"Einschneidendes Erlebnis"

SWP 21.04.2012

Herr Messerschmid, was waren Ihre schönsten Erlebnisse im All?

ERNST MESSERSCHMID: Das waren die Momente nach erfolgreicher Arbeit: der Blick nach außen auf die Sterne, aber erst nachdem wir genügend Ergebnisse im Kasten hatten mit Blick in den Mikrokosmos. Dabei stand die Frage im Vordergrund wie sich die Schwerelosigkeit auf die Materie und den eigenen Körper auswirkt. Astronauten sehen tausend Mal mehr Sterne als es Menschen von der Erde aus tun. Ich habe meinen Walkman aufgesetzt und herausgefunden, dass für meinen Geschmack, für die Betrachtung des Universums und das Erlebnis der Schwerelosigkeit, die Musik von Mozart gut geeignet ist. Ich hatte außerdem Songs von Elton John dabei. Ein beeindruckendes Schauspiel ist auch der Wechsel der Jahreszeiten sowie von Tag und Nacht auf der Erde. Und dann die Partnerschaft in einem Team von Kollegen, das sich anspruchsvolle Ziele gesetzt hat. Diese Erlebnisse in der künstlichen Umgebung der Raumfähre ergibt eine Mischung, die es in sich hat.

Hat Sie der Flug in den Weltraum verändert?

MESSERSCHMID: Ein Flug ins All ist ein einschneidendes Erlebnis, dass man nicht vergisst. Physisch und psychisch äußerst intensiv. Aber Wissenschaftler wie ich begleiten zwar die Missionen, wir werden aber nicht unbedingt zu Missionaren. Mit einer Ausnahme: Das ist unsere Haltung zum Planeten Erde. Wir sind der Meinung, dass wir Erdenbewohner nicht weitermachen können wie bisher. Diese Ansicht vertritt die Gesellschaft der Astronauten - auf Englisch heißt sie Association of Space Explorers. In Angelegenheiten, die die Umwelt betreffen und der technischen Lösungen zur Minderung des Klimawandels, sind wir also eher missionarisch unterwegs.

Knapp zwei Monate nach Ihrer Rückkehr explodierte die Raumfähre Challenger kurz nach ihrem Start am 28. Januar 1986. Haben Sie mit einem solchen Unglück gerechnet?

MESSERSCHMID: Ich war völlig unvorbereitet auf das, was geschah. Die Untersuchung des Unfalls ergab, dass beide Dichtungsringe der Feststoffraketen durchgebrannt waren. Ursachen waren nicht eingehaltene mechanische Toleranzen und zu niedrige Außentemperatur. Bei solchen Verhältnissen darf normalerweise nicht gestartet werden. Es hätte auch unsere Mannschaft treffen können.

Bei dem Unfall kamen alle sieben Astronauten an Bord ums Leben. Wie riskant sind Flüge in den Weltraum?

MESSERSCHMID: Die bemannte Raumfahrt ist und bleibt gefährlich: Die Wahrscheinlichkeit zu verunglücken, liegt bei etwa zwei Prozent pro Mission. Anfang März 2003 gab es einen weiteren Unfall. Insgesamt haben die Amerikaner zwei von fünf flugfähigen Space Shuttles verloren. Als Ausbilder bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA habe ich die neuen Astronauten über die Gefahren aufgeklärt. Ich gab ihnen den Rat: Sprecht mit euren Familien über das Risiko und mit eurer Versicherung.

Herr Messerschmid, die Raumfahrt verschlingt viel Geld. Ist es gut angelegt oder sollte Deutschland es besser für andere Dinge ausgeben?

MESSERSCHMID: Ich würde sagen, wir geben noch zu wenig für die Raumfahrt aus. Deutschland ist mit einem Budget von 1,4 Milliarden Euro pro Jahr die Nummer zwei in Europa hinter Frankreich. Der amerikanische Steuerzahler dagegen wendet fünf Mal so viel auf. Die Erkenntnisse aus der Raumfahrt nützen den Menschen auf der Erde in vielen Bereichen: in der Kommunikation, bei der Navigation und der Verkehrsüberwachung, um nur einige Anwendungsbereiche zu nennen. Denken Sie auch an die Wettervorhersage, die ja deutlich besser geworden ist als noch vor zwanzig, dreißig Jahren und die direkt verteilenden Fernseh-, Rundfunk- und Internet-Satelliten. Diese, einschließlich der Navigations- und Beobachtungssatelliten, machen das Kerngeschäft der Raumfahrt aus - zwei Drittel des globalen Umsatzes von 200 Milliarden Euro im Jahr. Vieles, was wir der Raumfahrt verdanken, ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die staatlichen Mittel - das restliche Drittel - werden hauptsächlich zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragen ausgegeben und zur Verbesserung der Infrastruktur im Weltraum wie Satelliten, Raumstationen und Raketentechnik.

Welchen Beitrag leistet die Raumfahrt zu einem verantwortlichen Umgang mit der Erde?

MESSERSCHMID: Wir können das, was mit unserem Planeten geschieht, großflächig vom Weltraum aus betrachten. Der Einfluss des Menschen auf die Erde ist von dort unübersehbar. Der Klimawandel lässt sich messen beispielsweise durch den Anstieg der Meere um rund zwei Millimeter jährlich. Wir können auch messen, dass das Kyoto-Protokoll wirkt: Der Ausstoß an Fluorkohlenwasserstoffen und von gefährlichen Treibhausgasen hat seinen Höhepunkt überschritten, die Ozonschicht beginnt sich wieder zu regenerieren. Die Problem mit den Kohlendioxidemissionen bleibt bestehen, eine Lösung wird sich allenfalls in vielen Jahrzehnten ergeben können - und dies nur, wenn der Ausstoß deutlich reduziert wird. Die Diskussion über Nachhaltigkeit würden wir heute wahrscheinlich nicht führen, wenn wir die Erde nicht von Satelliten aus beobachten könnten.

Hört die Welt auf die Warnungen der Wissenschaftsastronauten?

MESSERSCHMID: Nicht immer ist unsere Einschätzung politisch erwünscht. Wissenschaftler im All sehen Veränderungen und halten diese fest. Unsere Warnungen sind deshalb vielleicht authentischer und zielgenauer als die Argumente von Leuten, die zuvorderst Geld mit regenerativen Energien verdienen wollen. Außerdem sind ständig Kollegen im Weltraum, die den Zustand der Erde dokumentieren. Auch ich habe Fotos aus dem All gemacht, die zeigen wie der Urwald am Amazonas im Spätherbst grün leuchtet. Jedes Jahr im November jedoch stecken die Menschen dort einen Monat lang Bäume und Pflanzen in Brand, um Urwald zu roden. Wenn sich der Qualm verzieht, sieht man vom Weltraum aus die darauf entstehenden Monokulturen. Andere Aufnahmen zeigen Flüsse, die verlanden, weil Länder das Wassermanagement nicht organisieren. All diese Dinge beklagt die Association of Space Explorers zurecht. Als Nicht-Regierungsorganisation werden wir zu allen Klimakonferenzen eingeladen und beziehen Stellung. Manchmal werden wir auch wieder ausgeladen, weil wir sagen, dass die Gegenmaßnahmen fehlgeleitet oder zu schwach sind.

Gibt es innerhalb der Raumfahrt einen Bereich, der besonders vielversprechende ist?

MESSERSCHMID: Ich denke, das trifft auf das neue Navigationssystem Galileo zu. Das wird einige Merkmale mehr haben als GPS. Bei Galileo geht es um die Verknüpfung von Navigation und Information: das System misst die Position und verbindet sie mit Zustandsmeldungen. Anwendungsmöglichkeiten für diese kombinierten Daten gibt es beispielsweise in der Landwirtschaft, im Freizeitbereich und im Sicherheitsbereich. Man geht davon aus, dass in Europa etwa 200 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden allein durch die Entwicklung von Software und Anwendungen. Nur einige wenige solcher Programme haben bisher auf dem iPhone das Licht der Welt erblickt.

Sie lehren am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart. Welchen Anteil hat das Land an der Forschung im All?

MESSERSCHMID: Baden-Württemberg ist in Deutschland das Raumfahrtland Nummer eins. Das nehmen nur wenige zur Kenntnis - auch in der Politik. Über vierzig Prozent der originären Arbeitsplätze in der Raumfahrt sind in Baden-Württemberg.

Was raten Sie Ihren Studenten?

MESSERSCHMID: Es gibt genügend Jobs für Ingenieure der Luft- um Raumfahrt: Ich kenne keinen Studenten mit Abschluss, der arbeitslos ist. Das liegt daran, dass Technologien aus der Raumfahrt auch anderweitig eingesetzt werden. Mehr als die Hälfte der Absolventen findet eine Stelle im Mittleren Neckarraum in der Automobilindustrie, bei deren Zulieferern oder in anderen Berufsfeldern wie Architektur und Verkehrstechnik. Ich rate ihnen, einen möglichst guten Abschluss zu machen.

Weshalb sind Ingenieure der Luft- und Raumfahrt so begehrt?

MESSERSCHMID: Es ist ja bekannt, dass die Raumfahrt die wahrscheinlich innovativste Branche überhaupt ist. Zwischen dreißig und fünfzig Prozent des Umsatzes investiert sie in Forschung und Entwicklung. Danach kommen der Flugzeugbau mit etwa 15 Prozent seines Umsatzes und die Automobilindustrie mit rund sechs Prozent. Keine andere Branche gibt mehr für neues Know-how aus.

Wie sieht die Zukunft der Raumfahrt aus?

MESSERSCHMID: Die bemannte Raumfahrt konzentrierte sich nach dem Abschluss des Apollo-Programms 1972 auf die Erforschung des erdnahen Bereichs. Ab 2020 geht es wieder zurück zum Mond. Vielleicht bauen wir dort für einen begrenzten Zeitraum Infrastrukturen auf, begleiten erdnahe Asteroiden auf ihrem Weg um die Sonne oder reparieren die nächste Generation des Teleskops Hubble in etwa vierfacher Entfernung zum Mond. Oder es geht zum Mars. Mehr werden wir in diesem Jahrhundert wahrscheinlich nicht mehr schaffen.

Sie flogen 1985 mit sieben weiteren Astronauten und Wissenschaftlern in den erdnahen Weltraum. Haben Sie Kontakt zu den noch lebenden Teammitgliedern?

MESSERSCHMID: 2010 jährte sich unser Flug zum 25. Mal. Alle, die damals dabei waren, kamen aus diesem Anlass in Deutschland zusammen. Es gab Vorträge in Stuttgart, Bremen und Berlin. Die Abschlussveranstaltung des Jubiläums war im Technikmuseum in Speyer. Dort gehören wir als Veteranen der Raumfahrt auch so langsam hin.