"Angst spürt man immer"

SWP 16.06.2012

Frau Rados, Sie arbeiten seit Jahrzehnten dort, wo es wehtut. Es gibt kaum einen Krisenherd, von dem Sie nicht berichten. Was treibt Sie an, immer weiter zu machen?

ANTONIA RADOS: Warum ich das mache, weiß ich eigentlich nicht. Fest steht: Es ist ein interessanter Beruf. Dann kommen zwei Sachen dazu, die für mich sehr wichtig waren: zum einen das Glück, dass ich und auch Kollegen von mir bisher nie verletzt wurden. Das wäre sicher ein Grund gewesen aufzuhören. Zum anderen bin ich in einer gewissen Form dankbar, dass ich das machen darf - so schlimm es auch ist, was man sieht. Viele Menschen erleben diese Dinge nicht. Das ist auch etwas Schönes.

Das müssen Sie erklären: Krieg und Krisen als etwas Schönes?

RADOS: Krieg hat immer zwei Gesichter. Das eine ganz starke, das ist das grausame, das wir alle kennen. Aber es gibt auch ein Gesicht der Menschlichkeit. Dass man immer wieder Leute trifft, die gut zu einem sind und einem helfen. Dass man immer wieder Überraschungen erlebt, die angenehm sind. Dass man plötzlich Sachen lernt und erfährt, die man sonst in extremen Situationen nicht mitbekommt.

Ist die Angst nicht ein ständiger Begleiter?

RADOS: Die Angst spürt man immer. Man hofft ja, dass sie irgendwann verschwindet, aber sie tut es nicht. Sie bleibt immer hier. Man ist immer begleitet vom Kameramann und von der Angst.

Haben Sie schon Situationen erlebt, bei denen es richtig brenzlig wurde, als Sie froh waren, heil wieder rausgekommen zu sein?

RADOS: Es kommt sehr oft hart auf hart. Aber man ,funktioniert in solchen Situationen einfach. Nur im Nachhinein denkt man sich: Das mache ich nie wieder. Das denkt man sich dann drei Wochen lang, wenn man daheim ist und sich ausruht. Aber wenn sich der nächste Konflikt zusammenbraut, geht man davon aus, dass es dieses Mal bestimmt nicht so schlimm wird.

Wann war es denn mal richtig schlimm?

RADOS: Zunächst einmal muss man sagen, dass man als Reporter sehr privilegiert ist und es uns relativ gut geht. Wir fahren dorthin, reportieren, fahren aber wieder heim in ein friedliches und doch recht sicheres Europa. Dann kommen aber Momente, in denen man plötzlich selbst zum Opfer wird. Das war einmal in Bagdad, als ein Selbstmordattentäter sich in Sichtweite in die Luft gesprengt hat. Das sieht man immer auf Bildern. Aber wenn man selbst erlebt, wie das Auto wegen der Explosionen zittert und man Glück hat, nicht verletzt worden zu sein, ist das schon etwas anderes. Es gibt eine ganze Reihe von Schocks, die einem in den Gliedern stecken bleiben.

Aber eben nicht so nachhaltig, dass Sie Ihren Beruf an den Nagel hängen, weil Ihnen Ihr Leben doch wichtiger ist . . .

RADOS: Nein, dafür bin ich einfach zu gerne Reporterin. Und wie gesagt: Ich erlebe sehr viel Schlimmes, aber nicht nur Schlimmes.

Erzählen Sie doch ein bisschen von Ihrer Arbeit im arabischen Raum. Werden Sie als Frau dort ernst genommen? Erleichtert es die Arbeit, ein Kopftuch zu tragen?

RADOS: Ich mache die Arbeit im arabischen Raum genauso wie ich sie in Stuttgart machen würde. Da gibt es für mich überhaupt keinen Unterschied. Es ist auch wichtig, dass man sich nicht verkleidet und sich nicht verstellt. Ich bin und bleibe eine europäische Frau - auch in der arabischen Welt. Das Kopftuch setze ich nur auf, wenn ich muss, zum Beispiel wenn ich in den Iran fahre, da darf man ohne Kopftuch gar nicht einreisen. Für den Reporter ist es notwendig, immer die Distanz zu bewahren. Er geht dorthin, berichtet darüber, aber er muss sich nicht hundertprozentig anpassen.

Also sind die verschiedenen Kulturen gar kein so großes Problem?

RADOS: Ich habe zwei Erfahrungen gemacht: Einerseits gibt es natürlich eine Verschiedenartigkeit der Kulturen - ob Sie jetzt in Indien, Afrika oder im Nahen Osten arbeiten. Aber es ist auch so, dass wir alle Menschen sind. Und egal, wo Sie hinfahren: Sie werden unterschiedliche Kulturen finden, aber Sie müssen immer als Mensch auf die Leute zugehen. Das ist auch die Aufgabe eines Reporters. Dort nicht klüger zu sein und den Menschen zu sagen, was alles besser ist bei uns. Das sollen andere tun. Es geht darum, so objektiv wie möglich zu berichten. Ich glaube, dass ich meine eigene Meinung oft sehr zurückstelle. Ich habe natürlich eine. Ich bin der Ansicht: Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht jeder hat ein Recht auf seine eigenen Fakten. Und als Reporter geht es mir mehr um die Fakten.

Sie haben 2011 den damaligen Staatschef Libyens, Muammar al-Gaddafi, interviewt. Empfindet man nicht Abscheu, wenn man mit einem so grausamen Despoten spricht?

RADOS: Das ist die lange Übung eines Reporters. Man muss seine Emotionen hinten an stellen, dafür geht man in die Schule. Zudem sollte man auch sehr vorsichtig mit den eigenen Emotionen umgehen, denn auch sie können irren. Deshalb glaube ich nicht an eine emotionalisierte, sondern vielmehr an eine menschliche Berichterstattung. Mir geht es manchmal viel schlechter, als ich aussehe.

Das stelle ich mir bei einem Vergewaltiger wie Gaddafi schwer vor.

RADOS: In dieser Stunde, in der ich mit ihm spreche, geht das. Danach redet man mit dem Kameramann über jedes Detail. Einer Frau würde man sonst schnell unterstellen, sie hat nur Emotionen. Daher bin ich immer besonders vorsichtig. Also einmal fest durchatmen und erst dann das Interview machen.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, al-Gaddafi vor das Mikro zu bekommen?

RADOS: Das war total leicht, das hätte ich nie gedacht. Glück spielt immer eine große Rolle, und in diesem Fall hatte ich Glück, da wollte er ein Interview im Deutschen Fernsehen geben. Ich war die einzige Journalistin in Tripolis, und dann habe ich es bekommen.

Bleiben wir in Libyen. Auch nach dem Sturz des Herrschers kehrt dort keine Ruhe ein. Sehen Sie Chancen für Frieden in Libyen?

RADOS: Revolutionen dauern notgedrungen sehr lange. Wir sollten uns da keinen Illusionen hingeben. Die Diktatur in Libyen hat ganze 40 Jahre gedauert. Die Libyer und auch die arabische Jugend versuchen, was sie können. Aber viele Sachen werden nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Wir sind manchmal sehr großzügig gegenüber dem russischen Präsidenten Putin und sagen, er ist eben kein lupenreiner Demokrat, aber sehr kritisch gegenüber den Nachbarn auf der anderen Seite des Mittelmeeres. Was am Ende herauskommen wird, kann ich nicht sagen. Diese Revolten waren ein politischer Tsunami, der sicher noch nicht zu Ende ist. Wir werden sicher noch viele harte, unerfreuliche und vielleicht auch einige erfreuliche Sachen sehen.

Welchen Ländern im Nahen Osten prophezeien Sie am ehesten eine demokratische Zukunft? Tunesien?

RADOS: Tunesien, genau. Wie es in Ägypten nach den Wahlen weitergehen wird, muss man abwarten. Jedes Land ist sehr unterschiedlich. Man konnte nach den Revolutionen 1989 in Osteuropa auch schwer sagen, dass sich Polen ganz schnell entwickeln wird und Ungarn gar nicht. Wir wissen, wie schwierig es nach wie vor in Russland und in der ehemaligen DDR ist. Die Leute vergessen manchmal, dass nach 20 Jahren Mauerfall noch immer nicht alles im Lot ist. Und die arabischen Revolutionen sind ja erst eineinhalb Jahre her.

Was könnte der Westen tun, um die arabische Welt zu unterstützen? Und was sollte er tunlichst lassen?

RADOS: Ich glaube, dass alle diese Länder sehr dankbar wären über eine Art Nachhilfeunterricht in Demokratie. Die Bevölkerung ist sehr jung und sehr wissbegierig, weiß aber manchmal nicht, wie sie die Sachen anpacken soll. Da halten sich meiner Auffassung nach die Europäer sehr diskret zurück. Einer der Gründe ist natürlich die Wirtschaftskrise, das Geld fehlt für weitere Abenteurer. Man hat ja schon für Afghanistan sehr viel ausgegeben.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Länder bevormundet fühlen?

RADOS: Absolut. Aber das kann auch eine Entschuldigung sein, dass man nichts tut. Ich meine, man sollte auf alle Fälle versuchen zu helfen. Denn nur so können wir garantieren, dass auch unsere nächsten Nachbarn nicht in Chaos und islamischen Diktaturen versinken. Ein Beispiel: Ich habe viele ganz junge Übersetzer. Es wäre großartig, wenn man denen beibringen würde, wie Journalismus und Demokratie funktionieren.

Was ist denn Ihr nächster Einsatz?

RADOS: Afghanistan. Ich habe schon die kugelsicheren Westen eingepackt. Dort geht es ja dem Ende zu, nächstes Jahr ist der Abzug. Wir wollen sehen, wie positiv oder negativ sich das entwickelt. Ich bewerte die Afghanistan-Mission als ziemlich missglücktes Abenteuer.

Können Sie das etwas ausführen?

RADOS: Man kann keine Demokratie importieren. Man kann den Menschen helfen, dass sie demokratischer werden. Das ist ein Problem, das man unterschätzt hat. Außerdem ist aus den anfänglichen zivilen Hilfsprojekten zunehmend ein militärisches Abenteuer geworden.

Es wird dort sicher weiterhin viel zu tun für Sie geben . . .

RADOS: Es ist leider so, dass ein Kriegsreporter nicht arbeitslos wird. Wenn es keine Kriege sind, sind es Naturkatastrophen oder umstrittene Wahlen.

Sie sind beruflich ein Wandervogel, sind aber in Paris sesshaft geworden. Warum ausgerechnet Paris?

RADOS: Der Liebe wegen. Mein Lebensgefährte, seit langer Zeit immer derselbe, ist Franzose, und deshalb lebe ich in Paris.

Wäre es nicht schön, die Krisenherde hinter sich zu lassen und das Leben in Paris zu genießen?

RADOS: Das Leben in Paris zu genießen, ist überhaupt nichts für mich. Solange es geht, werde ich weiter arbeiten. Die anderen Optionen sind sehr abenteuerlich: Ich koche sehr gerne und träume immer davon, ein Restaurant in Paris aufzumachen. Die andere Idee ist, mich humanitär zu engagieren. Da würde ich auch einen Sinn sehen. Aber das Herumsitzen wird nie meins sein. Ich bin ein totaler Workaholic, aber auch privat sehr aktiv: Ich koche, habe Freunde, gehe ins Kino, bereite nächste Geschichten vor, lese.

Wo macht denn eine Krisenreporterin Urlaub?

RADOS: Hach, überall. Ich träume schon seit Jahren davon, nach Zentralasien zu fahren. Ich fahre aber auch gerne nach Österreich und gehe dort ins Kaffeehaus, um Zeitungen zu lesen. Ich bin viel unterwegs, habe aber auch meine Freizeit. Und auch da noch Lust, in den Flieger zu steigen.