Kreis Göppingen "Wir sind die wahren Grünen"

Wo drückt den Bauern der Schuh? Hermann Färber ( vorne re.) und Gerd Sonnleitner (2. v. re.) sprachen aktuelle Probleme der Landwirtschaft an. Foto: Staufenpress
Wo drückt den Bauern der Schuh? Hermann Färber ( vorne re.) und Gerd Sonnleitner (2. v. re.) sprachen aktuelle Probleme der Landwirtschaft an. Foto: Staufenpress
Kreis Göppingen / DANIEL GRUPP 16.02.2012
Immer mehr Flächen werden der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen, beklagen sich die Bauern. Dies wurde beim Kreisbauerntag in Ottenbach deutlich, wo Gerd Sonnleitner Hauptredner war.

Unermüdlich tickt die digitale Anzeige, überschreitet die 50 000er und die 60 000er Marke. Jede Sekunde geht durch Flächenfraß etwa ein Quadratmeter Land verloren. Pro Tag also 86 Hektar Fläche in Baden Württemberg. Ein Display im Hintergrund der Bühne in der Gemeindehalle in Ottenbach zeigte am Dienstagabend beim 65. Kreisbauerntag den Flächenschwund. Etwa 350 Besucher, die trotz schlechtem Wetter gekommen sind, wurden während dem gut dreistündigen Treffen stets daran erinnert. Während landläufig unter Flächenfraß die Versiegelung von Boden durch Straßen und Baugebiete verstanden wird, haben die Landwirte eine andere Sicht. Für sie zählen auch Flächen dazu, die aus Gründen des Naturschutzes der Produktion entzogen sind. "Eine Ausgleichsfläche ist eine verlorene Fläche für uns", sagte der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Hermann Färber.

Dies ist seiner Ansicht nach im Zusammenhang mit der Energiewende von Bedeutung, für die die Landwirte ihre Flächen zur Verfügung stellen. Pro Windkraftanlage werde etwa vier Hektar Ausgleichsfläche der Produktion entzogen. "Wir sind gespannt auf die Entschädigungen?", fragte der Böhmenkircher in die Halle, in der neben den Bauern auch Bürgermeister, Landrat Edgar Wolff, dessen Vorgänger Franz Weber sowie die Abgeordneten Klaus Riegert, Dietrich Birk, Nicole Razavi (alle CDU) und Jörg Matthias Fritz (Grüne) waren. Färber kann es auch nicht verstehen, dass ein Maisfeld aus dem Biodiesel gewonnen werden soll, für viele ein Problem darstellt: "In welcher Gesellschaft leben wir denn?"

Nachdem Bürgermeister Oliver Franz die Gemeinde Ottenbach mit ihren 45 Höfen und ihrer Kulturlandschaft vorgestellt hatte, ging Gerd Sonnleitner ans Mikrofon. Der Präsident des deutschen und europäischen Bauernverbandes zog eine Linie von der Landwirtschaft in der Region über Deutschland und Europa bis zur Weltpolitik. So hält es der 63-Jährige für Unfug, dass in Deutschland fruchtbare Flächen stillgelegt werden, während anderswo die vier- oder fünffache Menge an Boden benötigt werde, um den gleichen Ertrag zu erzielen. Mit Blick auf die EU sagte Sonnleitner, dass der Agrarhaushalt der "einzige vergemeinschaftete Bereich sei, der funktioniert". Der Bauernpräsident erinnerte an die Bürokratie: "Wer weiß, wie wir wegen Ausgleichszahlungen kontrolliert werden. Hätte man die gesamte Finanzwirtschaft so kontrolliert, dann wäre es nicht so weit gekommen." Sonnleitner, der in Passau einen Hof betreibt, nannte sich einen "bekennenden Europäer". Er habe als Kind die Flüchtlingstrecks nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt.

In Brüssel wolle der Agrarkommissar Dacian Ciolos gegen einbrechende Preise, wie dies im Jahr 2009 bei der Milch der Fall war, ein Sicherheitsnetz schaffen. Dagegen hat Sonnleitner keine Einwände. "Ich habe aber Probleme mit seiner Begründung", dass die Agrarpolitik grüner und gerechter werden müsse. "Kann ein Land noch grüner werden?", fragte der Bauernpräsident. "Wir sind die wahren Grünen." Er wandte sich auch gegen die Stilllegung von sieben Prozent der Flächen. "Wenn ich sieben Prozent herausnehme, verdienen Bauern sieben Prozent weniger." Solche Pläne bezeichnete Sonnleitner als "unsere größte Herausforderung".

Für Stromtrassen und Windkraftstandorte fordert der Bauernpräsident eine anständige Bezahlung. Dies habe die Kanzlerin Angela Merkel versprochen. Im Gesetz sei davon aber nichts zu finden, während den Investoren in die Leitungen eine Rendite garantiert werde.