Glaube Die Rolle der Religion für die Bildung

„Bildung bedeutet heute oft Einsparungen und Studien“, meint die Diplom-Pädagogin Ingrid Käss.
„Bildung bedeutet heute oft Einsparungen und Studien“, meint die Diplom-Pädagogin Ingrid Käss. © Foto: Staufenpress
Göppingen / SUSANN SCHÖNFELDER 13.01.2017

Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, hat Martin Luther mit seinen 95 Thesen die Reformation ausgelöst und damit eine umwälzende Freiheitsbewegung. Doch was bedeutet dieses tiefgreifendes Ereignis für die Christen von heute? Die Diplom-Pädagogin Ingrid Käss, Fachleiterin für Evangelische Religion am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Schwäbisch Gmünd, spricht über Auswirkungen der Reformation, über oberflächliche Häppchen-Informationen und Bildung, die für sie heute oft nur aus Studien und Einsparungen besteht.

Frau Käss, lesen Sie regelmäßig in der Bibel?

Ingrid Käss: Ich lese natürlich beruflich sehr viel in der Bibel, weil ich Referendare in der Ausbildung betreue. Privat beschäftige ich mich gerne mit den Psalmen. Derzeit schaue ich öfter in die neue Luther-Übersetzung von 2017. Mein Mann ist Pfarrer, so dass bei uns der Glaube und die Bibel natürlich eine große Rolle im Alltag spielen.

Was bedeutet Christsein für Sie?

Ich muss das im Umgang mit anderen Menschen zeigen. Gelebtes Christentum bedeutet für mich, das christliche Menschenbild zu leben, Wertschätzung anderen Menschen entgegen zu bringen. Mit der Toleranz-Frage stößt man da manchmal an Grenzen.

Wie meinen Sie das?

Wenn man an das Attentat von Berlin denkt, neigt man zu schnellen Urteilen und einfachen Antworten aus der Betroffenheit und Erschütterung heraus. Da muss man sich in Gelassenheit und Gottvertrauen üben.

Was bedeutet denn 500 Jahre Reformation für Sie?

Es ist ein Anlass, über Vieles nachzudenken. Damals steckte die Kirche in einer Krise, die Reformation löste eine große Freiheitsbewegung aus. Man muss da einen Zusammenhang herstellen. Auch heute steckt die Kirche in einer Krise.

Und wie sieht es mit der Freiheit aus?

Wir sind heute viel freier in dem, wie wir leben. Meine Eltern sind keine Bildungsbürger, trotzdem habe ich studiert und meinen Beruf frei gewählt. Mein Mann und ich reisen gerne. Wir haben fast alle Kontinente gesehen, das ist nicht selbstverständlich. Früher war man viel mehr festgelegt. Auch Luther hat sich von Vielem freigemacht.

Schränkt der Terror uns nicht ein in unserer Freiheit?

Da fühle ich mich unverändert. Wir waren an allen Orten, wo große Anschläge waren. Das hat etwas mit gesundem Gottvertrauen zu tun. Ich fahre sehr viel Auto. Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas passiert, ist viel größer. Ich verstehe aber die Leute, die Angst haben.

Wie wirkt denn die Reformation ins Heute hinein?

Reformation und Aufklärung gehören zusammen. Und bei der Aufklärung geht es darum, wie der Mensch gebildet ist und wie er sich die Welt erschließt. Die Menschen sollten damals lesen können und nicht nur Dinge übernehmen, die ihnen vorgegeben wurden. Im Islam stelle ich fest, dass diese Aufklärung manchmal fehlt. Ich war nie frauenbewegt, aber da muss man was tun. Wobei ich ausdrücklich sagen will, dass es viele Muslime gibt, die aufgeklärt und integriert sind.

Welche Bedeutung kommt dem Religionsunterricht zu?

Der Religionsunterricht ist unheimlich wichtig. Denn es geht darum, sich über Dinge grundlegend Gedanken zu machen. Religion hat Visionen, die über die nächste Wahlperiode hinausgehen. Bildung bedeutet heute oft Einsparungen und Studien, das Kultusministerium hat die Nützlichkeit im Blick. Der Religionsunterricht beschäftigt sich mit langfristigem Denken.

Sind junge Menschen denn heute noch für Religionsunterricht zu begeistern?

Es kommt sicher auf die Menschen an, die ihn vermitteln. Es geht nicht darum, biblische Inhalte nur modern zu verpacken. Man muss es schaffen, die Kinder und Jugendlichen zu begeistern, sich mit den Geschichten auseinanderzusetzen. Zum Beispiel die Geschichte über Ruth. Die hat unheimlich viel mit den Themen Migration, Frauen und Familie zu tun und ist daher sehr aktuell. Da steckt viel drin, was heute noch Bedeutung hat. Es geht letztlich ja auch um die Fragen vom Anfang und Ende der Welt, also sehr existenzielle Fragen.

Man hat manchmal den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr bereit sind, in die Tiefe zu gehen ...

Das ist leider so. Viele Menschen nehmen Häppchen auf, ohne die Informationen zu hinterfragen. Da kann religiöse Bildung gegensteuern. Wobei die Rolle der Religion zunehmend in Frage gestellt wird. Aber religiöser Fundamentalismus zeigt, wie nötig diese religiöse Bildung ist. Die Kirche hat nach Luther eine Bildungsverantwortung.

Das hört sich alles etwas düster an und klingt nach einer großen Herausforderung für die Kirche. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass wir aus der Negativspirale herauskommen, wieder Visionen haben und Dinge anpacken, um sie zu ändern. Ich vertraue einfach darauf, dass alles gut werden wird.

Zur Person: Ingrid Käss

Die Diplom-Pädagogin und Realschullehrerin Ingrid Käss arbeitet als Fachleiterin für Evangelische Religion am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Schwäbisch Gmünd. Dort betreut sie angehende Lehrer auch in Pädagogik. Sie ist 56 Jahre alt und mit dem Pfarrer Ekkehard Käss verheiratet. Die gebürtige Rheinfeldenerin, die in Freiburg studiert hat, reist sehr gerne.

Termine

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Lektüre und Gespräche über Luthers Freiheitsschrift am Dienstag, 07.02.2017, 19:30 Uhr im Evang. Gemeindehaus Bad Boll, Heckenweg 13

Hier stehe ich, es war ganz anders - Irrtümer über Luther und Einsichten

Abendgottesdienst für Ausgeschlafene am Sonntag, 12.02.2017 um 19 Uhr in der Oberhofenkirche Göppingen.  mit Andreas Malessa, Theologe, Journalist, Moderator und Pfarrer Andreas Weidle

07161-72874 andreas.weidle@elkw.de

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