Geislingen an der Steige Allmachtsfantasien im Sekretariat

Peter Schaal-Ahlers (links) und Sören Scheswig sind "Die Vorletzten". Mit "Und nimm mein Herz mit" waren sie am Samstag in der Stadtkirche.
Peter Schaal-Ahlers (links) und Sören Scheswig sind "Die Vorletzten". Mit "Und nimm mein Herz mit" waren sie am Samstag in der Stadtkirche. © Foto: son
STEFANIE SCHMIDT 14.07.2014
Das Pfarrerduo "Die Vorletzten" sorgte am Samstagabend beim Bezirkskirchentag in der Geislinger Stadtkirche für die heiteren Töne. Die Geistlichen nahmen verschiedene Herzenszustände unter die Lupe.

Der Stuttgarter Stadtdekan Sören Scheswig und Peter Schaal-Ahlers, Citypfarrer in Esslingen, sind "Die Vorletzten". Etwa 200 Zuhörer unterhielten sie am Samstagabend in der Geislinger Stadtkirche mit ihrem Kirchenkabarett. In ihrem Programm "Und nimm mein Herz mit" nehmen sie in Sketchen, Vignetten und Liedern Begebenheiten aus der Kirchengemeinde auf die Schippe und beschäftigen sich mit religiösen und vor allem Herzensfragen. Sören Scheswig gibt sich dabei eher feinsinnig und nordisch dezent, Peter Schaal-Ahlers eher deftig-schwäbisch und auch mal "bruddelig".

Ist das Herz nur ein Muskel, der sich rhythmisch zusammenzieht und wieder erschlafft? Diese biologische Erklärung reicht dem Duo nicht. Deshalb nimmt es verschiedene Herzenszustände genauer unter die Lupe. Die Pfarramtssekretärin mit Allmachtsfantasien steht für das "gute Herz". Sie führt drei Telefongespräche gleichzeitig und schafft es dabei, gleich mehreren Personen den Tag zu verderben oder gar das Leben zu ruinieren. Sie vermiest der Vikarin die Lehramtsprobe, verhindert einen Karrieresprung ihres Chefs und findet nebenbei noch Zeit für Klatsch und Tratsch - ein Musterbeispiel für gelungenes Multitasking und Rechtschaffenheit. Wenn schon das "gute Herz" eine solche Zerstörungskraft in der Gemeinde entfaltet, was richtet dann das "grausame Herz" an?

Besondere Grausamkeiten haben "Die Vorletzten" bei einer Untergruppe ihrer Schäfchen ausgemacht, die eigentlich besonders gehegt werden will: den Ehrenamtlichen. "Die Jungen machen nichts", heiße es oft bei den "Alten", die sich schon lange engagieren. Aber wehe, eine der "Jungen" bietet bei Vorbereitungen zum Seniorenabend ihre Mithilfe an. Sie kann nur alles falsch machen - so lange, bis die Tränen fließen. "Hilf Herr meiner Tage, dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin", kommentieren "Die Vorletzten" huldvoll singend dieses aggressive Territorialverhalten langgedienter Unterstützter.

Ausgesprochen schwer hat es auch das "wankelmütige Herz", das sich mit den vielen Optionen, die die moderne Welt bereit hält, schwertut. Überall die Qual der Wahl - vom Warenangebot im Supermarkt bis zur passenden Religion. Soll man aus der Kirche austreten? Einen Buddha im Baumarkt kaufen? Oder sich gar beschneiden lassen. "Ich möcht so gern, aber ich weiß nicht was", lamentiert das Duo.

Als Herausforderung, die sich dem "großen Herz" stellt, hat das Pfarrer-Duo die Treue ausgemacht. Ist der Mensch einfach ein triebgesteuertes Säugetier und die Treue eine menschheitsgeschichtliche Ausnahme? Oder ist die Treue die größte Errungenschaft der Zivilisation? Ein Gesamturteil maßen sich die Pfarrer nicht an. Schließlich habe man selbst Treuekarten von fünf verschiedenen Bäckern im Portemonnaie.

Für die Besitzer furchtsamer Herzen, denen vielleicht nur mittelmäßige Fähigkeiten in die Wiege gelegt wurden, haben "Die Vorletzten" einen Rat: Einfach das Beste geben! Dass das Mittelmaß vielleicht sogar in der Kirche das Maß aller Dinge sein könnte, deuten die Pfarrer nur an. Denn die eigene Zunft wird an diesem Abend weitgehend vor kabarettistischen Spitzen verschont. Dabei sollten eigentlich auch die Hirten und Oberen der Evangelischen Landeskirche genügend Material für ein abendfüllendes Programm bieten.