Seit 480 Tagen leitet Sabine Meigel das Haus der Familie, seit gut einem Jahr ist sie alleinige Leiterin der Familienbildungsstätte. Im Interview spricht sie von Müttern, die früher wieder in den Beruf einsteigen, vom Umgang mit der rasanten Digitalisierung und Orientierung in turbulenten Zeiten.

Die Zeiten, in denen das Haus der Familie nur „Mütterschule“ war, sind längst vorbei. In welche Richtung geht die Reise?

Sabine Meigel: Eine Familienbildungsstätte muss sich immer daran orientieren, wie sich die Gesellschaft verändert und dann auch passgenaue Angebote machen. Die Reise geht sicher dahin, dass die Familie mittlerweile für Mütter wie für Väter eine große Aufgabe ist und Mütter schnell wieder einsteigen in den Beruf. Wir versuchen, den Familien in dieser Zeit Orientierung zu geben.

In Ihrem Team auf der Homepage sind aber nach wie vor nur Frauen abgebildet. Warum eigentlich?

Das kann man so gar nicht mehr sagen. Wir haben seit Januar zumindest einen syrischen Mann im Bundesfreiwilligendienst bei uns und werden ab Herbst einen zweiten einstellen. Aber natürlich macht das bestehende Team äußerst kompetent seine Arbeit. Ich bin sehr zufrieden mit den Mitarbeiterinnen und ich bin doch nicht hergekommen mit dem Vorsatz, das Personal auszuwechseln.

Die Anpassung an die veränderte Klientel geht also langsam vonstatten?

Es ändert sich schon etwas. Eine Familienbildungsstätte besteht zum Einen aus dem sehr guten Team der Hauptamtlichen und darüber hinaus aus einem großen Pool von Ehrenamtlichen und Honorarkräften. Im Falle der Honorarkräfte, also den Kursleitern, die ja vor allem mit den Teilnehmern in Kontakt treten, schauen wir natürlich schon darauf, das wir mehr Männer bekommen. Wir haben zum Beispiel einen sehr guten Männercoach gewonnen, der Kurse zu Themen wie Burnout und Kommunikation anbietet. Wir sind also dran.

Was sind Schwerpunkte, die Sie im ersten Jahr ihrer Amtszeit gesetzt haben und noch setzen werden?

Der erste Schwerpunkt ist definitiv die neue Homepage gewesen (www.hdf-gp.de). Die ist jetzt auch smartphone-fähig. Und im Bereich der Umweltbildung haben wir ein ganz neues Format: Ab Herbst wird es immer am Sonntagnachmittag einen Umwelt-Familiennachmittag geben. Dort kann jede Familie auch spontan ohne Anmeldung vieles über Natur und Umwelt erfahren. Es geht dabei um Bienen, Spinnen, den Wasserkreislauf oder das Thema „Erde ist nicht nur Dreck“. Das ist ein vollkommen neues Gebiet. Wir wollen damit auch einen Gegenpool setzen zur immer schnelleren Digitalisierung, mit der Kinder heute in Berührung kommen – und wir wollen unseren wunderschönen Garten noch besser nutzen.

Gibt es denn unter den 1300 Kursen und Veranstaltungen etwas, wovon Sie sich im Zweifel auch trennen müssen, um sich nicht zu verzetteln?

Wir merken natürlich schon, dass der Bedarf an Kursen für Kinder im dritten und vierten Lebensjahr zurückgeht. Das bieten wir auch nicht mehr in dem Maße an wie früher. Das liegt daran, dass Mütter, die früh wieder in den Beruf einsteigen, eben nicht mehr so viel Zeit haben, beispielsweise für Spielgruppen am Vormittag.

Und die Kinder sind in dem Alter oft schon in der Kinderkrippe ...

Genau. Im Bereich der Bildungsarbeit für Eltern gehen wir deshalb jetzt auch mehr in Kindertagesstätten, das heißt wir kooperieren auch sehr viel mit Erzieherinnen und versuchen herauszufinden, was die Themen sind, die Eltern bewegen. Wir gehen mit den Referenten auch mehr dorthin, wo die Eltern sind und bieten nicht nur Veranstaltungen hier im Haus.

Sie haben ja auch Sparten wie Gesundheit, Fitness, Kultur und Kreativität und konkurrieren da mit der VHS, der kirchlichen Erwachsenenbildung oder kommerziellen Anbietern. Wie überzeugen Sie die Menschen, beispielsweise einen Yogakurs ausgerechnet im Haus der Familie zu belegen?

Was sich für Göppingen als ganz typisch erwiesen hat, ist die gute Kooperation und die gute Absprache mit den anderen Bildungseinrichtungen. Wir arbeiten sehr gut zusammen oder sprechen uns ab.

Was ist denn sonst noch typisch für Göppingen?

Beispielsweise die gute Zusammenarbeit zwischen Landkreis und Stadt. Auch das ist nicht überall so.

Sie stoßen hier ja in der schönen Villa Butz räumlich an Grenzen. Gibt es da inzwischen eine Lösung?

Nein, leider nicht. Wir sind immer auf der Suche nach Räumen, explizit für Gymnastikkurse. Das Angebot ist immer größer geworden. Die Räume können aber nicht mitwachsen.

Anbauen ist in einem denkmalgeschützten Haus aber schwierig.

Das geht natürlich nicht. Dafür genießen wir aber die schöne Atmosphäre hier im Haus und die zentrale Lage, die auch sehr viel ausmacht.

In der Nachbarschaft haben Sie jetzt den „Ort der Vielfalt“, der als Skater-Platz und Mehrgenerationen-Treff proklamiert wird. Können Sie davon profitieren?

Wir sind mit dem Skateverein in Verbindung und wollen bald auch Kurse dazu anbieten. Dabei wollen wir speziell Mädchen fördern. Bisher sind hauptsächlich Jungs auf dem Platz zu sehen.

Stimmt, das fällt auf. Ist das generell ein Thema?

Es ist generell unser Anliegen, Mädchen auch in anderen Bereichen zu fördern. Wir kooperieren jetzt beispielsweise mit dem Bildungshaus für Naturwissenschaft und Technik in der Karlstraße und mit der VHS. Die Mädchen können in einem Kurs zum Beispiel Schmuck aus Computerteilen bauen.

Unter den in Göppingen lebenden Flüchtlingen sind ja auch viele Familien. Kommen die hierher?

Da ist unsere zweite Säule sehr wichtig, nämlich die offenen Angebote. Wir haben ja zum Beispiel den Familientreff. Zu solchen niederschwelligen Angeboten kommen die Flüchtlinge durchaus, und wir versuchen, sie mit speziellen Angeboten zu fördern. Wir bieten interkulturelle Gesprächskreise an, manchmal sogar mit Übersetzern. Da geht es um Kindergartenplätze, gesunde Ernährung und vieles mehr. Diese offenen Angebote werden über Projektmittel finanziert, sind also für die Teilnehmer kostenlos.

Wagen Sie mal eine Prognose. Wie wird sich das Haus der Familie verändert haben, wenn Sie dereinst in Ruhestand gehen?

Das ist sehr schwer zu sagen. Es wird sicher mehr medienpädagogische Angebote geben, weil es mit der Digitalisierung immer schneller geht und wir den Eltern mehr Orientierung geben müssen. Wie das aber in 17 Jahren aussieht, kann glaube ich heute keiner beantworten.

Die Leiterin des Hauses der Familie


Sabine Meigel ist in München geboren und  in Neu-Ulm aufgewachsen. Sie ist studierte Diplom-Ingenieurin und Geo-Informatikerin. Ihre berufliche Laufbahn führte sie unter anderem zum Regionalverband Donau-Iller, als Direktorin ins Donau-Büro Ulm/Neu-Ulm und für kurze Zeit ins Brüsseler Büro von Verband und Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart, bevor sie im Februar 2016 nach Göppingen kam.

Die 50-Jährige lebt in Ulm, ist Mutter von zwei Söhnen im Alter von 22 und 19 Jahren. In der Freizeit geht sie Bergwandern und Skifahren oder beschäftigt sich mit Kultur.