Rechberghausen Albträume einer Middle-Agerin

Lieber Mädelsabend als sozialkritische Lesung: Maria Vollmer beschwört den ganz normalen Wahnsinn einer Middle-Agerin.
Lieber Mädelsabend als sozialkritische Lesung: Maria Vollmer beschwört den ganz normalen Wahnsinn einer Middle-Agerin. © Foto: Axel Raisch
AXEL RAISCH 27.09.2016
Maria Vollmer karikiert in ihrem Programm "Sünde, Sekt & Sahneschnittchen" die konsumorientierte, durchschnittliche Middle-Agerin.

Kennen Sie noch den Bauarbeiter aus der Coca Cola Light-Werbung aus den 90er Jahren? Maria Vollmer respektive ihr alter Ego Marianne aus der Doppelhaushälfte in Köln-Nippes kennt ihn noch. Aus diversen Träumen. Am Tage und in der Nacht. Schwärmt für sein Kreuz, das so breit ist, wie das der 16-jährigen Nachbarmädels, die täglich Zalando-Pakete zur Post schleppen, weil auch sie zur „Zurück-Schickeria“ gehören. Marianne weiß wie das Leben läuft und lässt an den gewonnenen Weisheiten und Beobachtungen aus dem Alltag auch gerne die Allgemeinheit teilhaben.

Und die beginnen recht früh. Als Studentin hat sie im Baumarkt gearbeitet. Und dort nicht nur ihren Mann Reiner kennengelernt, sondern auch tiefenpsychologische Feldstudien unternommen. Männer liebten Schrauben und Dübel so heiß und innig nicht der damit verbundenen Penetrationsphantasien sondern des langfristigen Zusammenhalts zweier Teile ohne verbale Interaktion wegen, weiß Marianne.

Dabei kann Kommunikation echt Spaß machen, selbst mit Frauen – wenn sie so unterhaltsam und aufgeweckt sind wie Marianne. Zwischendurch therapiert sie Waldorfschüler und deren Mütter mit Eckbällen und gibt Unterricht in sozialer Kompetenz, entdeckt das Muttertier in sich, wenn sie neben ballonseidebekleideten Elternpaaren am Fußballplatz steht, die augenscheinlich im Fitness-Studio und Solarium wohnen und ihren Sprößling Kevin auf den eigenen Sohnemann hetzen.

Mit viel Selbstironie thematisiert sie ihr Alter. Selbst die Ü70-Fraktion sei fitter und von besserer Konstitution als sie. Und das, obwohl sie mit Ende 40 im idealen Alter für Nachwuchs wäre. Der Trend zur späten Elternschaft sei ungebrochen, hat Marianne festgestellt: „Als Pflegefall zum Abiball“. Der Windelwechsel des Nachwuchses werde nahtlos abgelöst durch die Versorgung des sich dann einnässenden Partners, erklärt Maria Vollmer.

An Handy-Sucht und Technikgläubigkeit übt sie mit ihrem Ganzkörpertouchscreen beißende Kritik und läuft zu mimischer Höchstleistung auf. Mit wunderbarer Nonchalance und Lockerheit spielt sie ihr Programm und überspielt auch kleine versehentliche Ausflüge in ihr anderes Programm (Push-Up, Pillen & Prosecco) charmant und mit gekonnter Leichtigkeit. Das musikalische Repertoire ist beachtlich. Die Grundmelodien reichen von Marlene Dietrich bis zur Spider Murphy Gang. Ein Höhepunkt: das als Cover-Medley etlicher bekannter Songs geschilderte Zwiegespräch zwischen Marianne und ihrem Reiner über die Verwendung der Plastiktüte.

Aber passte so viel sprühende Lebensfreude zum Publikum? Einmal muss sich Maria Vollmer sogar als Applaus-Souffleuse in eigener Sache betätigen. Eine, die lieber einen Mädelsabend bei einschlägigen Sendungen auf RTL 2 und artverwandten Kommerzbuden macht, anstatt die Welt bei einer sozialkritische Lesung zu retten, die lieber dem Dachdecker beim Decken in der Nachbarschaft zuschaut anstatt sich über ungenügend gegenderte Sprache zu beklagen: Passt das in die Zeit, in die Kluturlandschaft?

Aber ja, so viel Satire über das unbeschwerte kleinbürgerliche Dasein, dessen Idylle lediglich durch die Zunahme der Paketlaster in der einst ruhigen Gegend gestört wird, war selten.