Göppingen Alkoholismus: Das Karussell des Leugnens

Der einsame Trinker ist eine Chimäre. Von der Alkoholsucht sind meist auch die Angehörigen betroffen. In  Göppingen treffen sich sich in einer eigenen Selbsthilfegruppe.
Der einsame Trinker ist eine Chimäre. Von der Alkoholsucht sind meist auch die Angehörigen betroffen. In Göppingen treffen sich sich in einer eigenen Selbsthilfegruppe. © Foto: Büttner dpa
Göppingen / Arnd Woletz 22.06.2018
Das Leben mit einem Alkoholiker kann auch die Angehörigen zur Hölle werden. Zwischen den Sucht-Exzessen des Partners und dem großen Leugnen.

Es beginnt oft mit dem regelmäßigen Glas Wein, wächst sich schleichend aus. Dann wird in der Familie viel geleugnet, gekämpft, geweint. Es folgen viele Tage, an denen ein Partner sich fast bewusstlos säuft und der andere  am nächsten Morgen den Chef anruft, um wieder eine Ausrede zu erfinden. Es kommen Vorwürfe dann Therapien, Hoffnung, Besserung - und doch wieder die Zusammenbrüche. So jedenfalls war es bei Daniela H. (Name von der Redaktion geändert) aus Göppingen. Jahrelang hat sie mit einem alkoholabhängigen Partner gelebt.

Nun engagiert sie sich bei der Göppinger Gruppe von Al-Anon, der bekanntesten Selbsthilfe-Organisation für Angehörige und Partner von Alkoholkranken. Hier trifft sie auf viele Menschen mit ganz ähnlichen Schicksalen: auf die Mutter, die seit Jahren hilflos mit einer trinkenden Tochter auf emotionaler Achterbahnfahrt ist. Auf den Ehemann, der sich die ständig alkoholisierte Frau kümmert und ihre Ausfälle abfängt. Jeder hat seine eigene Geschichte, nicht immer verlaufen die Schicksale tödlich. Und doch eint die Angehörigen das Leiden unter der Volksdroge, die in ihrem Fall zu einem unlösbaren Problem geworden ist. Unlösbar zumindest für den vermeintlichen Helfer. Denn mit jeder Ausrede, jedem Leugnen geht es weiter hinunter in den Strudel. Heute sagt Daniela H., dass sie alles probiert hat: Geldbeutel wegnehmen, Flaschen in den Ausguss leeren und, und, und. Die Alkoholkranken unternehmen oft große Anstrengungen, um nicht erwischt zu werden. „Es ist irre, auf welche Verstecke für den Alkohol die Betroffenen kommen: im Toilettenspülkasten oder im Ersatzrad des Wohnmobils.“ Natürlich hat auch Daniela H. ihren Mann retten wollen. „Ich dachte: Das ist eine Krankheit, also muss ich doch helfen“, erinnert sie sich. Aber bei dieser Krankheit könne Hilfe nicht dadurch erfolgen, dass man dem Betroffenen alles abnimmt oder für ihn Notlügen erfindet. Man müsse lernen, wieder gut für sich selbst zu sorgen, das Gedankenkarussell um die ständige Sorge um den alkoholkranken Angehörigen zu durchbrechen, sagt die Frau. Der Helfer-Reflex führt bei Alkoholikern oft ins Nichts, oder bewirkt sogar das Gegenteil. In der Selbsthilfegruppe arbeitet man deshalb unter anderem an der Strategie „Helfen durch Nichthelfen“. So schockierend der Weg dahin auch ist: „Der Betroffene muss an seinen Tiefpunkt kommen.“ Ein anderer Teilnehmer sagt: „Wir lernen hier, dass wir nicht die Macht haben, den Alkoholiker trocken zu legen. Der Trinker schafft den Absprung nur von sich aus, wenn er die Selbstfürsorge wieder aufnimmt.“ Liebesentzug oder Vorwürfe bringen nichts. „Da straft man sich nur selbst“.

„Man verliert den Respekt“

Alkohol zerstört oft Ehen und Beziehungen. „Man verliert den Respekt“, sagt eine Teilnehmerin über das Verhältnis zu ihrem Mann, bei jedem neuen alkoholbedingten „Filmriss“ ein bisschen mehr. Man ist wütend und ängstlich, fragt sich: „Wo und wann lauert die nächste Katastrophe“. Die Exzesse der Süchtigen sind für die Partner oft schambesetzt. Beispielsweise, wenn der Alkoholsüchtige in der Öffentlichkeit die körperliche Kontrolle verliert oder einen Unfall hat.

Die Anonymen Alkoholiker (AA) sind als Selbsthilfegruppe für die Betroffenen fest etabliert. In der meist parallel dazu organisierten Al-Anon Selbsthilfegruppe lernen die Teilnehmer, dass sie als Partner, Angehöriger oder Freund sich nicht selber vernachlässigen dürfen. Sie lernen das Abstreifen der Schuldgefühle und den Abschied von der Frage: „Was habe ich falsch gemacht“. Sie folgen einem 12-Schritte-Ansatz, der auch auf andere Süchte anwendbar ist, ein „Lebensprogramm“ für Beruf und Privatleben gleichermaßen.

In der Göppinger Gruppe, die sich immer montags im evangelischen Gemeindehaus in der Ziegelstraße trifft, geht es darum, sich zu öffnen. Man kann zuhören oder selber erzählen. Es gibt keinerlei Zwänge oder feste Vorgaben. Jeder sucht seinen Weg. Und doch sprudelt es  aus den meisten nur so raus, erinnern sich die Mitglieder. „Am Anfang lädt man viel ab, später kann man anderen Kraft geben“, sagt einer der Teilnehmer. Anonym  bleiben sie trotzdem, sprechen sich nur mit dem Vornamen an und kennen sich auch nur so. In Göppingen gab es eine solche Gruppe schon einmal, jetzt hat wieder ein Kreis zusammengefunden und ist dabei sich zu etablieren. „Die Gruppe hat mir sehr geholfen“, sagt nicht nur Daniela H.

Und die Gruppen-Mitlieder wollen Menschen, die ebenfalls alkoholkranke Angehörige haben, ermutigen mitzumachen. Aber ab wann weiß ich, dass mein Angehöriger süchtig ist? Bei dieser Frage sind sich alle einig: Spätestens, wenn das Trinkverhalten für die Mitmenschen auf irgendeine Weise zum Problem wird, ist Handeln geboten, selbst wenn der Trinker selber es noch nicht wahrhaben will. Und wenn man zweifelt, sollte man sich Ratschläge holen. Eine Frau aus dem Landkreis erzählt, dass es 20 Jahre lang gedauert hat, bis die Alkoholkrankheit ihres Mannes sie so zermürbt hatte, dass „der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte“ und sie sich Hilfe suchte. „In der Familie wird es oft totgeschwiegen. Es gibt einen kurzen Konflikt  – und dann wird nie wieder darüber geredet“, erinnert sich eine Gruppenteilnehmerin.

Erfahrungen teilen

Das ist offenbar seit Jahrzehnten so. Pfarrer Joseph Kellermann, einer der Vorreiter der US-amerikanischen Al-Anon-Gruppen, nannte den Alkoholismus bereits im Jahr 1969 in einem inzwischen weit verbreiteten Manuskript „ein Karussell des Leugnens“. In der Selbsthilfegruppe arbeiten die Mitglieder daran, aus diesem Karussell gemeinsam auszusteigen. Die anderen wissen auch, wovon man redet. Daniela H. berichtet von ihren Erfahrungen aus den Gruppentreffen: „Oft schon dachte ich: Der andere erzählt ja gerade meine Geschichte.“ In der Gruppe teilen sie Erfahrung und schließlich auch die Kraft und die Hoffnung. „Es ist erleichternd zu sehen: Ich bin nicht allein“.

Die Selbsthilfe bei Al-Anon

Die Familiengruppen von Al-Anon sind eine Selbsthilfegemeinschaft, die sich ausschließlich an die Angehörigen und Freunde von Alkoholikern richtet. Sie ist im Jahr 1951 in den USA aus den „Anonymen Alkoholikern“ hervorgegangen. In Deutschland gibt es seit etwa 50 Jahren Selbsthilfegruppen, nach Angaben von Al-Anon sind es derzeit etwa 600. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge oder Teilnehmerlisten. Die Anonymität aller Hilfesuchenden wird gewährleistet.

Angehörige von Alkoholikern haben ein komplexes Krankheitsbild. Sie begegnen dem Alkoholproblem eines nahestehenden Menschen mit meist völlig falschen Vorstellungen.

Nach Schätzungen der Selbsthilfegemeinschaft Al-Anon leben in Deutschland etwa 2,5 Millionen Alkoholiker, das ergibt eine Zahl von schätzungsweise neun bis zehn Millionen mitbetroffenen und mitleidenden Angehörigen.

Die Göppinger Gruppe trifft sich immer montags ab 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Göppingen in der Ziegelstraße.

Betroffene Auch die Alkoholkranken selber haben in Göppingen drei offene Gruppen, zu denen man dazustoßen kann: dienstags, 19.30 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus Bartenbach, Fehlhalde 4; mittwochs, 19.30 Uhr, im Gemeindehaus in der Ziegelstraße 2 (startet am 27. Juni); freitags um 20 Uhr im Johannesheim in Bartenbach, In der Ebene.

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