Göppingen / Angela Sakschewski

Was unterscheidet eine Depression beim Erwachsenen von der eines Kindes? Muss ich als Jugendlicher ganz auf Facebook und Co. verzichten, um mir meine gesunde Psyche zu erhalten? Über diese und andere Fragen sprachen knapp 30 Oberstufenschüler der Kaufmännischen Schule Göppingen mit Dr. Markus Löble, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Christophsbad.

„Was die Psychologie betrifft, so stoßen wir im Unterricht viele Themen theoretisch an – aber zu sehen, was das im Praktischen bedeutet, ist für unsere Schüler wirklich eine besondere Gelegenheit“, betont Lehrerin Irene Engel, die an der Schule das Wahlfach Psychologie anbietet. Ihre Schwerpunkte legt sie dabei auf Entwicklungspsychologie, Trauma und Kommunikationsmodelle –  Themen, die den Lebensbezug der Schüler betreffen.

Führung durch die Klinik

Zu Beginn des Besuchs führte Löble die Schüler durch die Klinik, die zehn Plätze für Kinder und noch einmal so viele für Jugendliche anbietet, die an einer psychischen Erkrankung leiden. Ein großzügig angelegter Garten mit Möglichkeiten für die Erlebnispädagogik macht gleich deutlich, worauf in dieser Klinik geachtet wird – eine ganzheitliche Betreuung. Die klinikeigene Schule hat einen „Klassenteiler“ von drei und es sind immer zwei Lehrpersonen im Raum, zusätzlich besteht das Personal nicht „nur“ aus Ärzten und Krankenschwestern, sondern aus Erziehern, Sozialpädagogen, Bewegungstherapeuten, Logopäden und Psychologen. Im süddeutschen Raum ist die Einrichtung die einzige, die Plätze für psychisch kranke Eltern anbietet, deren Kind auch an einer Erkrankung leidet.Den Spruch „Hauptsache nicht ins Heim“ findet Löble unpassend. „Manchmal ist es für die Kinder besser, wenn sie aus zerrütteten Familien herausgenommen werden“, sagt der Psychiater.

Der Chefarzt berichtet den Schülern von anonymisierten Fällen. „Da kommt beispielsweise ein Vater und beklagt, dass sein Sohn psychisch krank sei und den Schulbesuch verweigere und nach einigen Unterhaltungen stellt sich dann heraus, warum.“ Der Sohn bleibe daheim, weil er nicht möchte, dass sein Vater, der mit einer Alkoholsucht kämpft, am Mittag betrunken auf dem Sofa liegt. „Kinder wissen immer sehr genau, was Eltern tun, das sollte man nicht unterschätzen.“

Bei Jugendlichen Diagnose schwer

Löble erlebt in der Klinik das ganze Spektrum an psychischen Krankheiten.Bei Jugendlichen sei die Diagnose oft etwas schwieriger, weil die Symptome breiter gestreut seien, erläutert er. Einen Erwachsenen mit einer Depression erkenne man beispielsweise an der typischen „Versteinerung“, dem völligen Verlust, Gefühle zu empfinden – ein depressives Kind hingegen könne sein Leiden auch durch ungebremste Zerstörungswut ausdrücken.“

In Sachen „social media“ gibt sich Löble gegenüber den Schülern ganz pragmatisch: „Sie müssen lernen, so damit umzugehen, wie es Ihnen gut tut. Als ich ein Kind war, kam das Farbfernsehen und plötzlich bedeuteten zwei Stunden vor der Glotze den Untergang des Abendlandes.“ Über eine solch geringe Quantität der Mediennutzung wäre man heute direkt froh, sinniert der Chefarzt.