Wangen Aufbau einer Cashew-Manufaktur in Afrika

Wangen / Arnd Woletz 09.08.2018
Vor einem Jahr hat Christopher Goelz aus Oberwälden einen jungen Afrikaner adoptiert. Jetzt planen sie in Guinea den Aufbau einer Cashew-Manufaktur.

Nur ein paar Stunden dauert der Flug nach Conakry, der Hauptstadt von Guinea in West-Afrika. Dann sind es noch einmal 85 Kilometer über die Landstraße nach Kindia, einer Stadt am Rande der Berge. Für Jakob Goelz, der dort vor 19 Jahren noch mit dem Namen Yakhouba Soumah geboren und im vergangenen Jahr von Christopher Goelz aus Oberwälden adoptiert wurde, ist es der erste Flug zurück in seine Heimat. Für Christopher Goelz eine Expedition in die Geschichte seines Adoptivsohnes.

Die Vorgeschichte des ungewöhnlichen Vater-Sohn-Gespanns geht kurz gesagt so: Der afrikanische Junge verlässt im großen Flüchtlingsjahr 2015  seine Heimat und schafft es in einer aufreibenden Odyssee nach Deutschland. Er geht zunächst in der Masse derer unter, für die die Behörden den Namen „Umas“ erfinden: „Unbegleitete minderjährige Asylbewerber“. Yakhouba landet über Umwege in der Sammelunterkunft in der Göppinger Schulerburgstraße. Er wird versorgt und betreut, aber er fühlt sich nicht gut. Christopher Goelz, selbstständiger Ingenieur aus Oberwälden, lernt ihn dort als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer kennen, unternimmt viel mit ihm, will ihn bald herausholen. Doch es kommt zu einer Art Kleinkrieg zwischen ihm und den Behörden.

Goelz fühlt sich gegängelt, vor allem von Yakhoubas Amtsvormund. Er sieht in den Vorgaben reine Machtdemonstrationen, die Yakhouba in seinen Augen nicht dienen. Die Behörden wiederum sehen die enge Bindung kritisch und die Familiensituation der Goelzens als schwierig für die Aufnahme eines Flüchtlings an. Goelz gibt nicht auf. Im vergangenen Sommer klappt die Adoption. In Yakhouba Soumahs Pass steht fortan Jakob Goelz.

„Ich wollte jetzt die Menschen und das Land kennenlernen, wo mein Sohn aufgewachsen ist“, sagt Goelz. Ein Dreivierteljahr später reisen beide gemeinsam hin. Zwei Wochen sind sie dort. Die Rollenverteilung wird auf den Kopf gestellt: „Sonst weiß Christopher immer alles. Aber dort wusste er nichts“, sagt der 19-Jährige mit einem schelmischen Lachen über den 53-Jährigen. „Ich musste ihm alles zeigen“. Jakob genießt die Rolle des Reiseführers und Kenners traditioneller Gerichte. „Ich habe alles gegessen, was er mir gegeben hat. Die Geschmackserlebnisse waren interessant und positiv – bis auf die Cola-Frucht“, erklärt Christopher Goelz und verzieht das Gesicht.

Der 53-jährige Oberwäldener spricht von der Reise als einem beeindruckenden Erlebnis, von bewegenden Momenten. Der Empfang in der Familie war überaus herzlich. Die beiden Goelzens übernachteten in einer Feriensiedlung, lebten aber – von den Ausflügen ins Umland abgesehen – mit Jakobs Familie. Sie lernten sich gegenseitig kennen.

Der Europäer erzählt begeistert von Land und Leuten, von Begegnungen und von kleinen Begebenheiten mit der oft aus der Not geborenen Improvisationskunst: Er schmunzelt über den  Mann, der eine lebendige Kuh mangels Transport-Alternative auf dem Autodach festgebunden hatte. Eher irritiert sei er von der nicht vorhandenen Müllentsorgung und den Folgen gewesen, räumt er ein.

In der Begegnung mit den Menschen habe er große Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Achtung erfahren, die in Guinea einem Fremdem entgegengebracht wird. Und er hat gelernt: „Wer die Menschen verstehen will, sollte ihr Land bereisen“. Natürlich könne nicht jeder nach Europa kommen, aber wer einmal vor Ort gewesen sei, könne den Wunsch, hier zu leben, verstehen, sagt der Oberwäldener. Und Adoptivsohn Jakob bestätigt: „Alle meine dortigen Freude wollen es irgendwann nach Europa schaffen.“ In Guinea herrscht kein Krieg. Aber es gibt auch keine Perspektive für junge Menschen.

Cashew-Manufaktur Kindia

Für Christopher und Jakob Goelz gab es einen zweiten Grund für die Reise: Ein Beispiel für das von Politikern viel beschworene Rezept „Fluchtursachen bekämpfen“. „Wir wollen einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass weniger Menschen den Weg nach Europa wagen. Das ist der Grund für das Projekt ,Cashew Manufaktur Kindia’“. Cashew-Bäume gehören in Guinea zum üblichen Bild. Doch um an die Kerne heranzukommen, die wir Europäer im Supermarkt kaufen und beiläufig beim Fernsehen naschen, ist ein sehr aufwendiger und gesundheitlich riskanter Prozess nötig.

Onkel soll beim Aufbau helfen

Dennoch hat die Cashew-Frucht Potenzial, findet Goelz, der in Deutschland beruflich Firmen in Energiefragen berät. Die Cashew-Manufaktur soll in Guinea Perspektiven schaffen. Beim Afrikaverein in Berlin sei er auf offene Ohren gestoßen, sagt er. Vor Ort soll Jakobs Onkel mithelfen beim Firmenaufbau. Ein Grundstück haben sie sich schon ausgeguckt. Goelz hat für die Firmengründung auch bereits einen älteren, knallgelben Mercedes-Transporter gekauft, mit einer Ladung Hilfsgüter vollgepackt und per Schiff nach Guinea geschickt. Dort soll das Fahrzeug  einer der Grundsteine für die Cashew-Manufaktur sein. Für Jakob ist es klar, dass er, wenn möglich, jedes Jahr in seine Heimat reisen will. „Das Projekt ist eine gute Idee“, findet der 19-Jährige. „Es kann klappen“. Dennoch ist es ein weiter Weg bis zur Verwirklichung. „Wir müssen jetzt Netzwerke knüpfen“, sagt Goelz.

Und er hat auch eine zweite Idee: Er möchte die Erfahrungen auch anderen zur Verfügung stellen, die das Land bereisen wollen. Sie könnten Tipps geben und Kontakte herstellen. Klar ist auch, Guinea ist schön, aber: „Man muss abenteuerlustig sein. Ein klassischer Erholungsurlaub ist es nicht“.

In jedem Kern steckt viel Arbeit

Cashewapfel: Der Cashewkern hängt an einem fleischig verdickten, paprikaförmigen Fruchtstiel herab, der als Cashewapfel bezeichnet wird. Er ist säuerlich geschmacksintensiv, ein wenig apfelartig. Er enthält viel Vitamin C. Der Cashewapfel ist aber andererseits leicht verderblich und druckempfindlich. Deshalb kann er schlecht transportiert und nicht international gehandelt werden, sondern wird zu Saft und Marmelade verarbeitet.

Cashewkern: Die am Cashewapfel herabhängende nierenförmige Cashewfrucht wird geerntet und daraus der Cashewkern gewonnen. Um das toxische Schalenöl verbrennen zu lassen, werden die Cashews  in großen Pfannen über offenem Feuer geröstet. Dabei werden gesundheitsschädliche Dämpfe freigesetzt. Das toxische Öl in der Schale tritt aus, und entzündet sich. Die Schale wird dadurch brüchig, sodass die Nüsse von Hand geknackt werden können. Um sich vor dem aggressiven Öl zu schützen, tragen die Arbeiter Handschuhe. Nach dem Schälen werden die Kerne getrocknet und  erhitzt, sodass auch die dünne Samenschale entfernt werden kann. Mit einem Messer werden die Nüsse zuletzt von Schalenresten gereinigt.

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