Alles tun für den schönen Schein

WOLFGANG MARX, DPA 03.06.2015
Als knallharter Geheimdienstoffizier hat Leo Demidow in der stalinistischen Sowjetunion Karriere gemacht. Doch dann gerät sein Weltbild ins Wanken.

Tom Hardy ist der Mann der Stunde. Er sorgt momentan nicht nur in dem neuen "Mad Max"-Film für Furore. Der britische Schauspieler stand auch für die düstere Bestseller-Verfilmung "Kind 44" von Daniel Espinosa vor der Kamera.

Irgendetwas stimmt hier nicht: Im Kreise von Freunden schwärmt Leo Demidow (Hardy) von seiner Frau Raisa (Noomi Rapace), die die Liebe seines Lebens ist. Aber ihr Lächeln wirkt gequält. Das warme Licht und der schöne Schein der Kerzen - ein falscher Glanz. Denn die Welt da draußen - es ist die stalinistische Sowjetunion der 1950er Jahre - sieht ganz anders aus. Alle Farben sind verblasst, die Herzen der Menschen sind durch eine permanente Atmosphäre der Bespitzelung und Angst vergiftet. Menschen werden willkürlich verhaftet, Regimekritiker eliminiert.

Diese Darstellung kam in Russland nicht besonders gut an. Der Thriller wurde wegen "Entstellung historischer Tatsachen" vom russischen Kulturministerium aus dem Verkehr gezogen. In Deutschland erhielt "Kind 44" - der Bestseller von Tom Rob Smith diente Regisseur Daniel Espinosa als Vorlage - dagegen das Prädikat "besonders wertvoll". Begründung der Deutschen Film- und Medienbewertung: Es sei ein "wichtiger gesellschaftskritischer Film, der aufklärt über eine Zeit, in der ein System sich über alles stellte. Sogar über die Wahrheit."

Wer aber ist nun dieser Leo Demidow? Aufgewachsen als Waisenkind, hat der bullige Typ im stalinistischen Russland Karriere als knallharter, wenn auch durchaus korrekter Geheimdienstoffizier gemacht. Demidows Auftrag: Alle Gegner des Systems ausschalten. Fragen? Keine. Alles soll doch schön sein in Stalins Paradies der klassenlosen Gesellschaft, wo alle glücklich sind und es angeblich keine Verbrechen gibt. Dass der Schein gewahrt wird, dafür sorgt eine gigantische und gnadenlose Geheimdienstmaschinerie. Wer einmal in die Fänge des Systems gerät, hat keine Chance mehr.

Doch Demidows Weltbild beginnt zu wanken, er gerät selbst ins Visier des Geheimdienstes und wird in das entlegene Rostow verbannt. Hier kommt er einer unheimlichen Mordserie an Kindern auf die Spur und nimmt gegen alle Widerstände die Jagd nach dem Killer auf.

Die Atmosphäre aus Terror, Verrat, Heuchelei, drückender Bedrohung und permanenter Angst hat Regisseur Daniel Espinosa ("Safe House") wunderbar eingefangen und mit Tom Hardy (37) einen Schauspieler engagiert, der Bedrohung und Verletzlichkeit gleichermaßen überzeugend verkörpern kann. Ein bisschen mehr Druck und Spannung hätte aber schon sein dürfen.

Info USA 2014, 137 Min., FSK 16