Göppingen Als Lehrer Kopfnüsse gaben

Über Besonderheiten und markante Gebäude des Reusch hat Rudi Bauer (vorne) die Teilnehmer am "Sommer der Ver-Führungen" informiert. Bei manchem früheren Bewohner des Viertels lebten Jugenderinnerungen auf. Foto: Inge Czemmel
Über Besonderheiten und markante Gebäude des Reusch hat Rudi Bauer (vorne) die Teilnehmer am "Sommer der Ver-Führungen" informiert. Bei manchem früheren Bewohner des Viertels lebten Jugenderinnerungen auf. Foto: Inge Czemmel
Göppingen / INGE CZEMMEL 06.08.2012
Wissenswertes "Rund ums Reusch" wurde beim Sommer der Ver-Führungen geboten. Der Rundgang offenbarte: Im Norden Göppingens befinden sich nicht nur wichtige Einrichtungen, er steckt auch voller Geschichte und Geschichten.

Am Treffpunkt EWS-Arena scharen sich die Teilnehmer beim "Sommer der Ver-Führungen" um Rudi Bauer. Der ehrenamtliche Stadtführer kennt nicht nur Zahlen und Fakten. Im Reusch aufgewachsen und dort wohnend, kennt er jeden Winkel und weiß viel zu erzählen. Die "Rundgänger" indessen haben verschiedene Motive, das Göppinger Reusch in Augenschein zu nehmen. Hier Aufgewachsene wollen an Stätten vergangener Kindheitstage Erinnerungen aufleben lassen und sehen, was sich verändert hat. Zugezogene möchten mehr über ihr Wohngebiet erfahren und ein paar wenige "Nichtgöppinger" sind ganz einfach daran interessiert, über ihren Tellerrand hinaus zu schauen.

"Reusch bedeutet trockene Erde", erklärt Rudi Bauer, warum es vielerorts ein Reusch gibt. Das Göppinger Wohngebiet Reusch ist etwa 100 Jahre alt. Zwischen 1880 und 1910 verdreifachte sich die Bevölkerung Göppingens, weil die Industriebetriebe - vor allem die Firmen Schuler, Märklin und Böhringer - immer mehr Menschen anzogen. Wohnraum wurde knapp, und so entstand am nördlichen Stadtrand eines der ersten kommunal geförderten Wohngebiete Württembergs. "Die ersten Häuser entstanden 1911 unterhalb des Beethovenplatzes", berichtet Bauer und zeigt auf einem Plan die weitere Entwicklung in Richtung Norden.

Wo sich einst der "Stadtgarten" befand, steht die im Jahre 1964 eingeweihte Hohenstaufenhalle - heute EWS-Arena genannt. Die Teilnehmer haben Gelegenheit, einen Blick in die umgebaute Halle zu werfen, die schon viel erlebt hat: Gottesdienste, Veranstaltungen, Partys und Schwäbische Wochen. Gleich gegenüber befindet sich das 1963 eingeweihte Stadtbad, das nach dem Umbau nun Barbarossa-Therme heißt. Eingefleischte ältere Reuschbewohner nennen es noch immer liebevoll "Schwimmoper", und auch die EWS-Arena ist für sie die Hohenstaufenhalle geblieben. Einige erinnern sich an erste Schwimmversuche, aber auch an den Fehler, der beim Bau des Bades die Schwimmbahn für die Austragung von Wettkämpfen geringfügig zu kurz geraten ließ.

Einen Katzensprung weiter liegt die Jugendverkehrsschule, in der unzählige Viertklässler ihren "Fahrradführerschein" gemacht haben. "Sie wurde 1960 gegründet und war neben Karlsruhe und Stuttgart die dritte", berichtet Bauer. "Der Bau kostete damals 80 000 Mark, und 80 Prozent der Kosten wurden durch eine Tombola finanziert."

Weiter geht"s über das Schockenseegelände, wo sich einst tatsächlich ein aus dem Storzenbach gespeister See befand, den die Gebrüder Schock um die Jahrhundertwende in der alten Lehmgrube errichtet hatten. 1953 wurde er mit dem Aushub, der beim damaligen Bau der Stadthalle angefallen ist, zugeschüttet. Seit 1958 findet hier der Maientag statt. Ein Blick auf die 1956 eingeweihte Albert-Schweizer-Schule weckt bei einigen Teilnehmern Erinnerungen an Schülertage. Erfahrungen mit Stöcken schwingenden und Kopfnüsse verteilenden Lehrern werden ausgetauscht. "Es war die erste Schule in Göppingen, in der Schüler beider Geschlechter und Konfessionen in einer Klasse unterrichtet wurden", weiß Bauer. Vorbei an der 1931 eingeweihten Reuschkirche, die samt Pfarrhaus seit 1986 unter Denkmalschutz steht, geht es in die Oetinger- und die Fromannstraße, wo sich einst die Wohnsiedlung für Kriegsbeschädigte aus dem 1. Weltkrieg befand.

Nach dem Turnerschaftsstadion ist die Christkönigskirche, die durch ihr "schiefes Kreuz" bekannt ist, die letzte Station der Führung. Wer es noch nicht wusste, erfuhr die traurige Geschichte. Zwei Amerikaner kamen am 27. Mai 1963 ums Leben, als sie mit einem Hubschrauber das Kreuz zur Montage auf den Kirchturm transportieren wollten. Von einer Windböe erfasst, stürzte der Hubschrauber ins Kirchenschiff, die beiden Piloten starben.

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