Ein trüber Tag, feiner Nieselregen lässt einen frösteln, eine Katze springt schnell auf der Suche nach einem warmen und trockenen Plätzchen über die Straße. „Mein Hund sucht mich“, sagt plötzlich Otto Bidlingmaier. Der Ur-Lerchenberger ist sich mit Jürgen Minkmar und Dietrich Burchard einig, dass es in ihrem Weiler selbst bei ungemütlichem Wetter schön ist. Am Ecktisch im „Rössle“ bei Bernd Mayer lassen sie sich eine Tasse Kaffee schmecken und freuen sich, dass es bei ihnen noch ein Wirtshaus gibt.

Die Zeiten freilich, als das „Rössle“ das „Käswirtschäftle“ war, das Gäste von weither zur Metzelsuppe anzog, „sind lange vorbei“, sagt Bernd Mayer. Die Gäste kommen noch immer aus dem Großraum Stuttgart, bekommen jetzt aber moderne Gerichte serviert mit regionalen und saisonalen Zutaten.

Im Rössle, in dem das Vieh der Lerchenberger Biobauern und vom Waldeckhof geschlachtet werden, hat eine weitere Generation Verantwortung übernommen. „Meine Söhne Mark und Haiko setzen die 116 Jahre währende Familientradition fort“, freut sich der Metzger und Gastronom. Auch die Familie von Otto Bidlingmaier lebt seit langem in Lerchenberg. Dietrich Burchard dagegen bezeichnet sich noch immer als „Zugezogenen“, obwohl er immerhin schon seit 15 Jahren seine Öko-Zimmerei hier in einem ehemaligen Stall betreibt und damals auch nach Lerchenberg zog – „weil es hier so schön ist“, bekräftigt der Zimmermann.

Tatsächlich scheinen hier die Uhren ein bisschen anders zu gehen. „Hier ist die Landschaft schöner, und der Hohenstaufen sieht von uns aus am schönsten aus“, ergänzt Bio-Landwirt Otto Bidlingmaier. „Viele Besucher sagen, hier sei es so schön wie im Urlaub“, hört sein Kollege Jürgen Minkmar regelmäßig. Er ist der einzige aus der Runde, der sich nicht politisch engagiert. Die anderen vertreten ihren Weiler im Bartenbacher Bezirksbeirat. „Wenn wir nichts für Lerchenberg tun, kann es leicht passieren, dass wir in Göppingen vergessen werden“, ist die Befürchtung. Die Stadt ist nur wenige Minuten entfernt, „wir leben aber dennoch auf dem Land“, freut sich Jürgen Minkmar. Und: „Wir haben eine sehr gute Gemeinschaft“, bestätigen alle einmütig. „Wir pflegen die örtlichen Strukturen.“ Deshalb sei „die Welt in Lerchenberg noch zu 90 Prozent in Ordnung“, bekräftigt Mayer.

Vom Wandel ist dieses Idyll indes nicht ausgenommen. Zehn Landwirte und ihre Familien hatten hier einst ihr Auskommen. „Heute lebt niemand mehr ausschließlich von seiner Landwirtschaft“, weiß Bidlingmaier. Milchkühe gebe es kaum noch, dafür ist die Zahl der Pferde gestiegen. Die Zahl der Lerchenberger ist dagegen weitgehend unverändert geblieben – knapp 140 sind es aktuell. Denn neue Wohngebiete wurden nicht ausgewiesen. „Lerchenberg soll ein Weiler bleiben“, betont Mayer.

In dem es in den vergangenen Jahren deutlich ruhiger geworden ist. Es gab hier nämlich jahrzehntelang einen Auffüllplatz, und täglich donnerten ungezählte Lastwagen durch das Idyll. Gut in Erinnerung sind auch noch die vielen amerikanischen Fahrzeuge, die durch Lerchenberg zu den „Cooke Baracks“, dem heutigen Stauferpark, fuhren. Die Soldaten verteilten immer Kekse an die Kinder, die in der Ortsmitte auf dem Bänkle saßen.

Dieser Ortsmittelpunkt war vor ein paar Jahren anlässlich der 650-Jahr-Feier neu gestaltet und mit einem großen Fest eingeweiht worden. Dort stellt sich die Männerrunde im Buswartehäuschen unter. Und erinnert sich, dass sie als Jungs bei jedem Wetter mit dem Fahrrad nach Bartenbach in die Schule gefahren sind. Der Dorfpolizist Umlauf ist ihnen dabei besonders in Erinnerung geblieben. Sie mussten damals mit dem Rad auf der Straße fahren und durften nicht den Gehweg benutzen. Und dann war da noch ein Waldschrat, der aussah wie Wilhelm Busch und der in einem Häuschen im Wald lebte – wenn er nicht als Musiker durch Europa zog. Als er lange schon gestorben war, sind die Jungs einmal in das Häuschen eingebrochen. Und haben es dann mit der Angst zu tun bekommen. „Wir sind im Flug zum Fenster hinaus und nur noch gerannt“, erinnert sich Otto Bidlingmaier lachend.

Und dann machen sich alle wieder auf, kümmern sich um ihre Betriebe und lassen sich vom trüben Wetter und dem nebelverhangenen Himmel, der den Blick zum Hohenstaufen verstellt, nicht beeindrucken.