Göppingen "Mein Talent ist Disziplin"

Göppingen / ELKE BERGER 11.08.2012
Während die Freunde in die Kneipe gehen, übt Matthias Matzke Akkordeon und Klavier. Dafür hat der Gingener mit seinen 19 Jahren schon mehr Musikpreise im Regal stehen, als andere Leute Bücher. Elke Berger sprach mit dem Ausnahmetalent über eine Welt voller Noten - musikalische und schulische.

Herr Matzke, das Abitur ist vorbei, das Zeugnis abgeholt, die Welt steht Ihnen offen. Möchten Sie Ihre Akkordeonmusik jetzt zum Beruf machen?

MATTHIAS MATZKE: Nun, ich habe mir immer gesagt, wenn das was für mein Leben sein soll, dann muss es sich mir aufdrängen. Und das scheint es mittlerweile doch zu tun, ich hatte in letzter Zeit sehr viele Anfragen für Konzerte. Wenn das so weiter geht, könnte ich mir schon vorstellen, das auch professionell zu machen.

Sie haben sieben Bundestitel und einige Top-Platzierungen bei internationalen Wettbewerben. Eine gute Grundlage, Berufsmusiker zu werden, oder?

MATZKE: Mein Hauptproblem ist, dass ich nicht weiß, wie sich Musik anfühlt, wenn ich finanziell davon abhängig bin. Ich habe mal ein wunderbares Akkordeonkonzert von einem russischen Weltmeister erlebt, das hinterher von den Kritikern völlig verrissen wurde. Ich will schöne Musik machen, dabei Spaß haben und diesen Spaß an andere vermitteln. Nach meinem Studium nur noch vor überkritischen Leuten zu spielen, ist nicht mein Traum vom Musikerleben. Ob es Hobby oder Beruf wird, muss ich erst ausprobieren. Aber nichtsdestotrotz beginne ich im September mein Studium am Hohner-Konservatorium in Trossingen.

Falls es ein Hobby bleibt, was wäre die Alternative?

MATZKE: Medizin. Das finde ich auch sehr faszinierend, den Beruf selbst und das unheimlich große Wissen, das man sich dafür aneignet. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass dieser Beruf mich erfüllen kann.

Für Medizin muss man aber ganz schön viel auswendig lernen.

MATZKE: Komisch: Gerade Auswendiglernen macht mir Spaß. Man darf nur nicht stur durch Wiederholen pauken, sondern muss es interessant gestalten. Ich hatte das Glück, das früh zu entdecken.

Sie lernen also tatsächlich noch für die Schule neben dem Akkordeonspielen?

MATZKE: Ich habe versucht, so wenig Zeit wie möglich in die Schule zu investieren. Vielleicht kann ich mich durchs Musizieren besser konzentrieren, jedenfalls habe ich immer Wert darauf gelegt, im Unterricht viel aufzupassen und mitzuarbeiten. Mein Tipp: Streber sparen eine Menge Zeit! Vor dem Abitur habe ich mir einen Zeitplan für Lernen, Üben, Sport und Freizeit gemacht. So hatte ich einen weiteren Blick als nur bis zur nächsten Hürde.

Dafür braucht man aber eiserne Disziplin.

MATZKE: Disziplin ist tatsächlich wichtig. Mit einem Ziel vor Augen schafft sie aber eher Freiräume anstatt zu beengen.

Hat das im Alter von sechs Jahren auch schon so gut funktioniert?

MATZKE: Am Anfang halfen meine Eltern noch etwas nach: Ohne eine halbe Stunde Akkordeon gabs abends kein Fernsehen. Das hab ich akzeptiert und anstatt mich zu widersetzen, angefangen, in dieser halben Stunde Spaß zu haben. Es kamen erste Bühnenerlebnisse, wo ich merkte, dass ich die Leute mit meiner Musik begeistern kann, und ich tat freiwillig immer mehr.

Haben Sie sich auch mal die Zähne an einem Stück ausgebissen?

MATZKE: Natürlich. Für Jugend musiziert habe ich das Capriccio von Repnikov einstudiert, ein richtiger russischer Hammer! Ein Doppelgrifflauf hat mich etliche Stunden gekostet. Den habe ich dann sogar beim Fernsehgucken gedankenverloren rauf und runter gespielt - bis ich ihn konnte. Es hätte aber bestimmt auch weniger zeitintensive Übetechniken gegeben.

Wieso? Welche gibt es denn noch?

MATZKE: Man kann alle musikalischen Parameter verdrehen: Tempo, Dynamik, Artikulation, Rhythmik. Oder auch Passagen rückwärts spielen.

Rückwärts???

MATZKE: Dabei trainiert man die Bewegungsabläufe, bis die Finger von ganz alleine wissen, wo es hin geht. Das ermöglicht ein schnelles Abrufen ohne nachzudenken.

Wie viel üben Sie täglich?

MATZKE: Wenn ich Schule habe höchstens ein bis zwei Stunden. Ich bewundere andere Musiker, die es täglich auf fünf bis sechs Stunden bringen. Am Wochenende spiele ich aber auch mehr. Wenn ich richtig in Fahrt bin, können es durchaus mal zwölf Stunden an einem Tag werden.

Bleibt da noch Zeit für anderes? Freunde? Sport?

MATZKE: Schon. Ich telefoniere täglich mit meiner Freundin, oder unternehme etwas mit ihr. Mit Freunden treffe ich mich auch sehr gern, wenn auch selten. Das für mein Alter typische lange Weggehen am Wochenende ist aber nicht drin, sonst ist der nachfolgende Tag im Eimer - das ist mir zu schade. Ich brauche auch viel Bewegung: Zwei Mal pro Woche gehe ich ins Jiu-Jitsu, jogge fast jeden Morgen vor der Schule und fahre sehr gerne Fahrrad.

Dann ist der Tag ja noch nicht um. Wie bekommt man die 24 Stunden voll?

MATZKE: Es fehlen noch drei Stunden Schlaf, dann passt das. Nein, Spaß beiseite: Wenn man den Tag richtig nutzt, dann geht das alles. Ich schaue selten fern, das spart viel Zeit.

Wieso eigentlich Akkordeon? Warum nicht Klavier oder Blockflöte?

MATZKE: Mein Vater spielte Akkordeon, dem habe ich nachgeeifert. Das Instrument hat mich schon immer fasziniert, ich bin von seiner Vielseitigkeit absolut begeistert. Klavier spiele ich allerdings auch. Aber lange nicht so intensiv wie Akkordeon. Gelegentlich klimpere ich auch mal nur herum zur Entspannung. Am Akkordeon liebe ich vor allem die umschlungene Spielweise, die Spieler und Instrument eins werden lassen.

Sie haben eine musikalische Familie und scheinen das Talent geerbt zu haben.

MATZKE: Ein gewisses Grundtalent wohl schon. Aber ich glaube nicht, dass ich musikalisch von Natur aus so ein Überflieger bin. Ich habe mir viel erarbeitet. Vielleicht ist mein größtes Talent, diszipliniert zu sein und am Üben Spaß zu haben. Ich denke, dass viele daran scheitern, weil sie kein Sitzfleisch haben oder das zu verbissen angehen.

Das Akkordeon hat eher den Ruf als Volksmusikinstrument. Viele unterschätzen die Vielseitigkeit.

MATZKE: Ja, aber das Image ist schon weit besser geworden. Letztens habe ich einen Sänger begleitet, der sonst immer Gitarre spielte. Das Publikum war begeistert. Auch in den Charts taucht das Akkordeon immer öfters auf als Gute-Laune-Instrument. Nossa Nossa ist das jüngste Beispiel oder Stereo Love.

Haben sich schon mal die Nachbarn beschwert, weil die Musik zu viel oder zu laut war?

MATZKE: Nicht einmal seit mein Bruder Schlagzeug spielt.

Wer sind Ihre Vorbilder?

MATZKE: In erster Linie alle meine Akkordeonlehrer: Anatoli Lick ist sehr spontan und hat mich schnell weitergebracht. Hans-Günther Kölz ist sehr vielseitig. Wir verstehen uns persönlich sehr gut und seine Arrangements prägen wohl auch meinen Stil. Bei Frédéric Deschamps in Frankreich habe ich meine Technik ausgebaut. Zu meinen internationalen Vorbildern gehören Frank Marocco, Richard Galliano, aber auch andere Instrumentalisten wie Herbie Hancock oder Arcadi Volodos. Man kann von so vielen Menschen etwas lernen, ich will nicht einen einzelnen nachahmen.

Gibt es Musikstile oder Komponisten, die Sie bevorzugen?

MATZKE: Nein. Man kann mich sehr schnell für alles begeistern. Manchmal auch für Blödsinn. Ich habe bisher zu jedem Stück einen Zugang gefunden, früher oder später. Ich mag moderne Kompositionen, die verschiedene Elemente und Stile von Tango bis Jazz vereinen. Auf einen möchte ich mich nicht festlegen. Selbst die Musik, die ich privat höre, erstreckt sich über die ganze Bandbreite von Klassik bis Heavy Metal. Ich wähle bewusst und liebe auch Impro und Jazz.

Spielte Ihr Vater schon Jazz?

MATZKE: Nein, im Gegenteil. Er mochte das überhaupt nicht. Früher foppte er mich mit Mach deine Buschmusik aus!, wenn ich Jazz gehört habe.

Was war bisher Ihr beeindruckendster Moment?

MATZKE: Oh, da gab es viele. Am meisten Bammel hatte ich wohl als Solist mit dem Landesjugendorchester. Vor so vielen hochkarätigen Musikern, das ist eine riesige Verantwortung und bleibt unvergesslich. Aber auch die internationalen Wettbewerbe hinterließen eindrucksvolle Erinnerungen: Beim Coupe Mondiale in Shanghai die riesige Bühne mit klasse Beleuchtung, in Finnland eine spektakuläre TV- Show. Wir Teilnehmer haben uns dort gefühlt wie kleine Popstars.

Sie spielen fantastisch Akkordeon, moderieren spritzig ihre Auftritte, haben ein Einser-Abitur. Gibt es auch etwas, das Sie nicht können?

MATZKE: Singen kann ich definitiv nicht und bei Ballsportarten stelle ich mich furchtbar dusselig an. Ich war froh, als im Schulsport der Fußball vorbei war und werde das in Zukunft nur noch als Zuschauer freiwillig genießen.

Wie geht es jetzt weiter?

MATZKE: Anfang September mache ich eine zehntägige Tournee durch China, Südkorea und Japan. Jetzt im August werde ich meine erste CD aufnehmen mit einer bunten Mischung an Musikstilen. Dafür bin ich kräftig am Üben, wir wollen mit eineinhalb Tagen im Studio durchkommen und möglichst viele First Takes, also Erstaufnahmen einspielen. Zuerst fahr ich aber mit meiner Freundin in den Urlaub.

Hätten Sie im Nachhinein irgendetwas anders gemacht in Ihrer Karriere?

MATZKE: Nein, kein Stück. Manchmal war es anstrengend, aber das gehört dazu. Man muss lernen abzuwägen, was man möchte und wofür man sich einsetzen will. Ich hatte und habe das Glück, die richtigen Leute um mich herum zu haben, vor allem meine Familie, die mich so sehr unterstützt.

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