Prozess Abgelehnter Asylbewerber tritt Rentner zu Boden

Ulm/Göppingen / Evelyn Krix 19.05.2017
Im November verletzte sich ein Mann lebensgefährlich: Nun steht sein Angreifer vor Gericht.

Wegen gefährlicher Körperverletzung stand gestern ein 35-jähriger Algerier vor der zweiten großen Strafkammer des Ulmer Landgerichts. Ende November 2016 war der abgelehnte Asylbewerber, der in Göppingen in einem Flüchtlingsheim untergebracht und dessen Duldung bereits abgelaufen war, in ein Kundencenter einer Göppinger Bank gegangen. Dort machte er lautstark auf sich aufmerksam und rief mehrmals „Allahu Akbar“ – „Gott ist groß“. Kurz darauf trat er einem damals 78-jährigen Mann in die Schienbeine. Der Rentner fiel zu Boden, schlug mit dem Kopf auf und verletzte sich dabei lebensgefährlich.

Drei Operationen waren nach Aussagen der geladenen Ärzte nötig. „Wenn man nichts gemacht hätte, hätte das zum Tod des Patienten geführt“, sagte einer davon, der den Senior am Tag der Einlieferung ins Krankenhaus behandelt hatte. Blutungen im Kopf, ein schweres Schädelhirntrauma, ein Schädelbasisbruch und eine Kopfplatzwunde wurden festgestellt. Seit dem Vorfall im November war das Opfer durchgängig im Krankenhaus oder in Reha. Wegen seines gesundheitlichen Zustands war der Mann nicht mehr als Zeuge bei der Hauptverhandlung geladen. Sein Sohn, der ursprünglich den Prozess vom Publikum aus beobachtete, erzählte von der Verfassung seines Vaters. Dieser wird seit Anfang Mai von seiner Familie und Pflegediensten versorgt. Er erinnere sich zwar an den Vorfall, sei aber derzeit „nicht fähig, etwas selbst zu tun“.

Der Verletzte habe ihn vor dem Angriff angesprochen, erzählte der Algerier. „Ich weiß nicht, was er zu mir gesagt hat. Deswegen habe ich ihn geschlagen“, übersetzte ein Dolmetscher zunächst. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Gerd Gugenhan, warum er ihn trotz Verständnislosigkeit geschlagen habe, antwortete er, dass er krank gewesen sei und öfter Stimmen gehört habe. Eine  sagte ihm, er solle den Juden schlagen. Warum der Rentner ein Jude sei, konnte der Angeklagte nicht beantworten. Später zitierte Gugenhan aus einem Polizeibericht: „Allah habe an dem Tag zu ihm gesprochen. Allah möge keine Juden.“ Inzwischen distanziere sich der Algerier von diesem Gedanken, meinte der Sachverständige Dr. Heiner Missenhardt, Arzt für Psychiatrie. Man gehe von einer paranoiden Schizo­phrenie oder psychotischen Störung aus. Diese könne durch den Drogenkonsum des Algeriers begünstigt worden sein. Seit seiner Jugend habe er einen Hang zu Cannabis. „Man kann sagen, dass er außerhalb seiner Psychose nichts gegen Juden hat.“

Psychotische Erlebnisse, wie die des Algeriers, könnten durchaus „Religiös gefärbt“ sein, meint der Sachverständige. Gugenhans Frage, ob er „Allahu Akbar“ zum ersten Mal gesagt habe, bejahte der Angeklagte. Er habe sich vor der Tat den Koran angehört. Streng gläubig sei er aber nicht.

Ein Kriminalhauptkommissar aus Göppingen erzählte diesbezüglich von Untersuchungen der Polizei. Diese habe das Zimmer des Angeklagten, sein Tablet und sein Smartphone untersucht. „Null Hinweise“, sagte der Zeuge. Außer „Frommen Lebensweisheiten“ habe man nichts gefunden. Weder Drogen, noch Alkohol. Es deute auch nichts auf eine Verbindung zur Terrormiliz Islamischer Staat hin.

Seit dem Vorfall bekommt der 35-Jährige Neuroleptika, die seinen Zustand verbesserten. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob der Angeklagte dadurch Empathie zum Opfer spüre, antwortete Missenhardt: „Ich hatte gehofft, dass wenn der Sohn spricht, eine Entschuldigung kommt.“ Nehme er die Medikamente und bleibe Drogen fern, sei ein Schutz vor einer weiteren Gefährdung da. Plädoyers und Urteil sollen am 1. Juni erfolgen. Evelyn Krix