"Es geht immer um Sein"

SWP 23.02.2013

Herr Gálvez, Sie sind Diplom-Kaufmann. Was treibt Sie auf die Bühne?

CRISTIÁN GÁLVEZ: Schon mit zwölf entdeckte ich die Liebe zur Zauberei. Ich durfte sogar als Jugendlicher in einer André-Heller-Produktion mitwirken. So lernte ich sehr früh, dass gut gemachte Emotionen Menschen auf tiefer Ebene bewegen. Heute erzeuge ich Emotionen über meine Vorträge, die meist etwas mit Veränderung zu tun haben. Ich erzähle Geschichten. Wenn es gut läuft, bekommen die Zuschauer den typischen Wackeldackel-Blick, dann läuft das Kopfkino und die Menschen vergleichen das Erzählte mit ihren eigenen Erfahrungen. Das sorgt für Veränderung in den Köpfen. Die Liebe dazu ist bis heute geblieben.

Was fasziniert Sie an der Arbeit mit Menschen?

GÁLVEZ: Auf den Bühnen des Lebens spielen Menschen häufig unter ihren Möglichkeiten. Die meisten Menschen können mehr als sie zeigen. Das herauszukitzeln und sie dabei zu unterstützen, zu erkennen, wer sie wirklich sind, fasziniert mich. Dieser Prozess braucht etwas sehr wertvolles: ungeteilte Aufmerksamkeit. Und ich hoffe, dass meine Vorträge und Coachings das spüren lassen: Ich bin jetzt hier, für euch und nur für euch. Der treibende Gedanke: Ich will, dass Menschen ihr Bestes zeigen.

Ist Selbstinszenierung nicht auch Manipulation?

GÁLVEZ: Nein. Jeder Mensch kann sich nur mit den Eigenschaften auf Dauer gut darstellen, die er auch wirklich mitbringt. In meiner Arbeit geht es nicht um Schein, sondern immer um Sein. Das ist ein bewusster Prozess. Es bringt nichts, sich Dinge auszusuchen, die uns an anderen gefallen, und diese auf sich zu übertragen. Die überzeugende Selbstinszenierung lebt davon, bei sich zu bleiben. Erst wer seine Facetten kennt, kann diese überzeugend zum Einsatz bringen.

Wie stellt man sich denn optimal dar?

GÁLVEZ: Es gibt nur eine Rolle, die jeder Mensch überzeugend spielen kann und das ist die eigene. Leider lernen wir über Umfeld, Medien, Sozialisation und Erziehung vieles, was unsere Persönlichkeit beschneidet. Deshalb müssen Erwachsene häufig gemachte Erfahrungen wieder entlernen. Ein Beispiel: Jedes Kind kommt auf die Welt und zeigt sich gerne, macht sich groß und ist stolz auf die kleinen Erfolge. Wer mit offenen Augen durch das Leben geht, sieht, dass viele Erwachsene diese Fähigkeit durch neue Lernerfahrungen verloren haben. Da müssen sie wieder hinkommen.

Und wie?

GÁLVEZ: Ein solcher Prozess beginnt immer mit Bewusstmachung. Was sind meine Stärken und Schwächen? Wo liegt mein natürliches Verhalten? Was sind meine Werte? Welche Eigenschaften will ich hervorheben? Veränderungen brauchen zudem konkrete und anziehende Ziele, die Schrittweise umgesetzt werden können. Wichtig dabei: Dranbleiben. Funktioniert eine Strategie nicht, versuchen Sie eine andere. ,Immer wieder aufstehen ist die Devise. Wie oft müssen Kinder aufstehen, bevor sie laufen können? Nehmen Sie sich ein Beispiel.

Sie sagen, man solle sein Ziel visualisieren. Weshalb ist das eine gute Methode?

GÁLVEZ: Weil es funktioniert. In meinen Coachings arbeite ich gerne mit Methoden der Hypnotherapie. Dadurch lassen sich Menschen in einen Trancezustand versetzen. In diesem fokussierten Zustand ist das Kopfkino besonders wirkungsvoll. Das, was ich mir hier vorstellen kann, ist als Ziel leichter zu erreichen. Dabei geht es vor allem um positive Visualisierungen. Wenn Sie vor einem Meeting ihr Kopfkino auf Horror stellen, kreieren Sie Ihre eigene selbst erfüllende Prophezeiung.

Was passiert, wenn Selbstinszenierung in die Hose geht?

GÁLVEZ: Gute Selbstinszenierung ist immer kongruent und konsistent, in sich stimmig und dauerhaft. Wenn Peer Steinbrück sozialdemokratische Werte proklamiert und 25 000 Euro Vortragshonorar für eine Stunde Reden bekommt, klingt das für manche SPD Parteigenossen und Harz IV Empfänger unstimmig, also wenig kongruent. Wenn unser ehemaliger Bundespräsident Wulf in einer Talksendung Transparenz verspricht und einen Tag später diese Transparenz nicht zeigt, leidet die Persönlichkeit. Dieses inkonsistente Verhalten kostet nicht nur Politikern, sondern auch vielen Führungskräften in der Wirtschaft Vertrauenspunkte und damit auch Persönlichkeit.

Welche Auftritte machen am meisten Spaß?

GÁLVEZ: Bei 150 Veranstaltungen im Jahr ist es vor allem die Vielfalt, die mich begeistert. Manchmal treffe ich Studenten, Verkäufer, IT-Experten und Top-Manager bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen innerhalb einer Woche. Von kleinsten Gruppen-Coachings bis hin zu tausenden von Zuschauern, wie zum Beispiel beim Stuttgarter Wissensforum ist alles dabei. Vor kurzem durfte ich vor 1500 Fahrlehrern sprechen und eine Woche später vor 120 Schweinebauern. Das macht meine Arbeit so wertvoll für mich. Wichtig ist mir, offen zu sein und jeden Tag Neues zu sehen. Übrigens: Offenheit, Flexibilität und Neugierde faszinieren mich an vielen großen Persönlichkeiten.

Sie reisen viel. Wer oder was begleitet Sie dabei?

GÁLVEZ: Ein Paar alte Hausschuhe. Die sind immer dabei. Meine Partnerin würde sie am liebsten entsorgen. Doch für mich gehören sie zum Leben, ein wichtiges Ritual: Wenn man jeden Morgen in einem anderen Hotel aufwacht und manchmal gar nicht mehr weiß, in welcher Stadt man gerade ist, braucht man feste Rituale, die einen mit der Welt verbinden. Meine alten Schlappen geben mir Ordnung und Sicherheit. Ein heißes Glas Wasser am Morgen gehört ebenfalls zum festen Morgenritual. Wer keine Rituale hat, sollte sich welche zulegen. Es müssen ja keine Schlappen sein.

Zur authentischen Persönlichkeit gehören auch die Schwächen. Was ist Ihre größte Schwäche?

GÁLVEZ: Eine große Schwäche, mit der ich auch in meinen Vorträgen spiele, ist sicherlich meine Rolle als Vater. Mein Sohn ist 13 Jahre alt. Sie können der beste Coach der Welt sein und alle Schriften über Psychologie verinnerlicht haben und trotzdem können die eigenen Kinder einen in den Wahnsinn treiben. Tatsächlich sind Schwächen sehr gut geeignet, um sich authentisch zu inszenieren. Denn gerade durch Schwächen zeigen wir häufig auf sympathische und lebensnahe Weise, wer wir wirklich sind. Die Top-Führungskraft einer Bank erzählte in einem Interview, sie liebe Nutella-Brötchen. Kurz darauf stand in jeder ihrer Filialen ein Nutella-Glas. Nach dem Motto: Wenn unsere Chefin unangekündigt vorbei kommt, machen wir sie einfach mit einem Nutella-Brötchen glücklich. Eine solche Schwäche bleibt im Gedächtnis. So inszenieren Sie sich unaufdringlich in die Herzen Ihres Gegenübers.

Was gehört noch zur Selbstinszenierung?

GÁLVEZ: Selbstinszenierung ist eine Form der Selbstverantwortung. Sie bestimmen, was auf den Bühnen Ihres Lebens gespielt wird. Sie selbst sorgen für das Programm. Nur dann gilt es auch, das Selbst herauszulassen. Wichtig ist, dass eine überzeugende Persönlichkeit auch immer durch Vereinfachung lebt. Es geht also nicht darum, jede Facette einer Persönlichkeit zur Schau zu stellen. Vielmehr picken wir uns die großen Stärken und sympathischsten Schwächen heraus. In jeder Hollywood-Inszenierung wird alles gestrichen, was nicht zur Klarheit beiträgt. Die Klarheit eines Bildes entsteht durch Einfachheit und Reduktion. Das gilt auch für die persönliche Inszenierung.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

GÁLVEZ: Ich gebe gerne und viel. Wer das tut, ist häufig auch sensibel. Harsche und überraschende Kritik tut da schon mal weh. Allerdings ist das nur der erste Moment. Denn in jeder Kritik steckt auch immer eine Lernchance. Dieses Denken hat mich in der Vergangenheit weitergebracht. Der härteste Kritiker sitzt ohnehin zwischen meinen Ohren, in meinem Kopf. Manchmal höre ich: ,Heute warst du gut, aber nicht großartig. Ich hab Dich schon mal besser gesehen. Das spornt mich an. Dann sitze ich bis abends am Schreibtisch und überarbeite mein Referat.

Was treibt Sie an?

GÁLVEZ: Jedenfalls nicht das Geld. Mein höchster Wert im Leben ist Wahlfreiheit. Damit verbinde ich die Möglichkeiten im Leben das tun zu dürfen, was meiner inneren Stimme am nächsten kommt. Im Alltag bedeutet das oftmals auch gegen Erwartungen anderer zu handeln. Ich habe die Promotion nach dem Studium nicht gemacht und bin stattdessen auf eine Schauspielschule in Hollywood gegangen. Erklären sie das mal den Eltern. Heute wissen sie, dass es mein Weg war und das macht Sie aus heutiger Perspektive glücklich. Wer seinem Herzen folgt, ist leistungsfähiger. Das zeigt sich auch in der Selbstinszenierung. Heute habe ich durch meine Arbeit fast täglich die Möglichkeit, Menschen ein Stück dieser Selbstbestimmtheit in Erinnerung zu rufen. Auch das treibt mich an. Letztlich gibt es für mich nichts Schöneres, als die eigenen Gedanken anderen Menschen mitgeben zu dürfen und zu spüren, dass etwas in ihnen wächst. Das mag ich!

Was sind Ihre persönlichen Ziele?

GÁLVEZ: Ich möchte weiterhin Menschen dabei unterstützen, als Persönlichkeiten zu wachsen und wirkungsvoller durchs Leben zu gehen. Derzeit arbeite ich an einem neuen Buch, über das ich noch nichts verrate. Nur so viel: Der Verlag und ich planen zu dem Buch eine interaktive Webseite. Da fliegen gerade die Gedanken durch den Raum.

Wie wichtig ist Humor, wenn man erfolgreich im Leben sein will?

GÁLVEZ: Lachen ist das Wichtigste überhaupt und verbindet Menschen auf innigste Weise. Wir spüren instinktiv, ob ein Lachen echt ist oder nicht. Humor ist eine Grundhaltung dem Leben gegenüber. Manche Menschen erhellen einen Raum, wenn sie ihn betreten, andere wenn sie ihn verlassen. Auch das ist Selbstverantwortung. Das liebevolle Anerkennen der eigenen Schwächen spiegelt genau diese humorvolle Grundhaltung.

Warum soll denn für Otto Normalverbraucher Selbstinszenierung wichtig sein?

GÁLVEZ: Wir können uns ja nicht nicht inszenieren. Überall da, wo wir sind, zeigen wir Wirkung. Sein ist Wahrgenommenwerden. Die bewusste Steuerung der Wirkung, also die Selbstinszenierung, bestimmt den Eindruck, den wir hinterlassen. Dieser bewusste Prozess der Selbstinszenierung sorgt für eine befreiende Selbsterkenntnis, die gleichzeitig nach außen diese anziehende Wirkung entfacht.

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