Medizin „Geburtshilfe kann man nicht planen“

Axel Raisch 26.10.2017

Eine Geburt ist keine Blinddarmentzündung“, sagt Dorothee Ballreich. Die gelernte Kinderkrankenschwester weiß, dass das Wochenbett eine Zeit ist, die sich im Gedächtnis der Frauen abspeichert, positiv wie negativ. Entsprechend sensibel und einfühlsam erfolgt die Behandlung in dem Bereich, für den sie zusammen mit ihrem Pflegeteam die Verantwortung trägt und in dem die Geburtshilfe den Schwerpunkt bildet.

Ihr Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr, das Ende ist fließend, da sie sich bei Bedarf auch noch nach Feierabend um Patientinnen kümmert. Zuerst verschafft sie sich jeden Morgen bei einem Rundgang einen Überblick über die Situation allgemein, Patientenlage, Personal sowie Material. Das Material, das für die Pflege und Versorgung der Patienten notwendig ist, verwaltet Janja Riljic vom Versorgungsdienst. Mit ihr bespricht Ballreich, was wann zu bestellen ist, etwa die Vorratserhöhung von Windeln vor Feiertagen. Alles ist ausreichend vorhanden und tipptopp in Schuss.

Kurz darauf ist es Zeit für einen Kamillentee. Kolleginnen wissen, was das bedeutet. Auf Dorothee Ballreich wartet die Königsdisziplin. Eine kurzfristig ausgefallene Nachtwache muss neu besetzt werden. Wer ist wie zu motivieren, die zehnstündige Schicht spontan zu übernehmen? Nach zwei erfolglosen Telefonaten ist sie im dritten Anlauf erfolgreich. Noch bevor der Kamillentee kalt ist, den sie sich nun redlich verdient hat.

Denn die Umplanung hat Folgen. Durch die Umbesetzung der Nachtwache wurde eine Lücke in die Spätschicht gerissen. Während Dorothee Ballreich erneut mit viel kreativer Energie über dem Dienstplan sitzt, erreicht sie schon der nächste Anruf. Ein Notfall. Gynäkologie und Urologie sind im Gegensatz zur Geburtshilfe-Station voll belegt. Pragmatisch wird der urologische Notfall auf der Geburtshilfe-Station untergebracht.

Insgesamt sind für sie 13 Schichten (Früh-, Nachmittag- und Nachtschicht) zu planen. Bei Voll- und Teilzeitbeschäftigung unterstützen sie dabei 32 Kolleginnen. „Der Dienstplan kann noch so bezaubernd sein, schon bald beginnt er zu bröckeln“, schmunzelt Ballreich. „Es fehlt immer jemand“, sagt sie und berichtet, dass zu 90 Prozent jemand ersetzt werden müsse. Anderthalb Tage wende sie für die Planung auf, schätzt Ballreich. Die Pflegereform der Klinik kommt ihr daher sehr entgegen (Siehe Infokasten).

Druck und Verantwortung seien in den letzten Jahren gewachsen, erzählt Ballreich. Denn neben der Wirtschaftlichkeit gilt es auch Betriebsvereinbarungen sowie die individuelle Förderung ihrer Mitarbeiterinnen im Blick zu haben. Jedes Jahr bietet sie daher Orientierungsgespräche für ihre Kolleginnen an.

Dabei hat sie auch die Langfristigkeit, die Zukunft der ganz jungen Kolleginnen im Hinterkopf. Man spürt, dass ihr die Ausbildung ganz besonders am Herzen hängt. Jede Bereichsleitung könne die Art der praktischen Ausbildung frei bestimmen, erklärt Ballreich auf dem Weg zum Zimmer, in dem die Schwesternschülerinnen unterrichtet werden. Sie habe sich dafür entschieden, die Ausbildung seit 2011 an einem Tag zu bündeln und nicht jeden Tag Ausbildungsphasen einzuschieben, erklärt Ballreich. Somit könne an jedem anderen Tag neues Wissen ganz praktisch umgesetzt werden. Die Personalnot hat sie damit zur Tugend gemacht, die beim Nachwuchs bestens ankommt. Nina Walther und Marija Petricko fühlen sich auf diese Weise sehr gut vorbereitet und sicher im Umgang mit den Patienten. Die beiden Schwesternschülerinnen erzählen außerdem, wie gut sie ins Team aufgenommen worden seien: „Wir wurden nie alleine gelassen“.

Ausbildung und Mitarbeit lasse sich gut verbinden, erklärt Stephie Bethwell am Rande einer U2-Untersuchung eines Säuglings, bei der ihr eine Schülerin assistiert. Bethwell ist Praxisanleiterin und unterrichtet jede Woche in einem ehemaligen Vier-Bett-Zimmer. Hintergrund ist eine gute Idee, die Lehre statt Leerstand bedeutet: Da derartig zugeschnittene Zimmer heute von Patienten abgelehnt werden, konnte daraus ein Unterrichtsraum gemacht werden.

Besonders freut die Verantwortlichen, dass unter den Auszubildenden auch die erste Hebammenschülerin der Klinik ist. Laura Froberg ist bereits examinierte Kinderkrankenpflegerin. Im April hat sie nun die Ausbildung zur Hebamme begonnen. Was ist ihr Motiv angesichts ungünstiger Rahmenbedingungen? Es sei eine echte Berufung für sie, erklärt die junge Frau.

Zu Untersuchungen der neugeborenen Kinder komme jeden Tag auch ein Oberarzt der Kinderklinik. Dabei werde stationsübergreifend zusammengearbeitet, „die fachliche Beratung hat Vorrang“, erklärt Ballreich.

In ihrer Mittagspause, die sie meist auf die Übergabezeit von Früh- auf Nachmittagsschicht legt, tauscht sie sich gerne bei einer Tasse Kaffee mit ihren Kolleginnen aus. Heute erzählt sie, was sich in den letzten dreißig Jahren verändert hat. Vieles laufe heutzutage digital ab. Auch gesellschaftlich hat sich Grundlegendes getan. Heute wollten Väter rund um die Geburt dabei sein, sie könnte fast an alle Familienzimmer vergeben – wenn es sie denn immer in ausreichender Zahl gebe. Es stehen aber nicht so viele zur Verfügung. Gerade in den letzten Jahren, da die Geburtenzahlen wieder zunehmen. Auch diesen allgemein zu beobachtenden Trend kann sie für Göppingen bestätigen. Eines aber bleibt immer gleich: „Geburtshilfe kann man nicht planen“.

Wichtig ist ihr, dass die Frauen in der Klinik dennoch jederzeit die notwendige Ruhe finden, auch wenn die Geburtenzahlen steigen oder sich Frauen mit Angehörigen besucherintensiver Kulturkreise ein Zimmer teilen müssen.

Dann können sich die Mütter in bestimmte Räume zum Stillen zurückziehen oder ihre Babys baden, dort wo bis vor Jahren das Kinderzimmer war, in dem alle Kinder gesammelt lagen. Denn gerade das Stillen sei nicht immer ein Kinderspiel, erläutert Dorothee Ballreich.

Deshalb hat sie auch das Stillcafé und die Stillberatungshotline eingerichtet. Besonders wichtig seien diese für Mütter, die keine Hebamme haben. Mittlerweile betreffe dies rund 50 Prozent der Frauen, nicht zuletzt aufgrund des Hebammenmangels. In den letzten beiden Jahren habe sich diese Entwicklung extrem verschärft, weiß die Bereichsleiterin. Selbst nach Feierabend macht sie deshalb noch Stillberatung. Das geht nur bei einer besonderen Liebe zum Beruf. „Berufung!“, betont Dorothee Ballreich. Sie könne sich keine andere Fachdisziplin vorstellen. Daher nimmt sie seit ihrer Ausbildungszeit Anfang der achtziger Jahre auch täglich den Weg aus Bad Überkingen nach Göppingen auf sich.

Stillberaterin Rita Pfänder pflichtet ihr bei. Es sei „etwas ganz besonderes“, das Wunder des menschlichen Lebens in seinen ersten Stunden begleiten zu dürfen. Pfänder hilft mit, jeder Mutter die notwendige individuelle Betreuung zukommen zu lassen, ist bei den Vorsorgeuntersuchungen dabei und beobachtet die Entwicklung der Babys in den ersten 49 Lebensstunden (so lange müssen die Babys in der Klinik bleiben) ganz genau, bei Bedarf auch länger.

In einem Zimmer möchte Ballreich an diesem Tag der öffentlichen Begleitung unbedingt vorbeischauen: bei Bianca Gutknecht. Sie ist eine wichtige Stütze der Arbeit der Bereichsleiterin. Gutknecht koordiniert das Personalmanagement mit der richtigen Mischung aus Erfahrung, Überblick, Einfühlungsvermögen und Durchsetzungskraft für fünf Stationen. Dorothee Ballreich schätzt die Arbeit ihrer Kollegin außerordentlich.

Nachmittags stehen noch einige Entlassungen an. Abschlussgespräche sind Ballreich sehr wichtig. Ohne, dass die Frauen es unbedingt äußern müssen, merkt Ballreich sehr schnell, wo es fehlt, wo sie Hilfe benötigen. Dann kümmert sie sich auch darum.

Eine beeindruckende Momentaufnahme geht damit an einem zufällig ausgewählten Tag zu Ende. Morgen kann der Tag schon wieder ganz anders aussehen. Ballreichs Bereich ist so spannend wie das Leben.

Sie selbst wird ihre Fahrt ins Täle nun dafür nutzen, um den Arbeitstag abzuschließen oder neue Ideen für die Zukunft ihrer Stationen zu durchdenken. Zwar hat sie selbst keine eigenen Kinder, jedoch zwei Kinder ihres tödlich verunglückten Bruders von Kindesbeinen an mit groß gezogen. Und natürlich ist sie in gewisser Weise auch eine der Mütter der schönsten 1600 Familien-Start-Ups, die sich jährlich in den Alb-Fils-Kliniken auf den Weg machen, die Welt zu erobern.

Bereichsleiterin Dorothee Ballreich zu den Effekten der Reform

Laufbahn Dorothee Ballreich machte von 1983 bis 1986 ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in der Klinik am Eichert. In Leitungsfunktionen ist sie seit 1988. Zusatzqualifikationen hat sie sich in den Bereichen Stationsleitung, Projektmanagement sowie Qualitätsmanagement erworben. Insgesamt gehören 52 Betten zu ihrem Bereich, darunter 3 Einzelzimmer und 8 Familienzimmer.

Veränderung der Führungsstruktur in der Pflege: Durch die Bündelung organisatorischer Aufgaben ist eine bessere Konzentration auf die Pflege möglich. Leitungen sollen zukünftig bei Engpässen nicht mehr automatisch auf der Station einspringen müssen, sondern unter anderem durch Präsenz über zwei Schichten nah an der Praxis die Mitarbeiter führen. Dorothee Ballreich bewertet die neue Struktur, aber auch den sorgfältig begangenen Weg dorthin als sehr positiv: „Es war ein gutes Jahr“, sagt sie und berichtet, dass man sich innerhalb des Prozesses „nochmals bewusst füreinander entschieden“ habe und nicht in eine leitende Funktion gekommen sei, „weil es immer schon
so war“.

Weiterbildung ist wie eine „Gehaltserhöhung.“ In Dorothee Ballreichs Augen geht die Klinik hinsichtlich der „tollen Fort- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten“, die hausintern mit einem „Riesenangebot“ bestünden, zu bescheiden um, wirbt zu wenig damit um neue Kräfte. „Weiterbildung ist für mich wie eine Gehaltserhöhung“, sagt sie. Sie selbst finde es spannend, nun auch betriebswirtschaftliche Prozesse zu erlernen und zu durchdringen. Mehr Einblick und Zugriff aufs Personalbudget zu bekommen – auch dies ist ein Effekt der Reform.