"Dingen einfach hingeben"

SWP 11.10.2014

Frau Dörrie, wie finden Sie das Prädikat "Glücksbeauftragte des deutschen Films"?

DORIS DÖRRIE: Um Himmels Willen! (Lacht). Das klingt sehr hoch gegriffen, aber meinetwegen gern - über Komplimente freut man sich schließlich immer. Es hört sich allemal besser an als Frauenbeauftragte.

Dann gleich zum nächsten Etikett: Ist Ihre Musik-Doku ein "Buena Vista Social Club" in Mexiko?

DÖRRIE: Ein Vergleich fällt mir gar nicht so leicht. "Buena Vista Social Club" liegt schon so lange zurück, dass ich gar nicht mehr genau weiß, in welcher Atmosphäre der Film damals aufgenommen wurde und wie die allgemeine Stimmung war. Aber klar: Es geht um Musik, beide Filme spielen in Südamerika. Und auch bei mir gibt es ältere Menschen, die sich ihre Würde bewahrt haben.

Wie findet man spannende Figuren für einen Dokumentarfilm?

DÖRRIE: Beim Filmemachen braucht man immer Glück, bei einer Doku vielleicht noch ein Stückchen mehr. Man ist absolut abhängig von seinen Protagonisten, bei denen man später, im Unterschied zum Spielfilm, auch nichts mehr verändern kann. Wenn die Figuren einer Doku nicht funktionieren, bist du ziemlich aufgeschmissen. Im Grunde folgt mein Film einem buddhistischen Grundsatz: zuhören, zuschauen, offen sein und keine vorschnellen Urteile abgeben. Man muss sich den Dingen einfach hingeben.

Ganz gemütlich sieht dieser Platz nicht aus, wie bekommt man als blonde Frau das Vertrauen der Musikanten?

DÖRRIE: Ich habe sechs Wochen lang jeden Tag zehn Stunden auf diesem Platz verbracht. Zunächst hatte ich mich auf ein winziges Campingstühlchen gehockt und erstmal nur geschaut. Diese ständige Präsenz hat bei den Leuten eine Vertrauensbasis geschaffen. Ohnehin sind die Menschen in Südamerika viel offener als bei uns. Die Leute unterhalten sich noch gerne, weil nicht jeder so komplett online ist wie hierzulande.

Wie haben Ihre Heldinnen reagiert auf die Filmabsichten?

DÖRRIE: Die Frauen haben sich natürlich gefreut über das Interesse an ihren Geschichten. Fast noch wichtiger war ihnen, dass Mexiko einmal anders gezeigt wird als mit den bekannten Bildern von Gewalt und Drogenkriegen.

Gleichwohl wird das Problem von einer Musikerin einmal selbst angesprochen, die Angst um ihre Tochter hat. Sehen Sie Auswege aus dieser Situation in Mexiko?

DÖRRIE: Die Perspektive wäre eine weltweite Legalisierung von Marihuana, damit wäre den Drogenbaronen der Boden entzogen, denn Gras macht den größten Anteil ihres Geschäfts aus. Der US-Bundesstaat Colorado und sogar das südamerikanische Uruguay gehen da bereits in eine richtige Richtung.

Wie gefährlich verliefen die Dreharbeiten auf der Straße?

DÖRRIE: Bei einigen Szenen sind meine mexikanischen Freunde nicht mehr mitgegangen, weil es ihnen zu gefährlich war. Ich selbst hatte nie wirkliche Angst, beim Filmemachen fühlt man sich, als hätte man eine Tarnkappe auf. Die gibt es natürlich nicht, aber vielleicht ist man geschützt durch seine Unwissenheit und erlaubt sich Dinge, die man nicht tun würde, wenn man sich besser auskennt. Weil alle im Team blond sind, fühlten wir uns zudem wie eine seltsame Alien-Truppe.

Die Musiker verlangen 20 Pesos für vier Lieder, wie viel Gage haben Sie bezahlt?

DÖRRIE: Wie jeder andere Zuhörer haben natürlich auch wir die Musiker für jedes einzelne Lied bezahlt - das ist der Mariachi-Deal! Das Recht am Bild hingegen gab es gratis. Wann immer wir nach der Zustimmung gefragt haben, schlug uns Verwunderung entgegen: Die Leute finden es völlig in Ordnung, wenn man sie filmt. Als Entertainer wollen sie regelrecht vor einer Kamera sein.

Wie weit sind die Gespräche inszeniert?

DÖRRIE: Die Gespräche waren alle spontan, inszeniert ist dabei überhaupt nichts. Man muss sich methodisch da schon ganz klar entscheiden - und Spontaneität finde ich auf alle Fälle viel sympathischer. Problematisch wird allerdings die anschließende Sichtung des vielen Materials, da bin ich meinem unendlich geduldigen Cutter Frank Müller sehr dankbar, der mit einem ganz anderen Blick sich im Schneideraum dieses Material angeschaut und strukturiert hat.

Wie geschah die Auswahl der Lieder?

DÖRRIE: Ganz einfach: Das sind meine persönlichen Lieblingslieder! Besonders gut gefällt mir "Puno De Tierra", das nur vom Tod handelt, dabei aber überaus fröhlich gesungen wird. Die Mischung aus lustig und traurig ist sehr typisch für diese Lieder und dieses Land - was auch im Titel des Films zum Ausdruck kommt, der aus einer Liedzeile stammt. Das Motto der Mariachi-Musik lautet: Man muss einfach nur weitersingen, dann wird alles gut.

Sie drehen Filme in Japan oder jetzt in Südamerika - warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

DÖRRIE: Ich finde es sehr lehrreich, mit geografischem Abstand auf das eigene Land und das Leben zu schauen. Mit dem Blick aus der Ferne bekommen die Dinge ganz neue Relationen. Ich war gerade in China und dieser Besuch hat mir komplett den Kopf gewaschen. Diese beschränkte Sicht allein auf Europa finde ich absolut nicht mehr zeitgemäß.

Verstehen Sie Ihren Film als Antwort auf "El Mariachi" von Robert Rodriguez?

DÖRRIE: Ich hatte auf dem Filmfestival von Morelia eine lange Diskussion mit ihm darüber. Die entscheidende Frage ist, ob die reale Gewalt das Kino nachäfft oder umgekehrt. Mittlerweile ist daraus eine fatale Wechselbeziehung geworden: Echte Brutalität wird mit grauenvollen Bildern regelrecht cinematografisch inszeniert. Gewalt ist zum kulturellen Mythos geworden und wird von vielen jungen Männern im wirklichen Leben übernommen. Diese Macho-Attitüde gegenüber der Gewalt ist ein extremes Problem für Mexiko. Diesem Bild möchte ich mit meinem Film wenigstens ein klitzekleines bisschen etwas entgegenhalten.

Im Frühjahr hatten Sie die Urlauberkomödie "Alles inklusive" präsentiert, die auf Ihrem Roman basiert. Wann haben Sie zum letzten Mal einen "Alles inklusive"-Urlaub erlebt?

DÖRRIE: Ich mache schon seit zehn Jahren "All ink"-Urlaub mit den Studenten, die ich unterrichte. Wir können uns für Exkursionen keine teuren Ski-Hütten leisten, deshalb buchen wir Spanien für 280 Euro pro Person - Flug, Hotel, zwei Mahlzeiten und sogar der Alkohol inklusive. Nur an Schlaf ist dort nachts nicht zu denken.

Im Unterschied zu anderen Regisseuren wiederholen Sie sich kaum bei Ihren Filmen, sind diese Themen-Wechsel nötig für die Frische des Erzählens?

DÖRRIE: Ich überlege nicht, ob Themen passend wären für meine Karriere oder eine möglichst abwechslungsreiche Filmographie. Die Stoffe ergeben sich aus einem Interesse heraus - und dann mache ich sie eben einfach.

Die Figuren des Films klingen wie Klischees. Wie macht man daraus Wahres und Klares?

DÖRRIE: Auch Klischees enthalten immer ein Korn Wahrheit. Der Trick liegt darin, immer näher heranzugehen und genauer hinzuschauen. Klischees gibt es immer nur in der Totalen. Je näher man diesen Figuren kommt, desto mehr lösen sich die Stereotypen auf. Dann wird auch ein Typ wie der Helmut, zunächst nur ein dicker, lauter Mann mit viel zu kleiner Badehose, plötzlich zur nachdenklichen und anrührenden Figur.

In einer Episode landet ein Flüchtlingsboot am Touristenstrand. Welche Rolle spielt dieses Element für Ihren Film?

DÖRRIE: Flüchtlinge gehören nicht nur zum Alltag an spanischen Küsten, dieses Thema betrifft uns alle in Europa. Es gibt eine erschreckende Statistik, wonach auf dem Grund des Mittelmeers über 30 000 tote Afrikaner liegen, die in den letzten zehn Jahren auf der Flucht ertrunken sind. Das waren alle genauso normale Menschen wie wir: Leute mit Identität, mit Berufen und der Hoffnung, ihren Familien das Überleben zu sichern. Vor diesem humanitären Elend darf Europa nicht die Augen schließen, einfach die Grenzen dichtzumachen ist keine Lösung.

So bitter diese Thematik, so unangestrengt wird sie im Film präsentiert und nur in einer eher kleinen Episode angetippt. Gilt bei Gesellschaftskritik: weniger ist mehr?

DÖRRIE: Ich kann es nicht ausstehen, wenn Kino zur Lehranstalt wird. Ich sehe lieber eine gute Dokumentation zu solchen Themen als sie verkrampft in einem Spielfilm wiederzufinden. Es genügt für diese Episode, dass Hannelore Elsner als alter Hippie diesem Afrikaner spontan zur Hilfe eilt. Nadja Uhl als ihre Tochter würde wahrscheinlich nicht so handeln, sondern hätte vor allem erst einmal ganz viele Bedenken.

Hannelore Elsner rettet nicht nur den Flüchtling, sondern ist später auch in einer amüsanten Sex-Szene mit Axel Prahl zu erleben. Wie viel an Überredungskunst hat es dafür gebraucht?

DÖRRIE: Das ging ganz schnell: In zehn Minuten erklärt, in zehn Minuten gedreht. Hannelore Elsner hat sofort die amüsante Absicht dieser Szene verstanden, nämlich eine Mischung aus erotisch und zugleich sehr lustig zu bieten. Als sehr kluge Schauspielerin weiß sie natürlich, wie viel Futter ihr solch eine Szene bietet.

Amüsant fällt ebenfalls die verunglückte Sado-Maso-Szene von Nadja Uhl mit einem Tierarzt auf. Sehen Sie das als Kommentar zum medialen Sex-Boom?

DÖRRIE: Wer Frauen-Magazine durchblättert, kann den Eindruck bekommen, dass Sex immer mehr auf bestimmte Fähigkeiten reduziert wird. Da gibt es seitenweise Tipps für Sado-Maso-Praktiken, ganz so, als sollte jeder sie können und auch mögen. Diesem Zwang zur Optimierung verweigert sich die Figur von Nadja Uhl, allerdings ist sie nicht souverän genug, dem Partner ihre Unlust lässig vor den Latz zu knallen - und so endet für sie wieder einmal alles ganz dramatisch (lacht).