Alpakas sehen und erleben - auf der Alpakafarmhofwiese der Familie Greiner, die zwischen Heiningen und Eschenbach zu finden ist, kann man mit den Tieren buchstäblich Tuchfühlung aufnehmen.

Von

Inge Czemmel

Auf langen schlanken Beinen nähert sich eine Herde Alpakas den Spaziergängern, die an dem Grundstück der Familie Greiner, zwischen Heiningen und Eschenbach, stehen geblieben sind. Neugierig recken sie ihre langen Hälse und gucken mit großen dunklen Augen unter Ponyfrisuren, Bob- oder Irokesenschnitten hervor. "Ob heute wohl wieder Kinder zum Schmusen vorbeikommen?" Das ist häufig der Fall, denn viele Kinder haben schon mit den Tieren Freundschaft geschlossen. "Manche kommen ständig zu Besuch", freut sich Rosemarie Greiner. Sie und ihr Mann Friedrich verbringen jede freie Minute auf ihrer Alpakafarm und haben großen Spaß daran, Kindern die Tiere und die Natur nahezubringen. "Zu uns kommen Schul-

klassen und Kindergärten, hier werden viele Kindergeburtstage gefeiert und in diesem Jahr haben sich bereits sechs Gemeinden für das Schülerferienprogramm angemeldet", erzählt Rosemarie Greiner.

Neben dem "Alpakakontakt" stehen gemeinsames Essen und "Austoben" auf dem Programm. "Ein besonderes Erlebnis ist für die Kinder immer, wenn es Nachwuchs gibt und eines der Fohlen getauft wird. Wenn wir ein Junges haben, darf bei Kindergeburtstagen das Geburtstagskind den Namen aussuchen und das Tier taufen. Den Namen behält es dann sein ganzes Leben. Die Namen der Alpakababys wurden alle von Kindern ausgesucht." Im Sommer ist es wieder so weit. Die Greiners haben elf Tiere decken lassen und rechnen mit fünf bis sechs Alpakababys. Liebevoll streichelt Friedrich Greiner ein Tier, das sich eng an ihn schmiegt. "Das ist Gina", stellt er vor und seine Frau erzählt: "Ihre Mutter, das Gretele, hatte zu wenig Milch. Ein paar Wochen haben wir mit dem Fläschchen Ziegenmilch zugefüttert. Dann mochte sie das plötzlich nicht mehr und hat sich einfach Lotte als Ersatzmutter ausgesucht. Bei der trinkt sie heute noch."

Die erwachsenen Tiere fressen hauptsächlich Gras und brauchen daher ausreichend Weideland. Auf den Streuobstwiesen der Greiners finden die Alpakas zusätzliche Leckerbissen, wenn Äpfel, Birnen oder

Zwetschgen herunterfallen. "Im Winter füttern wir neben Heu auch spezielles Müsli, Obst und Gemüse", berichten die Greiners, die 2006 auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung Alpakas entdeckten. "Es war Liebe auf den ersten Blick", strahlt Rosemarie Greiner. "Nach ausführlichen Recherchen und einem Einsteigerkurs haben wir zwei Hengste gekauft. Bald kam eine Stute dazu und dann sind es immer mehr geworden - und die Alpakafarm ist zu unserer Leidenschaft geworden." 2012 wurde die Alpakafarm nach langem Hin und Her als landwirtschaftlicher Betrieb mit Privilegierung anerkannt. Im Moment sind die Greiners dabei, einen 144 Quadratmeter großen Stall zu bauen. Der alte, bereits abgerissene, war viel zu klein geworden.

Auf der Weide sind die Alpaka-Damen bis auf den Wallach Max unter sich. "Er ist der Hahn im Korb", lacht Rosemarie Greiner. Die elf Deckhengste haben eine Wiese für sich, damit es nicht zu unkontrolliertem Nachwuchs kommt. Wer mit wem darf, suchen die Greiners aus. Für alle Tiere werden Stammbäume erstellt, damit es nicht zur Inzucht kommt. Weil die Ovulation bei der Alpakastute erst durch den Deckakt ausgelöst wird, kann sie das ganze Jahr über erfolgreich gedeckt werden. Der Geburtstermin kann also ziemlich genau geplant werden. Nach 340 bis 345 Tagen Tragzeit bringt das Weibchen meist ein einzelnes Jungtier - in Südamerika "Cria" genannt - zur Welt. Es wird sechs bis acht Monate gesäugt und erreicht mit durchschnittlich 12 bis 24 Monaten die Geschlechtsreife. "Wir züchten eine farbige Herde", erklären die Greiners. "Das finden wir schöner und auch bei den Kindern kommt das auch besser an."

Ob Betty, Lisa, Jenny, Bella oder Lotte, die Greiners kennen all ihre Lieblinge beim Namen und haben selbst bei gleichfarbigen Tieren kein Problem, sie auseinander zu halten. Unterscheidungsmerkmale sind Größe, Körperbau, Figur und Gesichtsform. "Um Tiere, die sich sehr ähnlich sehen, schon von

Weitem erkennen zu können, tricksen wir ein bisschen beim Scheren", gesteht Rosemarie Greiner. "Da lassen wir dann mal einen Kragen oder einen Backenbart stehen oder scheren eine besondere Frisur."

Für die Schur hat Friedrich Greiner einen ganz speziellen Tisch entwickelt. Die Tischplatte lässt sich nach beiden Seiten abklappen und ist mit Gurten versehen. Das Tier wird an den Tisch gestellt, festgegurtet und schwupps hochgeklappt. Das Ehepaar Greiner schert die Tiere jedes Frühjahr persönlich. Als erstes sind die "Kleinen", an der Reihe, deren Wolle die wertvollste ist. Rosemarie Greiner hat für sie einen ganz speziellen Kamm. "Damit etwas mehr Wolle als bei den erwachsenen Tieren stehen bleibt, denn sie sollen ja nicht frieren", erklärt sie. Mit dem Scherer geht sie ganz vorsichtig zu Werke, denn die Tiere haben eine sehr dünne Haut. Nach etwa 20 Minuten wird das Tier auf der anderen Seite wieder heruntergeklappt und sieht nur noch halb so dick wie vorher aus.

Ein Teil der Rohwolle wird zur Füllung von Steppbetten und Kissen verwendet, der andere Teil wird nach Dresden geschickt, wo hochwertiges Alpakagarn daraus gesponnen wird. "Ohne Chemie und Zusätze", betont Rosemarie Greiner. "Die Wolle bleibt, wie sie auf den Tieren gewachsen ist. Die verschiedenen Farben resultieren einzig daraus, dass die Wollen verschiedener Tiere gemischt werden." Strahlend zeigt sie die gerade angekommenen Wollknäuel aus der Wolle des letzten Jahres und erklärt: "Die Wartezeit ist lang, denn es gibt nicht mehr viele Wollspinnereien." Nicht nur Vögel, die immer wieder auf den Rücken der Alpakas landen, um

sich ein bisschen Wolle für den Nestbau heraus zu zupfen, wissen die Fasern zu schätzen. Der Faserertrag eines Tieres liegt zwischen drei bis sechs Kilogramm. Auf der Farm der Greiners findet sogar die Abfallwolle von Füßen, Schwanz und Hals Verwendung. "Die kommt in die Legenester der Hühner und dient zur Isolierung des Hühnerhauses", erzählt Rosemarie Greiner und nimmt Sissi, eine bunt gescheckte Katze auf den Arm. "Ihr Lieblingsschlafplatz ist ein kuscheliger Alpakarücken", berichtet sie lachend. "Die lassen sich das meistens gefallen, denn Alpakas sind ruhige, friedfertige und intelligente Tiere und mit freundlichem und neugierigem Wesen. Deswegen eignen sie sich auch so gut für die Arbeit mit Kindern."

Sechs ihrer Tiere haben die Greiners bereits zu Therapietieren ausgebildet. Der Leithengst ist Dennis. Heute sind 14 Kinder des Schulkindergartens für Körperbehinderte auf der Alpakafarm im Voralbland zu Gast. Ein sechsjähriger Junge, der vor einer guten Stunde noch nicht einmal auf die Koppel wollte, führt jetzt Dennis wie selbstverständlich herum und wird immer mutiger. Die kleine Anna schmiegt sich an den Hals eines anderen Tieres und lacht glücklich. Auch andere haben die erste Scheu überwunden. "Der Kontakt mit Tieren ist für die Kinder wichtig. Früher waren wir oft im Tierpark in Göppingen, aber das ist uns wegen der Eingangsverlegung nicht mehr möglich", erklärt die Kindergartenleiterin Uschi Nagel-Steimle. "Hier ist es optimal", ist sie froh, eine neue Möglichkeit entdeckt zu haben.

In der Idylle gibt es für die Kinder noch andere Tiere zu entdecken. Außer Katze Sissi wohnen hier auch noch Ziegen und allerhand glückliches Federvieh. Überall wuseln Enten, Gänse und Hühner herum und Hähne mit bunt schillernden Schwanzfedern versuchen, sich mit lauten Kikerikis gegenseitig zu übertönen. Schwupps, hat Rosemarie Greiner ein Huhn eingefangen. Wer will es streicheln? Kontakt mit Tieren und Natur genießen - auf der Alpakafarm zwischen Heiningen und Eschenbach stehen diese beiden Dinge ganz oben auf dem Programm. Und wer in die strahlenden Gesichter von Rosemarie und Friedrich Greiner sieht, weiß: Alpakas machen glücklich.

Ursprüngliche Heimat in den Anden

Verbreitung Alpakas gehören wie Lamas zu den Neuweltkameliden. Ihre ursprüngliche Heimat sind die Anden Südamerikas. Etwa drei Millionen Alpakas gibt es heute in Peru, im westlichen Bolivien und in Chile.

Nutzung Die kleinwüchsigen Kamele werden vor allem wegen ihrer Wolle gehalten, die in die ganz Welt exportiert wird. In Deutschland gibt es heute etwa 2000 Tiere. Alpakas werden einmal jährlich geschoren. Die Rohwolle wird zu Alpakagarn verarbeitet. Alpakas können 20 bis 25 Jahre alt werden und werden wegen ihres friedlichen Charakters immer öfter auch in der tiergestützten Therapie und im Freizeitbereich verwendet.

SWP