"Sehr verbesserungsfähig"

"Die Tagesmütter sollen von ihrer Arbeit leben können." Ilse Birzele steht seit 30 Jahren an der Spitze des Göppinger Tagesmüttervereins und macht sich für gute Ausbildung und Arbeitsbedingungen stark. Foto: Staufenpress
"Die Tagesmütter sollen von ihrer Arbeit leben können." Ilse Birzele steht seit 30 Jahren an der Spitze des Göppinger Tagesmüttervereins und macht sich für gute Ausbildung und Arbeitsbedingungen stark. Foto: Staufenpress
ARND WOLETZ 12.05.2012
Tagesmütter stehen bei der Kleinkindbetreuung im Fokus. Doch es ist schwer, Frauen für die Aufgabe zu gewinnen. Ilse Birzele, Vorsitzende des Tagesmüttervereins, über Wohl und Wehe der Betreuungsform.

Frau Birzele, der Tagesmüttereinsatz stagniert im Kreis Göppingen. Sind sie frustriert?

ILSE BIRZELE: Nein. Ich habe mir zugegebenermaßen vorgestellt, dass die Zahl der Tagesmütter kontinuierlich steigt - bei der Werbung, die wir machen. Und Erfolge gibt es tatsächlich. Wir haben jährlich 50 bis 70 Tagesmütter hinzugewonnen, aber es gibt eben auch jährlich etwa 40 bis 60 Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen wieder aufgehört haben. Viele Tagesmütter haben ja selber ein kleines Kind und wollen nicht, dass es alleine aufwächst. Nach einigen Jahren gehen sie dann aber in ihren angestammten Beruf zurück. Meist ist da einfach auch der Verdienst besser. Dennoch: Wir haben derzeit 178 Tagesmütter mit 392 Betreuungsverhältnissen. Das ist eine schöne Zahl. Ich möchte aber, dass die Tagesmütter von ihrer Arbeit auch leben können.

Ob die Frauen dabei bleiben, hängt also auch stark vom Verdienst ab, den Sie als Tagesmutter erzielen können. Da liegt doch einiges im Argen.

BIRZELE: Bisher erhalten die Tagesmütter 3,90 Euro pro Stunde. Nach der neuen Empfehlung gibt es eine Differenzierung: Für ein betreutes Kind unter drei Jahren sind das 5,50 Euro pro Stunde, für Kinder über drei Jahren 4,50 Euro. Der Beschluss für den Landkreis Göppingen ist aber noch nicht gefasst. Die Staffelung halte ich nicht für gerechtfertigt. Das gibt eine dauernde Rechnerei, weil die Kinder ja älter werden und es gibt Kinder erster und zweiter Klasse bei der selben Betreuungsfamilie. Generell ist dieses Einkommen für die Tagesmütter aber nur dann auskömmlich, wenn sie etwa fünf Kinder betreuen. Wir haben mit Kommunen wie Heiningen und Eislingen schon Vereinbarungen getroffen, dass fünf Euro pro Stunde bezahlt werden.

Also haben es die Kommunen in der Hand, ob Sie die Beträge aufstocken?

BIRZELE: Meine Forderung war, dass neben einem ausreichenden Einkommen für Tagesmütter die Kommunen dafür sorgen, dass Eltern, die ihr Kind in Tagespflege geben, nicht mehr zahlen als für die Betreuung in einer festen Einrichtung. Das ist in der Regel nur für Kinder unter drei Jahren gegeben. Bei unseren Tagesmüttern ist aber jedes zweite Kind zwischen sechs und zehn Jahre alt.

Woran liegt das?

BIRZELE: Viele alleinerziehende Eltern müssen arbeiten - und das oft ganz früh am Tag oder ganz spät. Inzwischen werden Betreuungszeiten von 5 bis 21 Uhr nachgefragt. Diese Randzeiten können nur Tagesmütter leisten. Wir haben auch im Kreis neun Kinder, die Betreuung am Wochenende brauchen, weil die Eltern im Pflegebereich arbeiten. Der Schichtdienst nimmt zu und Kinder zwischen sechs und zehn Jahren brauchen auch eine verlässliche Betreuung. Die öffentlichen Kassen sind hier jedoch sparsamer.

Und die Tagesmütter sollen das auffangen?

BIRZELE: Ja. Aber dann kommen zum geringen Stundenlohn Sozialversicherung, Unfall- und Haftpflichtversicherung sowie die Steuern. Dann stellt sich schnell die Frage: Lohnt sich das denn noch? Früher hatten wir die typische Tagesmutter aus der Mittelschicht, die nicht gearbeitet hat und in der Nachbarschaft für wenig Geld ein gutes Werk getan hat. Da hat sich gesellschaftlich einiges geändert.

Und die Verdienste in anderen Jobs sind bei einem guten Arbeitsmarkt lukrativer.

BIRZELE: Wir haben manche Frauen, da sagt der Ehemann: Es ist besser, wenn du abends für 400 Euro beim Lidl an der Kasse sitzt. Die Konditionen für Tagesmütter sind sehr verbesserungsfähig. Der Beruf sollte zum Beispiel auch eine Aussicht auf eine gewisse Alterssicherung bieten. Da können die Gemeinden etwas tun.

Fühlen Sie sich da als Notnagel?

BIRZELE: Wenn die Kommunen mit uns gemeinsam Werbung machen und die Bedingungen gut gestalten, dann glaube ich schon, dass es eine gute Lösung wäre.

Die Stadt Göppingen beispielsweise hat die angestrebte Quote der Betreuung durch Tagesmütter für Kleinkinder von 20 Prozent auf zehn Prozent reduziert.

BIRZELE: Die Stadt Göppingen hat viel gemacht, auch gebaut. Aber es gibt dort auch viel Bedarf, vor allem im Innenstadtbereich - und hier haben wir kaum Tagesmütter. Die meisten stehen in den Randbereichen zur Verfügung.

Und wie verhalten Sie sich als Verein bei Problemfällen?

BIRZELE: Wir haben auch vom Allgemeinen Sozialen Dienst des Landkreises Anfragen, ob nicht auch solche Kinder in Tagespflege genommen werden können. Das würden wir auch gerne machen. Wir sagen aber, dass dann eine Zusatzqualifikation sein muss und dann muss das einen anderen Preis haben.

Wie stellen Sie die Qualität der Tagesbetreuung sicher, wenn die Qualifizierung abgeschlossen ist?

BIRZELE: Unsere Mitarbeiterinnen vermitteln und betreuen die Pflegeverhältnisse. Es gibt regelmäßige regionale Treffs mit Tagesmüttern, in denen Probleme besprochen und Themen behandelt werden. Die Tagesmütter haben außerdem eine Fortbildungsverpflichtung von mindestens 15 Unterrichtseinheiten pro Jahr.

Was sind die nächsten Schritte?

BIRZELE: Wir haben derzeit Erzieherinnen, die in der Elternphase sind oder nicht zurückwollen in ihren Job und sich als Tagesmütter anbieten. Mit einigen zusammen haben wir auch das neue Modell "Tagespflege in anderen geeigneten Räumen", bei dem zwei bis drei Tagesmütter zusammen in gemieteten Räumen außerhalb der eigenen Wohnung Kinder betreuen - wie eine Kleinfamilie. So was gibt es derzeit in Salach, Bad Boll und Mühlhausen, möglicherweise bald in Zell und Göppingen. Manche Kommunen wollen die Tagesmütter nur in den Randzeiten in Anspruch nehmen. Das ist natürlich nicht Inhalt der Tagespflege als ganzheitliche Erziehung. Dann gibt es auch zu viele Bezugspersonen für die Kinder. In Einzelfällen könnte es aber möglich sein, dass Tagesmütter abends im Kindergarten weiter betreuen.

Was macht für Sie als Vorsitzende das Tagesmütter-Dasein so erstrebenswert?

BIRZELE: Das Zusammenleben mit Kindern bringt viel inneren Gewinn, das müsste eigentlich das Ziel für Menschen grundsätzlich sein. Man darf auch nicht nur wirtschaftliche Argumente sehen, sondern den Wert für jeden Einzelnen. Die Tätigkeit als Tagesmutter ist vielseitig, interessant und sehr verantwortungsvoll - wie eben eine gute Aufgabe sein soll.