Geislingen an der Steige Anfragen nach den Vorfahren

Als 13-Jähriger hat Konrad Wieninger die Vertreibung miterlebt - das und die Heimatverbundenheit sind geblieben. Seit 20 Jahren ist er ehrenamtlich Archivar in der Heimatstube.
Als 13-Jähriger hat Konrad Wieninger die Vertreibung miterlebt - das und die Heimatverbundenheit sind geblieben. Seit 20 Jahren ist er ehrenamtlich Archivar in der Heimatstube. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen an der Steige / EVA HEER 08.08.2013
Archive sind ein Gedächtnis. Sie bewahren, ordnen und dokumentieren, aber verstecken auch Geschichte und Geschichten. In unserer Sommerserie möchten wir in die Archive des Kreises schauen.

In seinem langen weißen Mantel sieht Konrad Wieninger aus wie ein Archivar aus dem Bilderbuch. Der 82-Jährige betreut seit dem Jahr 1993, also seit 20 Jahren, das Archiv in der Geschäftsstelle des südmährischen Landschaftsrates im "Alten Rathaus" in Geislingen. Ehrenamtlich. "Ich habe es als meine Pflicht angesehen, das zu tun", sagt der ehemalige Berufsschullehrer aus Göppingen.

Als 13-Jähriger hat Wieninger die Vertreibung miterlebt - das und die Heimatverbundenheit sind geblieben, auch nach so vielen Jahren, sagt er. Wieninger ist in Luggau in der Nähe der Kreisstadt Znaim aufgewachsen. Sein Schreibtisch steht in der Bibliothek der sogenannten Heimatstube.

Rund 18 000 Bücher und Schriften befinden sich hier. In den Räumen des Archivs ist auch das Museum untergebracht. Hier in den Vitrinen und Schaukästen steht die Zeit für den Moment des Betrachtens still: Trachten, landestypisches Gebäck, Werkzeug, Keramik, Häkelarbeiten haben das Leben vor über 70 Jahren eingefroren.

Früher hat Konrad Wieninger an drei Tagen in der Woche hier gearbeitet. Jetzt fährt er nur noch montags und mittwochs ins Archiv nach Geislingen. An diesen beiden Tagen beantwortet er Anfragen seiner "Landsleute", wie er sagt. Er kopiert Schriften, Ortspläne, Familienstammbäume aus Ortsbüchern. "Viele junge Südmährer, die wenig von ihrer Vergangenheit wissen, erkundigen sich nach ihren Großeltern oder dem Haus ihrer Vorfahren", erzählt Wieninger.

Dann sucht er in den alten Flurplänen nach den Häusern oder findet Groß- oder Urgroßeltern in den alten Ortsbüchern. Gut 95 Prozent aller Anfragen erhält Konrad Wieninger mittlerweile per E-Mail. Mit der Technik kommt der 82-Jährige gut zurecht , sie erleichtert seine Arbeit sehr: "Vorher war es doch eine ziemliche Zettelwirtschaft", sagt er.

Der größte Teil seines Archivs ist fotografisch aufgearbeitet, Neues kommt hinzu, wenn Nachlässe eintreffen, die Wieninger dann inventarisiert. Neuerscheinungen und Publikationen, die interessant sind, kauft er an.

Zu den tschechischen Archiven im ehemals südmährischen Gebiet hat Wieninger gute Kontakte, wie er sagt. Vor zehn Jahren hat er angefangen, an der Volkshochschule Tschechisch zu lernen: Als er vor drei Jahren, gemeinsam mit seinem Sohn, das letzte Mal in seiner ehemaligen Heimat war, habe er sogar das Essen auf tschechisch bestellen können, erzählt er.

Drei deutsche und drei tschechische Studenten haben im Archiv in der Geschäftsstelle der Südmährer für ihre Diplom- und Studienabschlussarbeiten schon geforscht. Die tschechischen Studenten waren jeweils eine Woche vor Ort. "Eine gute Zusammenarbeit", findet Wieninger: Die junge Generation sei "objektiver und interessierter an unserer Sicht der Dinge".

Neben Büchern und Schriften beherbergt das Archiv Tonträger, auf denen Menschen Reden oder Gedichte in Mundart vortragen. "Heute gibt es diesen Dialekt ja gar nicht mehr", sagt Wieninger. Außerdem zu sehen sind Fotografien aus der Zeit vor 1945 und Filme. In seinen Archivschränken sind Dokumente, Urkunden und Lebensläufe aus 300 ehemals südmährischen Orten abgelegt, teils Jahrhunderte alt. "Viele Flüchtlinge sind damals nur mit Handgepäck aus den Gebieten raus", erzählt Wieninger. Nur einige wenige hätten die Weitsicht gehabt, schon im Vorfeld historische Dokumente nach Österreich zu schaffen.

Das älteste Stück in der Sammlung ist eine Handschrift aus dem Jahr 1624. Ein Dokument mit drei dicken roten Siegeln, in der das Marktrecht der Stadt Dürnholz beurkundet wird.

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