Interview Teamviewer: Die Zentrale bleibt in Göppingen

Sebastian Hoerz (links) und Mike Eissele in der „Library“ bei Teamviewer. Das Unternehmen setzt mit der IHK ein neues Netzwerk aufs Gleis und will die Region attraktiver machen.
Sebastian Hoerz (links) und Mike Eissele in der „Library“ bei Teamviewer. Das Unternehmen setzt mit der IHK ein neues Netzwerk aufs Gleis und will die Region attraktiver machen. © Foto: Carlucci
Göppingen / Susann Schönfelder 11.10.2018
Das Göppinger Unternehmen Teamviewer ist auf Expansionskurs, aber im Filstal verwurzelt und will die Region attraktiver machen.

Es wächst und wächst. Das Göppinger Unternehmen Teamviewer, führender Anbieter von Fernwartungs-Software, ist ein globales Wachstumsunternehmen, das tief im Filstal verwurzelt ist – und auch hier bleiben will. Nun hat sich die Ideenschmiede aus Göppingen zum Ziel gesetzt, sich vor Ort noch stärker mit anderen Unternehmern und Führungskräften auszutauschen. Es geht sowohl darum, dem sich ständig wandelnden Markt gewachsen zu sein, als auch qualifizierte Fachkräfte zu finden. Deshalb stellt Teamviewer zusammen mit der Industrie- und Handelskammer das „Agile Meetup Filstal“ auf die Beine, welches am kommenden Montag startet.

Göppingen als Standort für Netzwerk

Im Interview sprechen der Leiter der Software-Entwicklung, Dr. Mike Eissele, sowie Sebastian Hoerz, Entwickler bei Teamviewer und Ideengeber des „Agile Meetups“, über ihre Motivation für ein solches Netzwerk, den Standort Göppingen und Herausforderungen der Zukunft.

Herr Eissele, Teamviewer ist ein globales Wachstumsunternehmen. Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, Göppingen zu verlassen?

Mike Eissele: Nein, es gab nie Diskussionen, den Firmensitz zu verlagern. Wir haben Mitarbeiter aus der Umgebung, aber auch aus Berlin und der ganzen Welt. Teamviewer hat auch Entwicklungsstandorte in Berlin und Stuttgart. Aber die Zentrale ist und bleibt hier. Göppingen ist gut zu erreichen und hat sehr viel zu bieten. Außerdem haben wir den Bahnhof ja direkt vor der Haustür.

Die Stadt stellt Ihnen Flächen auf dem ehemaligen Müller-Areal in Aussicht, weil Sie mehr Platz benötigen. Ist das Gelände eine Option für Sie?

Eissele: Auf jeden Fall. Man hat uns schon viel angeboten. Ich kann heute natürlich noch nicht sagen, wie schnell wir wachsen und ob oder wann wir einen neuen, größeren Standort brauchen. Zwischenzeitlich haben wir aber auch schon Räume auf der anderen Seite der Bahnlinie angemietet, da es hier in der Jahnstraße zu eng wurde. Ich arbeite seit neun Jahren hier, damals hatte Teamviewer 35 Mitarbeiter, mittlerweile sind es weltweit 700.

Wo hat Teamviewer weitere Standorte?

Eissele: Neben unseren deutschen Standorten in Göppingen, Stuttgart, Karlsruhe und Berlin haben wir weitere Büros in Adelaide, Tampa, San Francisco und Jerewan. Derzeit bauen wir außerdem Büros in Japan, Indien und China auf, um unsere lokale Präsenz zu stärken. Asien ist ein spannender Markt, für den wir einen lokalen Vertriebsansatz verfolgen.

Wie sieht es denn mit Personal aus? Finden Sie genügend Mitarbeiter?

Sebastian Hoerz: Wir können schon einiges bieten, was das Produkt und die Atmosphäre im Unternehmen betrifft. Wir haben sehr viele junge Mitarbeiter, das Durchschnittsalter liegt bei 32 Jahren.

Eissele: Wir sind ein agiles Unternehmen, bei dem nicht alles in eingegossenen Formen verläuft.

Hoerz: Man hat die Chance, Sachen zu bewegen und zu verändern.

Eissele: Wir haben natürlich den Wunsch, sehr gute Mitarbeiter zu gewinnen. Schließlich sind wir ein Unternehmen, das technologisch ganz oben mitspielt. Auf dem lokalen Markt ist es manchmal nicht ganz einfach, die passenden Leute zu finden. Der Fachkräftemangel ist auch für uns ein Thema. Aber wir haben das Glück, durch unsere Bekanntheit und Größe etwas leichter an gute Leute zu kommen.

Sie waren Impulsgeber des neuen Netzwerks „Agile Meetup Filstal“, das Unternehmer und Führungskräfte zusammenbringen will. Welche Motivation steckt dahinter?

Eissele: Im Vordergrund steht der Austausch. Und wir haben das ehrgeizige Ziel, die Region attraktiver zu machen. Es gibt einen großen Bedarf für Software-Entwicklung. Wir wollen zeigen, wie wir das machen. Wir wollen aber auch von anderen lernen, beispielsweise von Maschinenbau-Unternehmen. Letztlich wollen wir einen Beitrag für die ganze Region leisten.

Der Auftakt ist am kommenden Montag. Die Veranstaltung soll sicher keine Eintagsfliege sein ...

Eissele: Nein, im kommenden Jahr soll die nächste Veranstaltung stattfinden. Wir werden Themen sammeln, über die wir dann diskutieren, zum Beispiel auch über das Thema Fachkräfte. Teamviewer hat gelernt, wie man Fachkräfte aus dem Ausland anzieht. Bei uns werden 40 Sprachen gesprochen. Diesen Erfahrungsschatz können wir weitergeben.

Ist man da nicht sich selbst der Nächste? Das hört sich sehr wohltätig an ...

Eissele: Nein, wir versuchen, mit vielen Firmen zu kooperieren. Das belebt den Markt. Wir arbeiten ja beispielsweise auch viel mit Apple und Microsoft zusammen. Hinter verschlossenen Türen zu arbeiten, bringt niemandem was. Und das ist auch nicht unsere Philosophie.

Hoerz: Auch in die Forschung von Intel sind wir involviert. Die schicken uns dann Prototypen, und wir schauen, was in punkto Fernwartung möglich ist.

Wollen Sie sich mit dem neuen Netzwerk auch als Arbeitgeber im Landkreis und in der Region bekannter machen?

Eissele: Wir können in der Region sicherlich noch bekannter werden. Wir wollen unsere lokalen Aktivitäten intensivieren. Es gibt schon gute Kontakte zu Hochschulen und Universitäten, dort wollen wir uns verstärkt präsentieren, um neue Talente zu finden. Zudem sind Kundenveranstaltungen im Haus geplant.

Hoerz: Viele Kunden interessieren sich für unsere Produkte und die Software-Entwicklung. Augmented Reality ist da sicher auch ein interessantes Tool.

Eissele: Wir wollen auf jeden Fall auch lokal unsere Produkte an den Mann bringen. Daher ist es wichtig, mit den Firmen hier zu reden und den Kontakt zu etablieren.

Wo sehen Sie Teamviewer in fünf Jahren? Gibt es Ziele, die festgesteckt sind?

Eissele: Fünf Jahre ist für uns ein langer Zeitraum, wir denken eher in Ein- bis Zwei-Jahres-Abständen. Es ist nicht so, dass wir sagen: Der Umsatz muss zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Höhe erreicht haben. Wir haben viele neue Märkte aufgemacht, und viele Bereiche entwickeln sich sehr dynamisch und positiv. Wie gesagt, wollen wir in nächster Zeit im asiatischen Raum verstärkt Fuß fassen. Unser Credo lautet: Wir wollen den Kunden eine Software an die Hand geben, mit der sie anderen helfen können.

Welche Herausforderungen stehen für Teamviewer in absehbarer Zeit an? Rechnen Sie mit einer abflauenden Konjunktur?

Eissele: Eine wirkliche Konjunkturdelle haben wir sicher nicht zu befürchten. Und auch das Szenario, dass keiner mehr einen PC braucht, wird wohl kaum eintreten (lacht). Die Frage wird für uns sein: Wie stark entwickelt sich der Bereich Internet of Things, also wie sehr wird man Technologien brauchen, die es ermöglichen, physische und virtuelle Gegenstände miteinander zu vernetzen. Wir glauben, dass dieser Markt kommt. Die Frage ist nur: Wo wird dieser Markt entstehen und zu welchem Zeitpunkt? Wir müssen uns ständig auf neue Dinge einstellen, daher ist Flexibilität für uns das A und O.

Zu den Personen

Mike Eissele ist seit Juni 2016 Senior Vice President für Engineering bei Teamviewer. Er arbeitet seit 2009 bei dem Göppinger Unternehmen. Von 2003 bis 2009 war der heute 41-Jährige am Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme der Universität Stuttgart als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und erwarb dort seinen Doktortitel in Informatik für seine Beiträge zu diversen Themen der Visualisierungs- und Computer-Grafik. Eissele studierte Informatik an der Universität Stuttgart mit den Schwerpunkten Visualisierung, Computergrafik und verteilte Systeme.

Sebastian Hoerz arbeitet seit drei Jahren bei Teamviewer in der Software-Entwicklung. Der 33-Jährige ist als Scrum Master dafür verantwortlich, dass sich die Teams ständig weiterentwickeln. Er studierte Geoinformatik an den Universitäten Tübingen und Stuttgart und war nach seinem Abschluss drei Jahre in der Gletscherforschung tätig, wo er sich mit der Auswertung von Satellitendaten beschäftigte. Hoerz hatte die Idee zum „Agile Meetup Filstal“.

Startschuss für ein neues Netzwerk

Ziel: Die erste Veranstaltung des „Agile Meetup Filstal“ findet am Montag, 15. Oktober, um 18 Uhr im IHK-Haus der Wirtschaft in der Jahnstraße in Göppingen statt. Zusammen mit dem Unternehmen Teamviewer als Impulsgeber gründet die Industrie- und Handelskammer dieses Netzwerk, das sich mit der agilen Unternehmensführung beziehungsweise agilen Arbeitsmethoden beschäftigt und den regionalen Austausch fördern soll. Nicht zuletzt soll der Wirtschaftsstandort Göppingen gestärkt werden.

Programm: Nach einer Einführung durch den IHK-Präsidenten Wolf Martin wird Teamviewer-Geschäftsführer Oliver Steil einen Praxisbericht geben. Anschließend spricht der Coach und Autor Dominik Maximini zum Thema „Kampf der Kulturen – so können agile Manager überleben“. Danach steht der lockere Austausch im Mittelpunkt.

Termine: Die nächste Veranstaltung findet am 22. Januar 2019 statt. Es gibt wieder einen Impulsvortrag. Anschließend diskutieren die Teilnehmer ihre eigenen, ihnen wichtige Themen.

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