Zunächst die wichtigste Frage: Haben alle Teilnehmer ihre Visa?

GERHART KRANER: (schmunzelt) Erstaunlicherweise haben diesmal alle Einreisevisa bekommen. Vor acht Jahren erhielten ja die Marokkaner kein Visum, und die Ukrainer mussten einzeln nach Kiew anreisen, um zu beweisen, dass sie Theatermenschen sind. Denn eines muss man betonen: Das Donzdorfer Festival ist kein Amateurtheatertreffen wie die Theatertage. Bei uns spielen überwiegend Profibühnen.

Es sind auch Ensembles aus Ägypten, Israel und Iran dabei. Das klingt politisch nicht unproblematisch?

KRANER: Das ist auch beabsichtigt. Beim letzten Festival waren diese Gruppen auch da, und das lief sehr gut: freundschaftlich und harmonisch. Die Leiterin der israelischen Gruppe sagte damals: Wenn die Politiker uns machen lassen würden, gäbe es keine Kriege.

Sind noch mehr Bekannte dabei?

KRANER: Ich lade immer etwa ein Drittel alte Freunde ein, ein Drittel war schon beim letzten Mal und ein Drittel ist ganz neu dabei.

Entscheiden Sie das als künstlerischer Leiter allein oder im Team?

KRANER: Es gibt ein Team, das mich berät. Die Gruppen habe ich meist vorgeschlagen, und das wird auch akzeptiert.

Neben Klassischem wird auf dem Festival Zeitgenössisches und Gesellschaftskritisches gezeigt. Stimmt aus Ihrer Sicht die Mischung?

KRANER: Ja, die stimmt. Die Genres sind abgedeckt: Klassik, modernes und avantgardistisches Theater, auch Kinder- und Seniorentheater. Das haben wir alles ganz bewusst hereingenommen, weil ich ein großes Spektrum und ein großes Publikum erreichen möchte.

Warum so ein Festival in Donzdorf?

KRANER: Das ist entstanden, als das Aktionstheater Donzdorf an einem großen Festival in Yokohama war, das war ein unglaubliches Ereignis. Das hat uns inspiriert, so etwas in Deutschland zu etablieren. Das gab es damals nicht: Wir sind einzigartig, das einzige Festival mit Teilnehmern aus zwölf Nationen. Ich hab dann den damaligen Kultusminister Mayer-Vorfelder für die Idee gewinnen können, den Präsidenten des Landesverbands Amateurtheater und die Stadt Donzdorf. Warum Donzdorf? Hier sind die Lokalitäten gut und günstig, man kann alles zu Fuß erreichen, und wir haben ein großes Hotel, wo man die Teilnehmer unterbringen kann.

Think global, play local: Globales Theater in die Provinz zu bringen, ein Forum zu bieten für Begegnungen und Gespräche - funktioniert dieses Prinzip auch nach 23 Jahren noch?

KRANER: Ja, und es wird immer besser, weil sich das Festival inzwischen etabliert hat. Die Zuschauer nehmen das Angebot an, wir bekommen immer größeren Zulauf. Die Akzeptanz ist gut, auch bei den Gesprächen, die uns wichtig sind. Wir sehen das auch als Beitrag dazu, über das Theater Frieden zu stiften. Das war immer mein Anliegen: Gespräche können Kriege verhindern.

Kann Theater überhaupt - in Zeiten der permanenten Verfügbarkeit von Informationen - noch aufklärend oder gar aufrüttelnd wirken?

KRANER: Ja, davon bin ich felsenfest überzeugt. Weil Theater ein Ur-Mittel der Menschheit ist, sich mit der Gesellschaft auseinander zu setzen, Gefühle, Gedanken und Welten darzustellen. Das kann kein anderes so ganzheitlich umsetzen.

Wieso ist keine Gruppe aus dem Landkreis dabei?

KRANER: Das ist durchaus Absicht. Anders als etwa die Göppinger Theatertage, wo immer mehrere deutsche und regionale Gruppen vertreten sind, ist bei uns Deutschland nur eine von vielen Nationen. Eine Gruppe aus Wangen ist dabei, die Lörracher Gruppe musste wegen zweier Todesfälle leider absagen.

Wie wird das Festival finanziert?

KRANER: Je ein Drittel läuft über das Ministerium bzw. den Landesverband, die Stadt sowie über Sponsoren und ehrenamtlich Tätige.

Wie viele Leute wirken denn ehrenamtlich mit?

KRANER: Gut 30, dieses Mal etwas weniger als früher. Auch da verlangt die Zeit ihren Tribut. Die Menschen haben immer weniger Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Apropos Tribut der Zeit: Ist das neunte Donzdorfer Theaterfestival Ihr letztes?

KRANER: Als Leiter ja. Ich werde beim zehnten Festival wahrscheinlich beratend zur Verfügung stehen.

Wollen Sie mit dem Festival nicht noch zweistellig werden?

KRANER: Schon, aber man darf nicht zum Faktotum werden und muss rechtzeitig aufhören. In drei Jahren bin ich 76 Jahren, das muss nicht sein.

Zur Person vom 9. Mai 2015

Gerhart Kraner (73) begann 1972 seinen Lehrdienst am Rechberg-Gymnasium in Donzdorf. Der Künstler und Regisseur hat 40 Jahre lang das Aktiontheater Donzdorf geleitet und ist Initiator und künstlerischer Leiter des Theaterfestivals Donzdorf, das seit 1992 alle drei Jahre stattfindet. Außerdem war er bis vor zwei Jahren der künstlerische Leiter des Landesverbands Amateurtheater Baden-Württemberg.

MAZ