"Das war die Lebensrettung"

SWP 11.02.2012

Herr Pohl, Kaufmann, Kellner, Koch, Briefträger, Polizist - durchlebten Sie eine typische Berufsfindungsphase bevor Sie Menschen zum Lachen brachten?

KALLE POHL: Irgendwie schon (lacht). Ich habe eine Kaufmannslehre gemacht und die sogar relativ gut abgeschlossen. Gekocht habe ich nur vier Wochen lang und Briefträger war auch nicht das Gelbe vom Ei. Suchen und finden lautete die Devise, ließ mich immer unterwegs sein, bis mir klar war: Ich kann auf Dauer nicht immer das Gleiche machen, aber die Schauspielerei faszinierte mich schon in meiner Kindheit. Und weil meine Eltern eine Gaststätte, also mehr eine Kneipe hatten, war das natürlich für mich das beste Podium, um Menschen und deren Charaktere zu studieren. Nur war ich mir anfangs nicht so bewusst darüber.

Sie erlebten diese Welt schon als Jugendlicher?

POHL: Ja. Quasi als kleiner Wirt und das habe ich auch sehr gerne gemacht. Zwar hatte ich schon jung den Drang zur Bühne, aber dass ich dieses kostenlose Menschenstudium mal zu meinem Beruf machen würde, war damals noch nicht abzusehen. Auch im Elternhaus und in der Verwandtschaft, Bekanntschaft gab es eine Menge komischer Leute, bewusst oder unbewusst. Manche hatten wirklich Talent, waren lustig und nutzten das aus, andere waren unfreiwillig komisch. Das was ich dort erlebt habe, lernst du auf keiner Schauspielschule. Komödiant zu werden war für mich die Lebensrettung, ich hätte nichts anderes machen wollen. Ich musste einfach diesen Beruf ergreifen.

Sie haben Ihren beruflichen Ausflug bei den Gesetzeshütern vergessen?

POHL: Ach ja, Polizist war ich auch 3 ½ lange Jahre. Doch Gott sei Dank bin ich nicht mehr dabei. 1971 zum Beispiel, bei der legendären Amerikahaus-Demonstration in Köln, wo es gegen den Vietnamkrieg und US-Imperialismus ging. Da stand ich mit dem Knüppel in der Hand neben einem Kollegen und, im Gegensatz zu mir, scharrte der schon mit den Füßen, schrie: Kommt her!, und wollte am liebsten drauf. . . der war stinksauer auf die Demonstranten. Doch ich hatte durch einen Verwandten schon eine Weile vorher Kontakt zu jener Szene gehabt. Diese Leute haben mich dann auch inspiriert, den Wechsel zu machen. Bei dieser Demonstration stand ich nun und musste mich entscheiden: Was machst du jetzt, was wollen die da drüben? Damals wurden wir einseitig aufgeputscht.

Einmal Polizist immer Polizist - ist das noch immer so?

POHL: Na ja, das ist so ein Spruch. Ob aber Polizisten immer richtig informiert sind über ihre Einsätze und deren Hintergründe, wer weiß. Ob allerdings jeder Demonstrant exakte Infos hat über Sachlage und Zusammenhänge, wer weiß. Da wären Umfragen interessant: Was genau weißt du darüber, wie ist es zustande gekommen, was hat es gekostet, welcher Sinn oder Unsinn steckt dahinter? Auf diese Antworten wäre ich gespannt.

Zwischen Ihren letzten zwei Bühnenprogrammen liegen vier Jahre Pause. Warum?

POHL: Während dieser Zeit spielte ich viel Theater. Das tat ich zwar schon vor über zwanzig Jahren, allerdings mehr als Kabarettist. 2007 war ich als Schauspieler in der Komödie Norman, bist du es zu sehen, auch auf zwei Deutschlandtourneen. Für mich war das völlig neu, denn seit 1980 war ich ja ausschließlich mit meinen Soloprogrammen unterwegs. Wenn du mit Leuten in einem Ensemble spielst, kannst du ganz anders agieren und reagieren. Diese Möglichkeiten hast du als Einzelperson auf der Bühne nicht, da muss man alleine Zucker streuen.

Welche Rolle spielten Sie?

POHL: Bei Norman habe ich einen Vater gespielt, dessen Frau mit seinem Bruder wegläuft. Aus lauter Frust besucht er seinen Sohn und der liegt mit einem Mann im Bett. Dann bricht alles über ihn zusammen. Unmöglich, du kannst doch nicht schwul sein, du hast doch früher Ball gespielt und du hast den Ball nie fallen lassen. Eine sehr komische wie auch dramatische Rolle. Das Stück ist über 40 Jahre alt und war damals ein Skandal. Doch wir haben bei der Tour gemerkt, so ganz selbstverständlich ist das Thema heute immer noch nicht. Es ist dann immer selbstverständlich, wenn es die anderen betrifft, ist es aber dein eigener Sohn, sehen die Dinge anders aus. Das andere Stück heißt Denn sie wissen nicht, was sie erben, mit dem ich im April 2013 die dritte Deutschlandtournee mache. Dieses Jahr stehen noch zwei weitere Premieren an, meine Theatertermine stehen in ganz Deutschland schon bis 2014 fest. Ich freu mich drauf.

Lebt Ihr Alter Ego Hein Spack noch und wenn ja, existiert der wirklich?

POHL (Lacht): Wunderbar. Ich will mal so sagen. Das ist ein Konglomerat aus wirklichen Figuren, realen Menschen und dem, was so in meinem Kopf und in den Tiefen meiner Seele rumspuckt. Da ist auch was Urtypisches von mir drin, zum Beispiel der Wunsch, auf die Straße zu gehen, um laut zu brüllen: Ihr könnt mich alle mal, weil das und jenes geht mir gewaltig auf den Nerv! Hein Spack kann und darf das, bei mir würde man sagen, der ist durchgeknallt.

Wie kamen Sie eigentlich zu 7 Tage, 7 Köpfe?

POHL: Rudi Carrell hat bei mir angerufen und mich gefragt, ob ich Lust hätte mitzumachen.

Der rief persönlich bei Ihnen an?

POHL: Ja, das war wirklich so. Wie vielen anderen ist mir das Gleiche passiert. Ich habe zuerst gesagt, ich weiß nicht, wer da am Telefon ist, aber veräppeln kannst einen anderen. Das hat Rudi immer gern gemacht.

Wie war es für Sie, plötzlich im Team zu arbeiten?

POHL: Ich war schon immer gern ein Teamarbeiter, alleine wursteln ist eigentlich gar nicht so mein Ding, deswegen auch die Liebe zum Theater. Ich habe es außerdem ganz gern, wenn ein Könner den kontrollierenden Blick von außen darauf wirft. Rudi war ja auch Produzent von 7 Tage, 7 Köpfe und wusste immer genau, was er wollte. Das war sein Leben lang so. Er war noch ein echter Fernsehmacher, hatte enorm gute Ideen. Solche Leute gibt es ja kaum noch. Selbst der große Thomas Gottschalk ist im Vergleich zu Carrell. . .ich will mal so sagen, er ist ein blendender Klassensprecher.

Wurden die Gags quasi am runden Tisch gemeinsam festgelegt oder kamen die doch spontan?

POHL: Ich habe sehr oft Sketche und Gags mit Rudi ausgetüftelt, die Arbeit mit ihm hat mir viel Freude bereitet. Das war aber nicht die Regel bei der Sendung, meistens haben die anderen ihre Solosachen gemacht. Ich bin oft gefragt worden, war das eigentlich spontan oder vorbereitet? Meine Antwort: Das war spontan vorbereitet. Pro Jahr habe ich ungefähr 450 Witze mit reingebracht. In neun Jahren kamen dabei gut 4000 Gags zustande. Ohne Vorbereitung hätte es 7 Tage, 7 Köpfe keine drei Jahre gegeben.

Hatten Sie nie eine Schaffenskrise?

POHL: Es gab schon die eine und andere Woche, wo ich mich fragte, was denn noch zu sagen ist zum Thema Politiker, Haarausfall, Frauen und Männer und so weiter. Aber es gab immer wieder neue Ideen. 7 Tage, 7 Köpfe hat mit Sicherheit zum Comedy-Boom beigetragen, schließlich wurde die Sendung über Jahre von durchschnittlich sechs Millionen Menschen gesehen. Ich wage zu behaupten, ich habe damals Sternstunden des Fernsehens erlebt. Ich sehe mich als Glückskind, weil mir 7 Tage, 7 Köpfe in den Schoß gefallen ist, aber ich sage immer, zu einem solchen Erfolg gehören 10 Prozent Talent, 80 Prozent Arbeit und der Rest ist Glück.

Also alles paletti?

POHL: Es hätte auch anders kommen können. Nach meinem ersten halben Jahr sagte Rudi zu mir: Ich muss dir Termine wegnehmen, ich habe da einen neuen Mann. Puh, da hatte ich richtig Bammel. Doch der Kontrahent war schnell wieder weg und ich bin drin geblieben. Rudi war in solchen Dingen knallhart.

Vermissen Sie solche Formate im Dschungel der unzähligen Comedians?

POHL: Auf jeden Fall. Doch vor zehn Jahren habe ich noch ganz anders gesprochen. Da war ich der Meinung, es kann nicht genug gelacht werden. Wir erleben eh genug Missmut, schlechte Laune, trübe Meldungen oder Krisen. Viele sagten damals zu mir, Herr Pohl, ich hatte eine beschissene Woche, doch jetzt ist Freitagabend und Sie retten mir das Wochenende. Dagegen wird heute Comedy auf Biegen und Brechen versendet. Das ist wie mit den übervollen Regalen im Supermarkt, du kriegst ein Massenangebot um die Ohren gehauen und die Freude bleibt auf der Strecke. Irgendwann sind natürlich auch die Themen durch. Jeder, der einen Witz erzählen kann, macht gleich ein zwei Stunden Programm. Das ist öde.

Sie schreiben auch?

POHL: Ja, ich habe Radio-Texte für Harald Schmidt oder Gaby Köster geschrieben. Früher habe ich sieben Musikbücher veröffentlicht, zudem gibt es Asterix un dat Kleo, Asterix op Kölsch von mir sowie das Buch "Frauen, Geld und Sackgesichter" mit Gedichten und amüsanten Geschichten. Ich habe mittlerweile 50 Lesungen gemacht, was viel Freude machte.

Mit Gabi Köster verbindet sie mehr als Kollegialität. Sie hat einen Schlaganfall erlitten - macht man sich da selbst Gedanken, kürzer zu treten?

POHL: Ich glaube, da gibt es irgendwie eine Ader oder so eine Art Meldesystem in mir, das sehr hilfreich, besser gesagt, gesund ist. Nämlich gerne und gut schlafen und nicht immer denken: noch einen Termin, noch ein Projekt, noch eine Verpflichtung. Bin gerne in Spanien und kriege da wenig von Deutschland mit. Gucke da kaum Nachrichten und gehe lieber mit meinem Hund ans Meer. Gaby sagt heute auch, sie hätte Signale bekommen, aber leider nicht darauf reagiert. Jeder Mensch bekommt wahrscheinlich solche inneren Meldungen, da bin ich ganz sicher. Man muss sie unbedingt ernst nehmen.

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