Göppingen AOK-Landes-Chef verteidigt Rücklagen

SUSANN SCHÖNFELDER 31.10.2012
"Es wäre nicht schlau, das Geld wieder unters Volk zu schmeißen." Dr. Christopher Hermann, Chef der Landes-AOK, sähe wenig Sinn, die Praxisgebühr abzuschaffen. Denn die komfortable Rücklage sei nicht von Dauer.

Hausarztmodell, Notfallpraxis, Finanzierung des Gesundheitswesen im Allgemeinen und der Kliniken im Besonderen, die Debatte um die Abschaffung der Praxisgebühr und Engpässe beim Grippe-Impfstoff: Dr. Christopher Hermann, AOK-Vorstandsvorsitzender in Baden-Württemberg, streifte gestern bei seiner Stippvisite in Göppingen viele Themen, die die rund 100 000 Versicherten im Landkreis direkt betreffen.

Hermann ist derzeit auf "Tournee" durch die AOK-Bezirke im Land, spricht mit den Mitarbeitern, verschafft sich einen Eindruck vor Ort - und beantwortet viele Fragen: Wie sieht es mit einer Senkung der Beitragssätze aus? Und was hält er von der diskutierten Abschaffung der Praxisgebühr? Hintergrund: Die Krankenkassen erwirtschaften derzeit große Gewinne. Die Landes-AOK erzielte 2011 einen Überschuss von 152 Millionen Euro. Hermann winkt jedoch ab: Das finanzielle Polster sei eine "Momentaufnahme", Sparmaßnahmen beziehungsweise knappe Kassen "würden uns in ein, zwei Jahren wieder einholen", unterstreicht der AOK-Chef. Er hält nichts davon, "kurzatmig zu agieren". Dem Gesundheitswesen stünden durch den demografischen Wandel enorme Veränderungen und Herausforderungen bevor, "wir haben eineinhalb bis zwei Prozent Mehrausgaben pro Jahr", rechnet er vor. Hermann fordert die Politik auf, "die Zukunftsweichen zu stellen", um die Finanzierung der medizinischen und pflegerischen Versorgung auf eine breitere Basis zu stellen. Er sieht die Lösung in einer "solidarischen Versicherung, in der sich die gesamte Bevölkerung beteiligt. Wir können nicht weiter die Zwei-Klassen-Medizin fahren. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe".

Das Thema Praxisgebühr sieht Christopher Hermann eher emotionslos: "Wir sind die letzten, die der Gebühr eine Träne nachweinen." Im übrigen sei es nicht Aufgabe der Kassen, darüber zu befinden, da seien die Politiker in Berlin in der Pflicht. Der Chef der Landes-AOK ist jedoch überzeugt: "Es wäre nicht schlau, das Geld wieder unters Volk zu schmeißen." Vielmehr sei es wichtig, flüssig zu sein, um mittelfristig auf höhere Ausgaben reagieren zu können. Die AOK sei keine Sparkasse, die ihre Rücklagen anlege, unterstreicht der Vorstandsvorsitzende: "Die AOK Baden-Württemberg gibt ihr Geld für die Versorgung ihrer Versicherten aus." Hermann liefert Beispiele: 30 Millionen Euro würden täglich für Versicherungsleistungen im Land ausgegeben, 300 Millionen Euro pro Jahr investiere die AOK in die Hausarztversorgung. Der Vertrag sei ein Erfolgsmodell mit hoher Beteiligung der Ärzte und Versicherten, vor allem chronisch Kranke profitierten davon, erklärt Hermann.

3,5 Milliarden Euro gebe die AOK in diesem Jahr für die Krankenhaus-Versorgung aus - eine Steigerung um 5,9 Prozent. Der Vorstandschef will nicht in das Klagelied der zahlreichen Kliniken einstimmen, die unter der Last einer chronischen Unterfinanzierung stöhnen. "Die Zahlen sind von den Kliniken selbst, die sind natürlich nicht objektiv", sagt Hermann. Und: "Wir geben jedes Jahr deutlich mehr für die Krankenhausbehandlung aus als wir einnehmen." Der AOK-Chef warnt davor, die stationäre Versorgung schlechter zu reden, als sie ist: "Wir sind deutschland- und europaweit Vorbild." Wie Krankenhäuser finanziell zu Rande kommen, liege an den jeweiligen Bedingungen, glaubt Hermann: "Wenn Sie baulich nicht die Voraussetzungen haben, um die Abläufe vernünftig zu organisieren, dann kriegen Sie ein Problem." An eine grundsätzliche Unterfinanzierung der Krankenhäuser glaubt Hermann daher nicht.

Dass die kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken rote Zahlen schreiben (2015 soll eine "schwarze Null" das Ergebnis zieren), sieht Dieter Kress, Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils, in der Vergangenheit begründet: "Da haben die Kliniken ihre Hausaufgaben nicht gemacht." Dem jetzigen Geschäftsführer, Professor Jörg Martin, bescheinigt Kress hingegen, einen guten Job zu machen: "Er ist sehr erfolgreich unterwegs." Martins Strategie, in Zukunft verstärkt mit den Krankenhäusern der Nachbarlandkreise "in Absprache mit anderen Anbietern und sinnvoller Arbeitsteilung" zu kooperieren, sehen Kress und Hermann als richtigen Weg. "Wenn ich den totalen Bauchladen anbiete, komme ich auf keinen grünen Zweig", sagt der AOK-Landes-Chef. Eine Empfehlung, ob eine neue Klinik in Göppingen gebaut werden soll oder eine Sanierung sinnvoller ist, wollten beide aber nicht abgeben.