Herr Beckstein, Sie haben lange Zeit als Hardliner unter Deutschlands Spitzenpolitikern gegolten. Was war Ihr größter politischer Fehler?

GÜNTHER BECKSTEIN: Es war nicht mein größter Fehler, aber mein ärgerlichster: Dass ich im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung den Buß- und Bettag für Geld geopfert habe. Damit habe ich selbst dem Streben nach Effizienz und Ökonomie Vorschub geleistet statt die Besinnung und das Innehalten zu kultivieren.

Sind Sie deshalb nun als gefragter Redner an der Schnittstelle Kirche, Politik und Ökumene bundesweit unterwegs?

BECKSTEIN: Das könnte man meinen. Aber ich gehöre noch einer Generation an, in der Unterschiede zwischen katholisch und evangelisch sich fast durch alle Lebensbereiche zogen und ich als Protestant im katholisch geprägten Bayern aufwuchs. Beide Seiten pflegten Vorurteile gegeneinander, wovon wir heute zum Glück weit entfernt sind. Ökumene ist heute Alltag und funktioniert umso besser, je näher man an der Basis ist. Das Lutherjahr 2017 verstehen wir als Einladung an die Katholiken und man wird sehen, wie umfangreich diese Einladung angenommen wird.

Wo ist Ihre persönliche Schnittstelle zwischen Kirche und Politik?

BECKSTEIN: Ich habe immer aus der Überzeugung heraus gelebt, auch als Ministerpräsident, der ja als mächtig gilt, in all meinem Reden und Handeln dem Allerhöchsten verantwortlich zu sein. Diese Gewissheit hat mich davor bewahrt, mich zu überschätzen. Und bekanntlich bin ich ja nicht ganz freiwillig aus dem Amt des Ministerpräsidenten geschieden. Das war für mich eine schwierige Zeit.

Und wo ist Ihre programmatische Schnittstelle?

BECKSTEIN: Das war ganz klar die soziale Frage. Und hier merkte ich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals Katholiken und Protestanten gemeinsame Positionen hatten. Ein Punkt, weshalb die Weimarer Republik gescheitert ist, war ja auch, dass die Parteien der Katholiken und der Protestanten lieber mit Kommunisten oder Nationalsozialisten votierten als gemeinsam. So tief war die gegenseitige Abneigung. Und als Ökumene in der Kirche noch ein Fremdwort war, hat die Politik in der jungen Republik bereits diese Brücke geschlagen.

Was war der Auslöser?

BECKSTEIN: Ich selbst war beispielsweise von der evangelischen Jugendarbeit und deren Werten wie Gerechtigkeit oder Wahrhaftigkeit geprägt und traf plötzlich in der Politik auf katholische Kollegen, die dieselbe Prägung in ihrer kirchlichen Jugend hatten und diese Maßstäbe auch an Gesetze und den Umgang mit Andersdenkenden anlegten. Und als Jurist war die Nähe zur Politik früh gegeben, zumal ich mitgestalten wollte. Deshalb habe ich mich für das Innenministerium entschieden, wo man in Bayern Dienstherr von 40 000 Polizisten ist und ziemlich viel Macht hat, obwohl mir in Kirchenkreisen das Sozialministerium nahegelegt wurde, um möglichst viel Gutes zu tun.

Im Innenministerium hat man Sie aber vor allem mit Ihrer Härte wahrgenommen.

BECKSTEIN: Ich habe damals die Polizeieinsätze in Wackersdorf in der Oberpfalz geleitet, wo eine atomare Wiederaufbereitungsanlage gebaut werden sollte. Dort gab es Großdemonstrationen, illegale Blockaden, Lager und immer wieder Gewalt gegen Polizisten. Das waren sehr schwierige Situationen. Auch die Abschiebeverfahren abgelehnter Asylbewerber waren umstritten oder der finale Rettungsschuss gegen Geiselnehmer, der ja faktisch ein gezielter Todesschuss ist.

Was hat Ihr Handeln geprägt?

BECKSTEIN: Für mich war immer entscheidend, lieber auch mal einen Fehler in Kauf zu nehmen, als mich ganz herauszuhalten. Denn eine Gesellschaft, in der Gesetze nicht überwacht und eingehalten werden, stürzt ins Chaos. Der Paragraph 218 hatte doch seine Gültigkeit verloren, nachdem im Stern Frauen sich öffentlich zu ihren Abtreibungen bekannt hatten und dies keine juristischen Folgen hatte. Im Einzelfall muss man auch mit Härte reagieren, um die Ordnung zu wahren.

Wie begründen Sie das theologisch?

BECKSTEIN: Martin Luther verkündete die Lehre von den zwei Reichen Gottes zur Rechten und der Menschen zur Linken. Und beide Reiche sind getrennt und können nicht vermischt werden. Denn Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. So ist es unsere Aufgabe, in unserem Reich, in dem sehr wohl auch das Reich Gottes verkündet wird, bis zum Jüngsten Tag die Ordnung zu halten.

Dann soll sich demnach die Kirche mit ihren ethischen Ansprüchen aus der Politik heraushalten?

BECKSTEIN: So möchte ich nicht verstanden werden. Aber die Ethik der Verantwortung, nicht der Gesinnung ist der Maßstab, wie es etwa auch bei Max Weber nachzulesen ist. Die Kirche darf sich deshalb gerne in die Politik einmischen. Aber sie darf nicht meinen, sie sei besser. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist und aus seiner Ebenbildlichkeit Gottes resultiert, ist auch in der Politik weitestgehend Konsens. Und die anderen beziehen ihren Humanismus aus der Aufklärung, die aber letztlich dieselben Wurzeln hat. Deshalb ist auch der Schwerstmehrfachbehinderte oder der pflegebedürftige Demente ebenso viel wert wie der erfolgreichste Spitzensportler oder Nobelpreisträger. Seine Würde kommt von innen, unverdient. Das ist der Maßstab, an dem sich Gesetze und Gerichte zu orientieren haben.

Was heißt das konkret für die praktische Politik?

BECKSTEIN: Dass beispielsweise jeder Jugendliche ein Recht auf Ausbildung hat, selbst wenn seine Ausgangsbedingungen miserabel sind. Für mich persönlich gehören in diesen Kontext der sozialen Verantwortung aber auch die Fragen der Abtreibung oder der Sterbehilfe. Wir haben in Deutschland jährlich 100 000 Abtreibungen allein aus sozialen Gründen. Und das nehmen wir so hin? Oder wir diskutieren aktuell nach den Vorbildern in den Niederlanden oder der Schweiz, die Sterbehilfe zu erweitern. Mich erinnert die Debatte eher an illegale Abfallentsorgung. Ich würde lieber mehr über Palliativmedizin und Hospize reden.

Und was bedeuten Ihre ethischen Maßstäbe für die Wirtschaft?

BECKSTEIN: Auch in der Ökonomie sollte endlich wieder der Mensch im Mittelpunkt stehen statt der Rendite. Ich ärgere mich noch heute über den dummen Spruch von Josef Ackermann mit den Peanuts. Verantwortung sieht für mich anders aus. Auch bei diesen exorbitanten Managergehältern und Boni, die selbst im Fall des Scheiterns fließen, fühle ich mich an das Gebot Du sollst nicht stehlen erinnert.

Als Ministerpräsident waren Sie aber persönlich auch an den Geschäften der Bayern LB beteiligt, die zehn Milliarden verzockte.

BECKSTEIN: Bei dem Thema geht es mir noch heute nicht gut. Das gebe ich unumwunden zu. Sagen möchte ich aber auch, dass die Bayern LB 800 Spezialisten im Risk-Bereich hatte, von denen kein einziger bei all den Aufkäufen und Deals den Finger hob, um zu warnen. Auch die Oberbürgermeister von München und Nürnberg, die heute von all dem nichts mehr wissen wollen, saßen bei den Entscheidungen mit am Tisch. Selbst Wirtschaftsweise und Top-Wirtschaftsredakteure haben uns für unsere Entscheidungen gelobt. Und immer wurde argumentiert, 10 000 Hypotheken-Risiken gestreut seien sicherer als eine Hypothek. Heute wissen alle, dass man eine Hypothek besser im Blick hat, zumal die Pakete immer komplexer und undurchsichtiger wurden. Und ich möchte auch daran erinnern, dass die LBBW in Stuttgart doch einen sehr ähnlichen Weg ging.

Und wie sehen Sie die aktuelle Finanzlage?

BECKSTEIN: Heute geht es wieder um Milliarden, teils sogar schon um Billionen. Und bei den Rettungsschirmen spricht man immer nur von der theoretischen Haftung, nicht der tatsächlichen Zahlung. Warum aber fließt nur noch Geld gegen staatliche Sicherheiten? Ich denke, das Risiko der Zahlung ist in Sicht. Ich finde aber gut, wie die Kanzlerin jetzt die EU-Länder in die politische Haftung nimmt, entsprechend zu sparen und zu haushalten. Wohin allerdings die Reise geht, kann niemand sagen. Klar ist, die Schulden, die in fünf Jahrzehnten aufgebaut wurden, können nicht in fünf Monaten verschwinden. Das bleibt ein Thema, das uns die nächsten Jahrzehnte begleitet.

Die Verschuldung hat auch viel mit Ethik zu tun, weil wir künftige Generationen ungefragt belasten.

BECKSTEIN: Ja, mit mehr Ethik hätten wir niemals so viele Schulden aufbauen dürfen, sondern hätten uns auch mal beschieden. Vor dem Hintergrund der Globalisierung, die unsere ökonomische Vormachtstellung bedrängt, und der Demographie, wonach immer weniger Junge immer mehr Alte mitversorgen müssen, verschärft sich das Thema ja noch - bei steigenden Gesundheitskosten, weil die Medizin immer mehr kann.

Noch ein Wort zum Ansehen der Politiker, das nicht erst seit Christian Wulff massiv gelitten hat.

BECKSTEIN: Ich bin jetzt 40 Jahre in der Politik auf den unterschiedlichsten Ebenen aktiv. Und ich kann sagen, dass die überwältigende Mehrheit der Politiker sich aus Leidenschaft für ihre Themen und für die Allgemeinheit engagiert. Ich glaube auch, dass die Politik einiges besser ist als sie in den Medien dargestellt wird. Natürlich müssen Politiker in besonderer Weise klug sein, um nicht zum Spielball ihrer politischen Gegner und der Medien zu werden.

Herr Beckstein, zum Schluss nochmals eine ganz persönliche Frage: Welche Entscheidung in Ihrem politischen Leben war die beste?

BECKSTEIN: Ich halte die meisten meiner Entscheidungen auch heute noch für gut und richtig. Dass aber Sicherheit und Freiheit nicht mehr als Gegensätze, sondern als Geschwister gesehen werden, die immer zusammengehören, halte ich für mein Verdienst. Denn es wäre ja absurd, wenn wir vor der patrouillierenden Polizei mehr Angst hätten als vor dem Einbrecher.