Das Theater hatte ihm bereits als Jugendlichem eine neue Welt eröffnet, die buchstäblich weit über Göppingen hinausreichte. „Als Ensemblemitglied der Kulisse kam ich raus aus Göppingen.“

Klaus Ege erinnert sich an Gastspiele des Amateurtheaters von Flensburg bis Salzburg. „Das war mein Leben“, bekräftigt der heute 71-Jährige, der aus dem Kulturbetrieb der Stadt nicht wegzudenken ist und der Inbegriff der Kulturinitiative Odeon ist, die im Alten E-Werk regelmäßig bekannten Künstlern, aber gerade auch den Unbekannten, eine Bühne bietet. Mit dem Theater, mit dem Spiel auf der Bühne, politisierte sich der Göppinger, der schon als Kind seinen Eltern, die ebenfalls Theater spielten, beim Proben zusah und sich in der Schule in die Theater-AG einbrachte. „Es bildeten sich ab 1967 zwei Jugendbewegungen in Göppingen.“ Beide wollten Foren der kulturellen Auseinandersetzung schaffen.

Er schloss sich der Kellertheater-Bewegung um den Jura-Studenten Frieder Jeutter an. Sie gründeten den Club Remise – benannt nach einem Kellerraum im Haus der Jeutters in der Grabenstraße. Ege erinnert sich an eine der ersten großen Veranstaltungen. Auf dem Rechberg fand ein „Happening“ statt, das junge Menschen aus dem Landkreis und weit darüber hinaus anzog. Zwischenzeitlich war auch der Protest der Studenten bis nach Göppingen vorgedrungen. Klaus Ege und seine Freunde identifizierten sich mit deren Zielen, der Kritik an den Notstandsgesetzen, waren nach Stuttgart zu einer großen Demonstration gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam gefahren. „Zur Organisation der ersten gemeinsamen Schülerdemo der Göppinger Gymnasien hatte sich die Koordinationsgruppe im Club Remise getroffen“, erzählt er. Und: „Die Wut auf die Staatsmacht, unsere Ohnmacht und das Bewusstsein, dass Krieg Unrecht ist, vereinte uns.“ Gemeinsam organisiert war auch die Störung einer NPD-Wahlveranstaltung in der Hohenstaufenhalle. Es wurde Milchsäure verschüttet, und so konnte Adolf von Thadden nur unter „erschwerten Bedingungen“ auftreten.

Der Club Remise wurde mehr und mehr zu dem Ort, an dem die Jugendlichen diskutieren konnten und die Musik hörten, die ihr Lebensgefühl widerspiegelte – er war auch ein Zeichen gegen das Establishment. Wie lange Haare und der Parka. „Langhaariges Gesindel“ war noch die harmloseste Beschimpfung, die sich die jungen Männer damals anhören mussten. Auch die, die den Kriegsdienst verweigerten, wurden angefeindet. Wäre Klaus Ege nicht ausgemustert worden, „hätte ich den Wehrdienst sicher auch verweigert“.

Die bürgerliche Gesellschaft war also nicht begeistert vom jugendlichen Aufbegehren. Unterstützt wurden das Remise-Team dagegen von den Eltern und der NWZ. In der „Remise“, die offiziell im März 1969 eröffnete, traten alle Künstler auf, die in der Kabarett-, Protest- und Liedermacherszene einen Namen hatten: Hans-Dieter Hüsch, Dietrich Kittner, Hannes Wader, Schobert und Black oder Eva Vargas. Aus feuerpolizeilichen Gründen kam aber schnell das Aus. Nach der Sanierung des Haus Illig zog der Club Remise dort ein, und „das Kellertheater wandelte sich in ein Zimmertheater“.

Klaus Ege engagierte sich weiterhin, verließ dann aber Göppingen Mitte der 70er Jahre, kam erst zehn Jahre später wieder ins Fils­tal zurück. Zwischenzeitlich war er bei den Jusos eingetreten, verließ die SPD aber „mit dem Nato-Doppelbeschluss“ wieder. Parteipolitik war danach nicht mehr seine Sache.

Das Theaterspielen hatte der pensionierte Lehrer in all den Jahren dagegen nicht aufgegeben, und so war es fast zwangsläufig, dass er zu den Initiatoren und Mitbegründern der Kulturinitiative Odeon wurde, die zunächst zu Veranstaltungen ins Haus Illig, in die Jebenhäuser Wasenhalle oder den Oetingersaal einlud. 1993 dann war mit dem Alten E-Werk der Ort geschaffen, der seither untrennbar mit Odeon und mit Klaus Ege verbunden ist. Und tatsächlich: „70 Prozent meiner Freizeit sind Odeon.“ Klaus Ege erinnert sich an unzählige besondere Begegnungen, an Künstler, die unbekannt waren und der Kulturinitiative auch dann treu blieben, wenn sie längst große Stars waren. Besonders der Großmeister des Kabaretts, Dieter Hildebrandt, schätzte die besondere Atmosphäre des Auftrittsortes und saß immer mit am Tisch, wenn das Odeon-Team nach dem Aufräumen den Abend bei einem Glas Wein ausklingen ließ.

Klaus Ege blickt zurück. Die 68er haben auch das Kulturleben maßgeblich verändert. Und: „39 Jahre im Ehrenamt, sie waren enorm bereichernd. Mit Gleichgesinnten ein Ziel zu erreichen, das ist ein gutes Gefühl.“

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