Göppingen / SUSANN SCHÖNFELDER  Uhr
Als der "Abendgottesdienst für Ausgeschlafene" startete, wurde er von Kritikern als Event mit kurzem Verfallsdatum abgetan. Am 16. Oktober geht es nunmehr in die 17. Runde. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Sie sind emotional und stimmen nachdenklich. Aber auch Witz und Spannung kommen nicht zu kurz. Es wird Klartext geredet, aber auch getanzt. Freunde des Jazz, Rocks und der Klassik kommen auf ihre Kosten. „Der Abendgottesdienst für Ausgeschlafene“ zieht seit vielen Jahren unzählige Besucher in die Göppinger Oberhofenkirche. Kopf und Ideengeber ist Pfarrer Andreas Weidle, der mit einem engagierten Team von etwa 20 Personen diese Reihe auf die Beine stellt.

Am 16. Oktober um 19 Uhr startet das Format in die 17. Runde. „Ich habe selbst nicht geglaubt, dass wir das schon so lange machen“, sagt Weidle. Das Konzept sei in all den Jahren das gleiche geblieben, dazugekommen ist nur der 26. Dezember. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wird um 13, 16 und 19 Uhr in der Oberhofenkirche mit sakraler Jazzmusik gefeiert. „Es wird immer voll sein“, ist der Seelsorger der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Oberhofen-Nord überzeugt.

Der 60-Jährige schafft es seit Jahren, seine Kirche zu füllen – nicht nur an Heiligabend: „Bei uns ist acht bis zehn Mal im Jahr Weihnachten.“ Neidische Blicke blieben da nicht aus: „Andere bemühen sich auch, und es kommen nur 15 Leute. Das ist nicht einfach“, räumt der Pfarrer ein. Nichtsdestotrotz sei der „Abendgottesdienst für Ausgeschlafene“ grenzenlos: „Es kommen auch immer wieder Kollegen.“ Der Erfolg habe vor rund 17 Jahren mit großer Kritik begonnen, blickt Andreas Weidle zurück. Die Reihe sei von Skeptikern und Kritikern als Humorgottesdienst abgetan worden, als Eventgeschichte, die sich nicht lange halten werde. Es gab Beschwerdebriefe an den Oberkirchenrat  – „die waren alle von Menschen, die nicht dabei waren“, sagt der Seelsorger. Die Kritik verstummte recht schnell, die Gottesdienste waren fortan voll.

Wie erklärt sich der Macher diesen Erfolg? „Die Themen müssen uns angehen, uns berühren“, betont Weidle. „Das ist keine christliche Heimatkunde von vorgestern. Das Evangelium ist die frohe Botschaft von heute.“ Die Reihe sei thematisch orientiert, „die Leute wissen, worauf sie sich einlassen“, sieht der Pfarrer einen Pluspunkt. Manche Besucher kämen wegen der Musik, denn für viele sei dieser Gottesdienst die einzige kulturelle Veranstaltung, die sie sich leisten könnten. Letztlich spiele auch die Uhrzeit eine Rolle. Unter dem Strich sei es das Gesamtpaket, das den Erfolg ausmache, sagt Weidle.

Anregungen bekommt der Seelsorger im Alltag, beispielsweise wenn er beim Joggen Podcasts, also Beiträge aus dem Internet, hört. Oder ihm Menschen eine CD in die Hand drücken. „Wenn mich dann etwas interessiert, bin ich zäh“, meint Weidle schmunzelnd.

Und so kommt es, dass er und sein Team auch in dieser Staffel besondere Gäste in die Oberhofenkirche holen: den Astrophysiker Professor Andreas Burkert zum Beispiel, der am 6. November im Rahmen eines multimedialen Konzerts über das uralte, aber stets aktuelle  Thema Glaube und Naturwissenschaft spricht. Für Burkert – und auch für Weidle – schließt sich das nicht aus: „Glauben und Denken gehören zusammen. Und zu beidem gehört der Zweifel, der Zwillingsbruder des Glaubens“, sagt der Göppinger Seelsorger und fügt hinzu: „Auch Denken und Danken gehören zusammen. Wenn man das bei den Abendgottesdiensten merkt, wäre viel gewonnen.“

Ein weiterer hochkarätiger Gast ist Heribert Prantl, der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung, der am 4. Dezember „befreiend zornige Adventgedanken“ zum Besten gibt und als streitbare Katholik zeigt, dass der „Abendgottesdienst für Ausgeschlafene“ eine ökumenische Angelegenheit ist. Hörfunk- und TV-Journalist Andreas Malessa wird am 12. Februar 2017 Irrtümer über Luther aufdecken, der evangelische Theologe Nikolaus Schneider beschäftigt sich am 12. März mit dem großen Thema Vertrauen.

„Es ist eine Reihe, die immer noch lebt und läuft“, fasst Andreas Weidle zusammen. „Dafür bin ich ganz arg dankbar“. Dass sich der „Gottesdienst für Ausgeschlafene“ finanziell trägt, kommt erleichternd hinzu. „Wir haben in den 17 Jahren noch nie draufgelegt“, unterstreicht der Seelsorger. Die letzte Staffel habe 18 000 Euro eingebracht, die als Spende in Hilfsprojekte fließen. Kein Wunder, dass Weidle nicht ans Aufhören denkt: „Ich sitze inhaltlich schon an der Reihe für 2017/2018.“

Von Musik über Kabarett bis Sternenstaub

Buntes Programm: Los geht’s am 16. Oktober mit „e.Motion & Music“. Der „Gottesdienst für Ausgeschlafene“ verspricht bewegende Momente voller Spannung, Witz und Hintersinn. Beginn ist um 19 Uhr. Am 6. November (16 und 19 Uhr) geht es um „Urknall und Sternenstaub“, zu Gast ist der Astrophysiker Professor Andreas Burkert. Weitere Termine: 4. Dezember, 26. Dezember, 15. Januar 2017, 12. Februar, 12. März, 8. und 9. April.