Integration Islamwissenschaftler: „Grundgesetz nicht verhandelbar“

„Der Islam ist nicht Teil der deutschen Identität, er gehört aber zur deutschen Realität.“ Der Islamwissenschaftler Dr. Hussein Hamdan bei seinem Vortrag im Göppinger Rathaus.
„Der Islam ist nicht Teil der deutschen Identität, er gehört aber zur deutschen Realität.“ Der Islamwissenschaftler Dr. Hussein Hamdan bei seinem Vortrag im Göppinger Rathaus. © Foto: Staufenpress
Peter Buyer 02.10.2017
Rund 4,5 Millionen Muslime leben in Deutschland. Grund genug, sich näher mit dem Islam zu befassen. Für Aufklärung sorgte der Islamwissenschaftler Dr. Hussein Hamdan im Göppinger Rathaus.

Die Stadt hat einen Migrantenanteil von über 30 Prozent, viele davon sind Muslime. „Göppingen ist die Stadt der Vielfalt, aber die islamische Religion ist uns fremd“, sagt Oberbürgermeister Guido Till. „Wir müssen uns fragen, haben wir wirklich Ahnung vom Islam? Ich weiß eigentlich sehr wenig“, gibt er zu.

Das ändert Hamdan mit seinem Vortrag „Islam und die Muslime in Deutschland“ im Rathaus, den sich neben dem OB auch viele Göppinger Schulleiter, Lehrer, Polizisten und andere Interessierte anhören. Der Islamwissenschaftler äußerte sich zum deutschen Verhältnis und zum richtigen Umgang mit dem Islam. „Der Islam ist nicht Teil der deutschen Identität, er gehört aber zur deutschen Realität“, sagt Hamdan.

Die Realität, das sind die in den vergangenen Jahren gekommenen Flüchtlinge und Migranten. Gegenüber ihnen hält Hamdan die direkte Ansprache gleich zu Anfang für sehr wichtig: Grundlage des Zusammenlebens in Deutschland ist das Grundgesetz. „Das ist nicht verhandelbar.“ Das sieht auch Till so: „Wir haben die Zeit hinter uns, in der es hieß: Alle sind gleich. Wir müssen deutlich machen, auf welcher Kulturgrundlage wir uns entwickelt haben.“ Zusammenleben und Klarmachen beginnt für Flüchtlinge und Migranten in Deutschland auf kommunaler Ebene. Prägend in Deutschland sind Muslime aus der Türkei. Gut die Hälfte aller Muslime im Land hat türkische Wurzeln. Wichtigster Ansprechpartner bei den türkischen Muslimen ist die Ditib, die auch in Göppingen in der Davidstraße eine Moschee betreibt. Die Ditib steht unter der Aufsicht der staatlichen türkischen Religionsbehörde. „Bis vor einem Jahr war die Ditib bei jedem Islam-Thema Ansprechpartner Nummer eins. Nach der Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Berlin und Ankara will aber kaum noch einer mit denen sprechen“, sagt Hamdan, der das für einen Fehler hält. Allerdings seien die Imame in den vergangenen Jahren immer konservativer geworden. Vor Ort hat OB Till die Erfahrung gemacht, dass seitens der Ditib das Gespräch nicht mehr gesucht werde. „Die Türen sind stärker geschlossen, seit zwei Jahren gibt es keinen Kontakt mehr.“

Neben der Ditib gibt es viele andere islamische Vereine und Gruppen, die für kommunale Vertreter auch in Göppingen oft schwer einzuschätzen seien. Wichtig sei das direkte Gespräch. Zur Kontaktaufnahme empfiehlt Hamdan, nicht in die Vereine zu gehen, sondern sie ins Rathaus einzuladen. „Damit von vornherein klar ist, wer die Stadtverwaltung ist“.

Bei Zweifeln über die Ausrichtung einer Gruppe könne auch beim Verfassungsschutz nachgefragt werden, denn die Lage sei unübersichtlich. Oft werden nur einzelne Ortsvereine überregionaler Vereine beobachtet. Sorgen macht einigen der islamische Religionsunterricht. Wie man sicher sein könnte, dass die Kinder dort nicht radikalisiert würden? Hamdan verwies auf die Ausbildung der Religionslehrer am Zentrum für islamische Theologie der Universität Tübingen. „Die Ausbildung dort hat Hand und Fuß.“ Allerdings kommen nicht alle Lehrer aus Tübingen.