"Lasst uns glauben an den Sieg"

SWP 02.08.2014

"Es ist aber kommen der große Tag seines Zorns, wer kann bestehen?" Als Heimsuchung und Prüfung Gottes deutete das Göppinger Tagblatt - der "Hohenstaufen" - den Beginn des Weltkriegs vor 100 Jahren.

Von Jürgen Schäfer

Sind die Deutschen wirklich mit brausendem Jubel in den Ersten Weltkrieg gezogen, wie es überliefert ist? Der Buchautor Daniel Kuhn rückt das für Südwestdeutschland zurecht. "Von allgemeiner Kriegsbegeisterung kann kaum gesprochen werden." Auf dem Land schon gar nicht. Dort waren die Leute mitten in der Ernte.

Von Jubel berichtet "Der Hohenstaufen" nichts. Stattdessen wollten die Sozialdemokraten noch mit Flugblättern gegen den Krieg demonstrieren, als in Berlin schon "die eisernen Würfel im Rollen" waren. Ob sie das noch durften angesichts des "verhängten Belagerungszustands", ist unklar.

Der "Hohenstaufen" wollte auch keinen Krieg. Er klammerte sich bis zuletzt an die Hoffnung, "dass man auf allen Seiten vor dem Äußersten zurückschreckt". Als es anders kam, sprach das Blatt düster vom "Gewaltigen und Grauenhaften der beginnenden Schicksalsstunde", vom "Unfaßbaren, das über uns gekommen", vom "bitteren Kelch, den wir jetzt alle zu leeren haben".

Bei dieser unheilvollen Prophezeiung blieb die Redaktion auch trotz erster militärischer Erfolge in den folgenden Wochen. "Und doch ist das Unheil und das Schreckliche, das kommen soll, erst im Werden", warnte sie und kommentierte die Lage ungeschönt: "An den Grenzen Deutschlands steht die Welt in Flammen, dort fließt das Blut, dort gehen Tod und Verderben um." Und wieder greift die Zeitung zur biblischen Bildersprache und nennt den Krieg einen "Würgengel", der fast an jede Türe gepocht habe und nicht nur die Erstgeborenen mit in die Schlacht nehme.

Kriegsbegeisterung am Bahnhof? Am Tag nach der Mobilmachung sah der Reporter morgens um 7 Uhr am Bahnsteig "manches Auge, das die Nacht über geweint hatte." Von Tränen berichtete er und von Zuversicht. "So ergreifend und herzdurchschneidend die einzelnen Abschiedsszenen waren, die man da erlebte, so entschlossen, kampfesmutig und siegesgewiß war doch die Stimmung."

Diese Siegesgewissheit teilte der "Hohenstaufen" nicht. Das verriet schon sein banges Zitat aus der Offenbarung des Johannes: "Wer kann bestehen?" Gleichwohl bemühte er sich in einem Leitartikel darum, Siegesgewissheit zu propagieren. "Wohlan, so lasst uns glauben an den Sieg!" Denn er vertrat selbstverständlich einen glühenden Patriotismus, der in dieser schicksalhaften Stunde oberstes Gebot sei. So bescheinigte das Blatt den Arbeitern lobend, sie stünden unbedingt zur "Verteidigung des Vaterlandes". Man könne aus ihren Reihen sogar die Worte hören "man hätte gar nicht so lange warten sollen".

Der Krieg als "Würgengel", der Tod und Verderben bringt: Der "Hohenstaufen" hatte eine Vorstellung von den Schrecken eines Kriegs, der mit Kanonen und Maschinengewehren ausgefochten würde. So befasst er sich mit der "vieldiskutierten Frage", wie hoch die statistische Trefferquote sei. "Die wievielte Kugel im modernen Krieg tötet?" Um dann zu beruhigen: Einer Auswertung des russisch-japanischen Krieges von 1904/05 zufolge treffe "nur" jeder 151. Kanonenschuss und jeder 3300. Gewehrschuss.

Der Ernst der Stunde: Die Göppinger wurden umgehend auf Tote und Verwundete vorbereitet. Das Rote Kreuz suchte sofort nach einem Raum für ein Lazarett und fand es in der Mädchenschule in der Schillerstraße. Frauen wurden zum Sanitätsdienst aufgerufen und folgten dem zahlreich: In Stuttgart waren es über 5000. Noch auf anderes stimmte eine Zeitungsanzeige ein: Mit Feuerbestattung im Felde könne man Gefallene "in vollkommener und durchaus würdiger Weise einäschern".

Es dauerte nur zwei Wochen, bis die erste Todesnachricht kam. Der "Hohenstaufen meldete es recht versteckt: Ein Göppinger sei an einem Kopfschuss im Lazarett gestorben. Laut Soldatenbriefen sei auch ein Soldat aus Hohenstaufen gefallen und weitere Kameraden aus dem Dorf seien verletzt oder vermisst. Ein Hattenhofener sei beim Sturm auf Mühlhausen schwer verletzt worden, durch Granatsplitter an Fuß und Hand. Zuvor schon hatte der Krieg indirekt zwei Opfer gefordert: Zwei Militärposten, die die Bahnstrecke im Filstal sichern sollten, wurden bei Faurndau von einem Zug erfasst. Einer war "sofort tot, zerfetzt", um den anderen stehe es "bedenklich, aber nicht hoffnungslos". Am 27. August erfuhren die Göppinger vom "Heldentod" eines Leutnants der Reserve und am 2. September von dem eines 20-Jährigen. Und schon am 10. August erschien die erste "Verlustliste" von den württembergischen Regimentern. Da wurden die Gefallen namentlich aufgelistet - in wachsender Zahl.

Den Zeitgenossen müssen die ersten Kriegstage als Ausnahmezustand vorgekommen sein. Das ganze öffentliche Leben wurde umgekrempelt, die ersten ereignisreichen Tage und Wochen kamen dem "Hohenstaufen" wie eine Ewigkeit vor. Erntehelfer wurden gesucht, Handwerker und Fabrikarbeiter auch, die WMF mit 4000 Arbeitern strich Mitte August die Segel, weil ihr die Märkte wegbrachen. Eingezogene Selbstständige (Ärzte) gaben die Schließung ihrer Praxis bekannt, umgekehrt beeilte sich ein Ingenieurbüro für elektrische Anlagen zu vermelden, es sei "in den üblichen Stunden geöffnet." Feste fielen selbstverständlich aus.

Der Göppinger Bahnhof wurde nicht nur zum Ort des Abschieds, er war auch Durchgangsstation für Militärzüge aus Ulm und Bayern. Das Rote Kreuz und Pfadfinder brachten den Soldaten "unermüdlich" heißen Tee und Brot in die Züge. Was sich dann offenbar ausweitete. In Geislingen bekamen die durchfahrenden Truppen auch Kaffee und Zigarren, und in Göppingen riefen gleich fünf Vereine dazu auf, Fleisch- und Wurst, Limonade, Kaffeemehl, Zucker und Milch zu spenden. Dankbar sei man auch für Geldgaben, inserierten der Guttempler Orden, das Blaue und das Rote Kreuz, der CVJM und der Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. Sie richteten eigens ein Depot im Vereinshaus ein.

Es gab weitere Hilfsaktionen. Institutionen und "edle Menschenfreunde" waren aufgerufen, selbst zu sammeln für die Angehörigen der Soldaten. In Geislingen gaben Fabrikdirektoren jedem Einberufenen 10 Mark, ein zahnärztliches Institut bot unentgeltliche Behandlung für "unbemittelte Angehörige von Militärpflichtigen". Der auf "Wehrerziehung" ausgerichtete "Jungdeutschland-Bund" sammelte im Filstal und in Rechberghausen 1468 Mark. Die Jungs zogen mit ihren Sammelbüchsen "mit Lust" durch die Straßen, auch Musikanten mit Trommeln und Pfeifen, vermerkte der "Hohenstaufen". Der Kaffeehaus-Verein verkaufte Suppe, Kaffee und Brot für den guten Zweck, gesammelt wurde auch bei einem Gesangs-Gottesdienst im Apostelsaal.

Der Krieg machte sich auch in einem "Militärlokalzugsfahrplan" bemerkbar, der den "Friedensfahrplan" ablöste. Auch Pferde wurden "ausgehoben". Im Rathaus wurde ein "städtisches Kriegs-Bureau" eingerichtet, das Auskunft zu Fragen amtlicher und privater Natur gab - auch außerhalb der Dienstzeiten, wie betont wurde.

Die "bürgerlichen Kollegien" setzten Kommissionen ein, um die Bereitstellung von Lebensmitteln und den Fortgang des Geschäftslebens zu sichern. Denn in den ersten Kriegstagen kam es zu Hamsterkäufen und verstärktem Geldabheben auf den Banken. Bis Mitte August entspannte sich das wieder. "Salz ist wieder eingetroffen! Alles alte Preise!" inserierte J. Gaiser. "Der Warenmangel geht zu Ende", meldete der Konsum- und Sparverein.

Die Textilhändler reagierten rasch mit Ausrüstung für die Soldaten und "die Herren Militärs". Unterjacken, Hemden, Hosen für die Feldausrüstung wurden feilgeboten, auch die "Gesundheitlich so wohltätige echte Dr. Lahmann-Wäsche". Per Feldpost konnte man das alles an die Front schicken, Händler wussten bei der Bepackung bestens Bescheid.