Kreis Göppingen Ab in den Stau: Ferienstart auf der A 8

Kreis Göppingen / KATHRIN BULLING 07.08.2012
Im Sommer zieht es Joachim Baumhauer auf die Autobahnen der Region. Als Stauberater kümmert sich der 45-Jährige ehrenamtlich um gestrandete Reisende. Wir haben ihn einen Tag lang begleitet.

In Joachim Baumhauers Helm spiegelt sich die Sonne. 34 Grad hat es an diesem Freitagnachmittag - eine gute Temperatur fürs Freibad oder das kühle Haus. Baumhauer aber weiß: Der Hitze wird er in den nächsten Stunden nicht entgehen können. Der ADAC-Stauberater klappert heute die A 8 ab und kümmert sich um gestrandete Autofahrer. Es ist Ferienstart in Baden-Württemberg, zum Reiseverkehr kommen viele Baustellen - Großkampftag.

Der Job ist ehrenamtlich, der Raumausstattermeister hat sich extra freigenommen. Seine Aufgaben: Bei Pannen und Unfällen mit absichern helfen, Erste Hilfe leisten und den Abschleppdienst anrufen. An den Raststätten informiert er Reisende über Staus und geeignete Alternativstrecken und gibt Tipps fürs richtige Verhalten im Stau. Über Radio und per Handy bekommt er Infos zu den Straßenverhältnissen und gibt seine Erkenntnisse weiter an den ADAC, die Polizei und Radiosender. "Gelber Engel" nennen ihn die Leute, dabei stimme das gar nicht, sagt der 45-Jährige mit leichtem Lächeln: "So heißen die Pannenhelfer vom ADAC. Wir sind höchstens die erweiterten ,gelben Engel."

Ob Engel oder nicht, froh über sein Erscheinen sind alle Autofahrer, bei denen die Reise nicht planmäßig verläuft. So wie die niederländische Familie, die mitten auf der A 8, auf Höhe von Aichelberg, Benzin verliert. Es ist einer der ersten Einsätze für Baumhauer an diesem Tag - und es ist ein klassischer Fall: Im Fond zwei kleine quengelnde Kinder, stickige Luft und nichts mehr zu trinken. "Die Leute überschätzen sich manchmal. Sie wollen schnell, schnell ihre Strecke schaffen und bereiten sich nicht immer gut auf die Fahrt vor."

Baumhauer verteilt erstmal kühle Getränke und ruft den Abschleppdienst, zum Schluss gibt es noch ein paar Geschenke: Stofftiere und Spielzeugautos für die Kinder, Straßenatlas und Kappen für die Eltern. Die Urlauber sind dankbar und erleichtert, und der Kuchener freut sich, dass er helfen konnte. Eine Stunde später wird er die Familie an der Raststätte Gruibingen wieder treffen, der Abschleppwagen liefert sie gerade ab.

Baumhauer macht da gerade Pause - bei der Hitze und in der dicken Motorradkluft ist das sowie regelmäßiges Trinken dringend nötig. Drei Stunden ist er jetzt schon unterwegs. Auf dem Gelände des ADAC Württemberg in Cannstatt holte er sein Dienstmotorrad ab und füllte die Seitenkoffer seiner Maschine mit gekühlten Getränken und Geschenken, ließ sich die neuesten Stauinfos geben und teilte sich mit zwei Kollegen das Einsatzgebiet auf. Die anderen betreuen den Bereich ums Kreuz Stuttgart, Baumhauer deckt das Gebiet zwischen Aichelberg und Merklingen ab. Auch am Samstag und Sonntag werden fünf Leute unterwegs sein. Werden Staus gemeldet oder ein Unfall, fahren sie direkt dorthin und schauen, ob sie helfen können. Ansonsten, sagt Baumhauer, "klappert man die Strecken ab und guckt, wie sich die Lage entwickelt."

Sagts und schwingt sich wieder auf seine Maschine. Beim Losfahren schaltet er den Verkehrsfunk ein, der meldet "zehn Kilometer schleppender Verkehr auf der A 8 zwischen Aichelberg und Mühlhausen". Baumhauer fährt langsam zwischen den Autoreihen durch und behält beide Fahrtrichtungen im Auge. Als Stauberater hat er Sonderrechte auf der Straße, darf den Standstreifen mitbenutzen, im Stau gegen die Fahrtrichtung und zwischen den Autos durchfahren. Auch die Zufahrtswege für Rettungskräfte links und rechts der Autobahn darf er nutzen. "Schwarze Wege" werden sie genannt - sie ersparen viel Zeit, wenn auf der Gegenfahrbahn ein Pannenfahrzeug steht und man schnell rüberwechseln will.

Kurz vor der Grünbrücke bei Aichelberg ist das der Fall: Baumhauer entdeckt auf der entgegengesetzten Fahrbahn Richtung Merklingen ein Auto auf dem Standstreifen. Als Routinier weiß er: Da kommt gleich ein Rettungsweg. Blinken, abbremsen, rechts raus - in wenigen Minuten hat er die A 8 unterquert und fährt zu dem Pannenfahrzeug auf. Wieder ein niederländisches Auto: Mit Frau und vier Kindern will der Mann aus Enschede an den Gardasee. Seit 13 Stunden ist die Familie unterwegs, dann überhitzte der Motor. Zwei Stunden warteten sie jetzt schon auf den Pannendienst, berichtet der Mann. Baumhauer nickt: "Ja, es ist leider viel los, es braucht seine Zeit, bis der durchkommt." Die Niederländer sind verständnisvoll, immerhin steht ihr Auto im Schatten. Baumhauer verteilt wieder Geschenke. Bevor er weiterzieht, hilft er noch, ein Warndreieck aufzustellen.

Im Radio läuft jetzt "One moment in time", links zieht das Filstal vorbei. Nur ein paar Wölkchen zieren den strahlend blauen Himmel. Die Straße ist frei, Baumhauer kann Gas geben und für einen kurzen Moment ist jeder Stau vergessen. Doch da zwingt ihn die Baustelle vor Gruibingen schon wieder zum Abbremsen. Nochmal raus auf den Rastplatz, Helm runter und ein paar Schlucke Wasser trinken.

Seit sechs Jahren ist der Kuchener Stauberater. Beworben hat er sich das erste Mal vor zehn Jahren, im vierten Jahr klappte es endlich. Die Aufnahmekriterien sind streng, Anwärter müssen ein Jahr mit erfahrenen Kollegen mitfahren und sich bewähren. Rund 25 Einsätze hat Baumhauer pro Saison, die von Mitte Mai bis Ende September dauert. Er hat schon alles mögliche erlebt: vom Motorboot, das auf der Autobahn strandete, bis zum tödlichen Unfall vor einigen Wochen bei Merklingen. Allen möglichen Menschen begegnet er; meist klappt es mit Englisch, manchmal geht es nur mit Händen und Füßen.

Jedes Jahr bekommen die Stauberater ein Fahrsicherheitstraining und eine Erste-Hilfe-Schulung. Baumhauer, der ausgebildeter Rettungssanitäter ist, hat sich eine eigene Notfalltasche zusammengestellt. "Es ist ein anstrengender Job und man muss immer aufpassen, was auf der Straße passiert. Aber ich freue mich einfach, wenn ich jemandem helfen kann." Privat fährt er seit 15 Jahren Motorrad und ist da gerne etwas sportlicher unterwegs als mit der komfortablen Tourenmaschine des ADAC, einer BMW 1200 RT. Wie lange er den ehrenamtlichen Job noch machen wird? "Nach momentanem Stand: Wenn ich nicht mehr aufs Motorrad komme, lasse ich es", sagt er und lacht.

Nach ein paar Stunden Dienst kann er die Lage an diesem Tag einschätzen: "Es ist gut was los, aber das ist ganz normal, wenn die Ferien losgehen." Dass viele so schnell wie möglich in den Urlaub wollen, kann er zwar verstehen. Es lohne sich aber, einen oder zwei Tage später loszufahren. "Sonst sitze ich an meinem ersten Urlaubstag stundenlang im Stau, das macht keinen Spaß und stresst nur." Sein Tipp für alle, wenn auf der Autobahn nichts mehr geht: Ists kein Unfall, der den Stau verursacht, dann ist es am besten, wenn man auf der Autobahn bleibt. Der Stau werde nur verlagert, wenn man auf eine andere Strecke ausweiche, "das machen alle".

Ein Autofahrer hat Baumhauers leuchtend gelbe Jacke entdeckt. "Was ist der Trick? Wie komme ich am schnellsten Richtung Memmingen?", fragt er. Der Geschäftsmann ist auf dem Heimweg von einer Dienstreise, er hat sich mit Eiskaffee und Schokoeis eingedeckt. Geheimnisse kann ihm Joachim Baumhauer keine verraten, "ich kann die Autos leider nicht wegzaubern. Fahren Sie wieder drauf", sagt er. Mit einem resignierten Nicken geht der Mann zurück zu seinem Auto.

Auf Baumhauer wartet schon die nächste Panne: Kurz nach der Raststätte Gruibingen hat ein VW den Geist aufgegeben, der junge Fahrer parkt im Baustellenbereich. Erst war da ein komisches Geräusch, dann kam Qualm aus dem Motorraum, sagt er. Ob er wohl weiterfahren könne? Baumhauer wagt keine Prognose, das überlässt er lieber den Experten. "Wohin wollen Sie denn?", fragt er die drei Mitfahrer. Nach Kroatien soll es gehen; die Familie ist in Stuttgart gestartet und gerade mal 50 Kilometer unterwegs. Baumhauer bietet an, beim ADAC anzurufen, doch der Fahrer hat schon sein Handy gezückt. "Dann warten wir halt mal, was die sagen", meint der Mann. Baumhauer wird hier nicht mehr gebraucht.

Weil es zwischen Aichelberg und Merklingen inzwischen recht ruhig ist, fährt er runter Richtung Stuttgart. Hier stauen sich die Autos kilometerlang in beide Richtungen, dann fängt es auch noch zu regnen an. Die Sonne glitzert auf dem nassen Asphalt und blendet nicht nur Baumhauer: Mitten in der Baustellenspur kurz vor dem Kreuz Stuttgart passiert ein Auffahrunfall mit fünf Fahrzeugen. In kürzester Zeit ist die gesamte Spur blockiert. Baumhauer fährt hoch und runter und sucht vergeblich eine Stelle, an der er halten kann, ohne den Verkehr zu behindern. Doch es ist kein Durchkommen. Der Stauberater fährt weiter. "Verletzt war keiner, und die Leute waren schon am Telefonieren, jetzt muss bloß noch der Abschleppwagen durchkommen", sagt er und klingt ein bisschen frustriert, weil er nicht helfen konnte.

Bis 20 Uhr dauert sein Dienst - eigentlich. Doch auf dem Rückweg zum ADAC-Gelände fährt er direkt an eine frische Unfallstelle: Ein rumänischer Lkw ist auf einen Autotransporter aufgefahren. Baumhauers Hilfe wird doch nochmal benötigt. Um kurz vor Mitternacht ist er endlich zu Hause. Jetzt gilt es auszuruhen für den nächsten Tag, an dem er wieder die Autobahn abklappert.

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