Göppingen "Wir kommen an Grenzen"

Pfarrer Andreas Weidle bedankt sich beim Abschluss-Gottesdienst bei Wolfgang Baumung, der die Vesperkirche geleitet hat. Foto: Staufenpress
Pfarrer Andreas Weidle bedankt sich beim Abschluss-Gottesdienst bei Wolfgang Baumung, der die Vesperkirche geleitet hat. Foto: Staufenpress
Göppingen / KARIN TUTAS 06.02.2012
Mit einem Gottesdienst ist gestern die Göppinger Vesperkirche zu Ende gegangen. Gegenüber 2011 schnellte die Zahl der ausgegebenen Mahlzeiten deutlich in die Höhe. Die Organisatoren kommen an Grenzen.

Die Göppinger Vesperkirche hat wieder einen Rekord gebrochen. Durchschnittlich 220 Mahlzeiten täglich haben die rund 40 ehrenamtlichen Helfer in den vergangenen vier Wochen in der Stadtkirche ausgegeben. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber dem vergangenen Jahr, als die Zahl der Mittagessen noch bei durchschnittlich 150 lag. Für den Pfarrer der Stadtkirchengemeinde Oberhofen, Andreas Weidle, ist dies ein klares Indiz dafür, dass "Armut zunimmt".

Gestern ist die Vesperkirche mit einem Abendmahls-Gottesdienst zu Ende gegangen. Die Resonanz zeige, dass das Angebot, welches das Haus Linde und die Stadkirchengemeinde Oberhofen bereits zum 17. Mal auf die Beine gestellt haben, dringend benötigt werde und aus Göppingen nicht mehr wegzudenken sei. Immer mehr ältere Menschen, "die große Schwierigkeiten haben, mit ihrer Rente über die Runden zu kommen", oder Alleinerziehende mit Kindern seien zum Essen gekommen. Aber auch Menschen, die froh sind, nicht alleine am Tisch sitzen zu müssen. "Die Vereinsamung nimmt zu", stellt Weidle fest.

Jedoch gehöre es zur Philosophie der Vesperkirche, allen sozialen Schichten offen zu stehen. Sie sei "der Spiegel einer ganz normalen Gesellschaft". Allerdings hätten die Organisatoren an der Kasse sehr deutlich gemacht, dass allein die Kosten von 3,20 Euro für das Essen weit über dem verlangten Preis von 1,50 Euro liegen. "Jeder zahlt, was er kann", erklärt Weidle das Prinzip, jedoch sei damit die Hoffnung auf Solidarität verbunden gewesen, dass "jeder zahlt das, was er kann".

Über einen Mangel an Solidarität können sich die Organisatoren bislang nicht beklagen. Die Vesperkirche ist längst keine rein Göppinger Angelegenheit mehr. "Wir bekommen inzwischen Kuchenspenden aus dem ganzen Landkreis", sagt Andreas Weidle. Eine Frau habe in Etappen allein 26 Kuchen gebacken, "damit könnte ich drei Konfirmationen ausrichten", sagt der Seelsorger schmunzelnd. "Dank der Kuchenspenden konnten wir jeden Tag noch einen tollen Nachtisch nebst Kaffee bieten." Einen erheblichen Beitrag hätten auch die beiden Konzerte mit dem Chor Salto Vocale und der Lumberjack-Big-Band geleistet. Insgesamt 4500 Euro seien in die Kasse gespült, das entspreche etwa dem jährlichen Zuschuss der Kirchengemeinde für die Vesperkirche.

Beeindruckt ist der Seelsorger jedoch auch über das, was die rund 40 Ehrenamtlichen in den vergangenen vier Wochen geleistet haben. Bis zu 250 Essen haben die Helfer täglich ausgegeben und in der Miniküche des Stadtkirchen-Pavillons Geschirr gespült. "Es ist erstaunlich, wie die Mitarbeiter das jeden Tag durchziehen", sagt Andreas Weidle. Indes hätten die vergangenen Wochen gezeigt: "Wir kommen an Grenzen, das ist fast nicht mehr zu stemmen." Anfang März wollen sich die Verantwortlichen an einen Tisch setzen, Bilanz ziehen und über die Zukunft nachdenken.

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