„Freundliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sorgen in unseren komfortablen und sachkompetent geführten Pflegeheimen liebevoll für ältere Menschen“, heißt es auf der Homepage der Göppinger Wilhelmshilfe. Doch das Pflegeheim in Bartenbach – eines von mehreren der gemeinnützigen Einrichtung  – ist vor eineinhalb Jahren zum Schauplatz eines Verbrechens geworden, wie sich jetzt herausstellte.

Die Staatsanwaltschaft Ulm und die Polizei hatten am vergangenen Freitag gemeinsam mitgeteilt, dass in einem Pflegeheim im Landkreis Göppingen mehrere Bewohner sexuell misshandelt worden sein sollen. Matthias Bär, der Vorsitzende des Vorstands der Wilhelmshilfe, die auch Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist, bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass sich die furchtbaren Vorfälle in Bartenbach ereignet haben.

Misshandlungen aufgezeichnet

Die mutmaßliche Täterin, eine 47-jährige Altenpflegerin, sitzt nach Angaben der Ermittlungsbehörden in Untersuchungshaft. Die Frau soll mindestens drei Heimbewohner misshandelt haben. Bei den Opfern handelt es sich um einen Mann und zwei Frauen im Alter zwischen 75 und 87  Jahren. Der Pflegekraft wird vorgeworfen, die Misshandlungen auf Video aufgezeichnet und die Filme an einen Bekannten weitergeleitet zu haben. Die Verbrechen sollen nach Angaben der Ermittler im Zeitraum von August bis Oktober 2017 begangen worden sein.

Die Altenpflegerin wurde bereits am vergangenen Donnerstag aufgrund des „dringenden Verdachts“ festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Auch unter den Beschäftigten der Wilhelmshilfe sind die Verbrechen seit Ende vergangener Woche Gesprächsthema. Der Vorstand wollte allerdings trotz mehrfacher Nachfrage keine weitere Angaben zu den Fällen machen. Erst am heutigen Mittwochvormittag will die Leitung der Wilhelmshilfe die  Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz über die näheren Umstände informieren.

Bär und seine Vorstandskollegin Dagmar Hennings baten um Verständnis für die zögerliche Informationspolitik: Es sei noch nicht gelungen, alle Angehörigen der betroffenen Bewohner zu informieren, dafür werde der heutige Dienstag noch benötigt. Zudem gehe es darum, so Bär, in einem Telefonat mit unserer Zeitung, „den Generalverdacht von jedem einzelnen wegzunehmen“.

Mit der Entscheidung, zunächst nur Bartenbach als Tatort zu bestätigen, darüber hinaus aber noch keine Stellungnahme zu den Kriminalfällen abzugeben, bleiben wesentliche Fragen vorerst unbeantwortet. Unklar ist zum Beispiel, ob die beschuldigte Altenpflegerin zum Zeitpunkt ihrer Festnahme am vergangenen Donnerstag noch bei der Wilhelmshilfe beschäftigt war oder ob sie die Einrichtung unmittelbar nach den Vorfällen im Herbst 2017 oder später verlassen hatte. Wie Staatsanwaltschaft und Polizei am Freitag mitgeteilt hatten, war der Verdacht gegen die 47-Jährige bei „anderweitigen Ermittlungen“ gegen den Bekannten aufgekommen, dem die Frau die Videoaufnahmen von den Misshandlungen übermittelt hatte.

Unklar, ob es weitere Opfer gibt

Keine Angaben machten Bär und Hennings gestern auch darüber, ob es in dem Pflegeheim in Bartenbach weitere Opfer der 47-Jährigen gibt. Staatsanwaltschaft und Polizei hatten am Freitag erklärt, diese Frage sei „Gegenstand der laufenden Ermittlungen“.

Der jetzt bekanntgewordene Fall bei der Wilhelmshilfe in Bartenbach ist kein Einzelfall: Immer wieder kommt es zu Fällen sexualisierter Gewalt in Pflegeheimen. Erst im vergangenen Juli war ein 57-Jähriger vom Amtsgericht Esslingen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte gestanden, sich in einem Esslinger Pflegeheim an einer stark demenzkranken 78-Jährigen Frau vergangen zu haben. Eine Kollegin hatte ihn auf frischer Tat ertappt und die Polizei gerufen.

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Die Wilhelmshilfe


Die Göppinger Wilhelmshilfe
und ihre Einrichtungen

Ursprung 1839 als Kinderrettungsanstalt unter dem württembergischen König Wilhelm I gegründet, ist sie zweitältester Verein Göppingens.

Neuorientierung Seit der Nachkriegszeit  kümmert sich die Wilhelmshilfe um ältere Menschen. 1953 wurde das erste stationäre Pflegeheim für Senioren in der Hohenstaufenstraße eingeweiht.

Entwicklung Heute  betreibt die Wilhelmshilfe sechs weitere Pflegeheime in Göppingens Umgebung und Wohnanlagen für Senioren sowie unter anderem eine Sozialstation.