Projekt „Das zog uns den Boden unter den Füßen weg“

Brigitte Gügel (rechts) ist für den kleinen Felix, der zu früh auf die Welt kam, und seine Eltern Eva-Maria Bauer-Neukamm und Thomas Günther eine wertvolle Hilfe.
Brigitte Gügel (rechts) ist für den kleinen Felix, der zu früh auf die Welt kam, und seine Eltern Eva-Maria Bauer-Neukamm und Thomas Günther eine wertvolle Hilfe. © Foto: Inge Czemmel
Kreis Göppingen / Inge Czemmel 08.12.2018

Der elf Monate alte Felix klatscht fröhlich in die Hände. Dass der knuffige kleine Mann, der alle anstrahlt, bei seiner Geburt nur 2260 Gramm wog, ist ihm nicht mehr anzusehen. Trotzdem schlagen sich der kleine Felix und seine Eltern noch immer mit einer Vielzahl an Problemen herum. Das Kind verschluckt sich häufig beim Trinken, sein Atem klingt rasselnd, es ist stark weitsichtig und leidet unter horizontalem Augenzittern. Felix kam sechs Wochen zu früh zur Welt. „Kein Riesenthema“, dachten sich die Eltern, denn zunächst schien außer dem etwas zu geringen Gewicht alles in Ordnung. Die ersten Tage ging es dem Neugeborenen gut.

Doch dann kam alles ganz anders als Eva-Maria Bauer-Neukamm und Thomas Günther sich das vorgestellt hatten. „Der verflixte achte Monat“, meint die Mutter rückblickend und erzählt: „Ab dem dritten Tag hatte Felix täglich neue Zugänge am Körper und hing an immer mehr Geräten. Am sechsten Tag wurde er intubiert und in Schlaf gelegt. Schließlich folgte die Verlegung nach Esslingen und wegen Perforationen des Darms eine Notoperation. Wir sind froh, dass der künstliche Darmausgang später zurückverlegt werden konnte.“ Doch es wurde noch eine weitere Operation nötig, um den so genannten Ductus, eine Verbindung zwischen Lungen- und Körperschlagader zu schließen. Felix war fast vier Monate alt, als ihn seine Eltern endlich mit nach Hausen nehmen durften. Durch ein bei der OP verletztes Stimmband klingt sein Atmen immer, als sei er erkältet. „Anfangs hatte er gar keine Stimme“, berichtet die Mutter. „Er hat geweint und man hat nichts gehört. Das war schon beängstigend. Überhaupt war die ständige Angst das Schlimmste und die ganze Situation zog uns irgendwie den Boden unter den Füßen weg.“ Als die junge Familie endlich das Krankenhaus verlassen durfte, war sie deshalb heilfroh, mit ihren Sorgen und Nöten nicht plötzlich allein zu sein. „Die Sozialmedizinische Nachsorge hat uns mehr als gut unter die Armen gegriffen und uns viele Türen geöffnet“, sagt das Elternpaar aus Donzdorf und blickt Brigitte Gügel dankbar an. Die Kinderkrankenschwester aus dem Team der Sozialmedizinischen Nachsorge der Lebenshilfe Göppingen spielt gerade mit Felix und strahlt: „Das ist einer der besonders schönen Momente meiner Tätigkeit.“

Sozialpädagoge Stefan Ott, der die Sozialmedizinische Nachsorge koordiniert, macht deutlich wie notwendig die Sozialmedizinische Nachsorge für bei Familien mit Frühgeborenen ist. „Weg von Maschinen und Monitor müssen Eltern lernen ihrem Bauchgefühl zu vertrauen, mit Ängsten umzugehen und mit Dingen wie Pflege, Therapien und Ernährung zurechtzukommen. Ein multiprofessionelles Team, bestehend aus einem Sozialarbeiter, einer Ärztin, einer Psychologin und Kinderkrankenschwestern unterstützt, die Familien auf dem oft viel Energie kostenden Weg zur „Normalität“. Es sorgt zudem für die notwendigen Vernetzungen und dafür, dass zeitnah die richtigen Anträge gestellt werden.“ Auch wenn ein Kind behindert zur Welt kommt, eine schwere Krankheit festgestellt wird oder ein Unfall von heute auf morgen alles verändert, steht die Sozialmedizinische Nachsorge parat. „Das Geld aus der Aktion „Gute Taten“ermöglicht es uns, auch Familien, die durch das Raster der Vorgaben fallen, zu unterstützen und bei Bedarf auch mal ein paar Stunden mehr tätig zu werden“, erklärt Stefan Ott, warum Geld aus der NWZ-Aktion beantragt wurde.

Nur in Ausnahmefällen gibt es weitere Stunden

Lücke Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Sozialmedizinische Nachsorge in den ersten drei Monaten, nach Entlassung aus der Klinik für maximal 20 Stunden. Nur in Ausnahmefällen werden weitere 10 Stunden genehmigt. Für die Kostenübernahme müssen zudem die Voraussetzungen einer Indikationsliste erfüllt sein. „Frühchen“ müssen beispielsweise vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren sein und dürfen nicht mehr als 1500 Gramm wiegen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel