Göppingen 175 Jahre Wilhelmshilfe: Ursprung als Kinderrettungsanstalt

Bewohner vor der früheren Kinderrettungsanstalt im Jahr 1903.
Bewohner vor der früheren Kinderrettungsanstalt im Jahr 1903. © Foto: Wilhelmshilfe
Göppingen / ARND WOLETZ 09.10.2014
Die Göppinger Wilhelmshilfe begann vor 175 Jahren als Kinderrettungsanstalt. Ein Buch zum Jubiläum zeichnet die Entwicklung vom Fürsorgeheim zum Altenhilfe-Unternehmen nach.

Es war nicht gut bestellt um die Kinder in Göppingen vor 175 Jahren. Die grassierende Armut machte vor der Hohenstaufenstadt nicht Halt. Alarmierend, was der Kirchenkonvent im "Göppinger Wochenblatt" vom 18. Oktober 1839 veröffentlichte: "Der Bettel in der Gemeinde nimmt in neuerer Zeit sehr überhand, es sind insbesondere die Kinder, welche von ihren gewissenlosen Eltern hierzu gewerbsmäßig abgerichtet werden." Und weiter: "Es ist klar, dass solchen Kindern schon in der frühesten Jugend alles sittliche Gefühl unterdrückt wird und auf solche Weise Menschen heranwachsen, die der menschlichen Gesellschaft nicht nur zur Last werden, sondern die dereinst auch zu jeder schlechten Handlung bereit sind".

Das erforderte Taten der sittenstrengen Göppinger. Tatsächlich hatte die Gründung einer Kinderrettungsanstalt bereits ein halbes Jahr früher begonnen. Im Februar 1938 hatten sich engagierte Bürger im Hotel Apostel getroffen, um einen Verein zur "Erziehung verwahrloster Kinder" zu gründen. Forciert worden waren solche Vereine von Königin Katharina, benannt wurde die Göppinger Anstalt aber nach ihrem Gatten, König Wilhelm I.

Nachzulesen ist das alles in der Festschrift zum 175-jährigen Bestehen der Wilhelmshilfe. So ist aus dem 290 Seiten starken, aufwendig bebilderten und gebundenen Buch eine "Sozialgeschichte von Württemberg" abzulesen, freut sich der Wilhelmshilfe-Geschäftsführer Herbert Nill. Vor allem sei es aber eine "Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements". Denn von Anfang an war der Einsatz der Göppinger - und ihre Spenden - gefragt. Das Ziel: Jungen Menschen, die am sozialen Abgrund standen, Erziehung und Ausbildung zu geben.

Die erste Unterkunft im damaligen Spital (am heutigen Spitalplatz) war schnell zu klein. Mit bereits 60 Kindern und Jugendlichen zog die Kinderrettung schon 1842 in einen Neubau gegenüber der heutigen Agentur für Arbeit um, dann im Jahr 1903 an die Hohenstaufenstraße unterhalb des heutigen Panorama-Hochhauses: Dort gab es eine Gärtnerei, größere Landwirtschaftsflächen und sogar eine Turnhalle. Arbeit und Lehre fanden die Zöglinge auch in verschiedenen Werkstätten. "Verwahrloste Kinder sollten nicht dem Verbrechen anheim fallen", erklärt Nill, was mit einer Erfolgsquote von 60 bis 70 Prozent gelang. Immer wieder brannten jedoch auch Zöglinge durch oder wurden straffällig. Welche Einzelschicksale die Jugendlichen zuvor erlitten hatten, ist im Buch spannend geschildert. Deutlich wird auch: Die Wilhelmshilfe etablierte sich als Fürsorgeheim. Sie legt für jedes Kind eine Rücklagenkasse an, den so genannten Sparhafen, der in der Regel mit 25 Jahren ausbezahlt wurde

Das dunkle Kapitel Nationalsozialismus wird in der Festschrift nicht ausgespart, im Gegenteil: "Die leitenden Personen verhielten sich weitgehend linientreu", heißt es dort beispielsweise. Der damalige Leiter Friedrich Kimmich berichtete 1936 auch von "Sterilisationsmaßnahmen" an vier Zöglingen. Schließlich aber wurde die Wilhelmshilfe von der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" (NSV) übernommen, das Heim firmierte als "NSV-Jugendheimstätte". Durch Verkauf von Grundstücken an Parteimitglieder und die Stadt erlitt die Wilhelmshilfe schmerzliche Vermögensverluste. Zu dieser Zeit waren dort viele Südtiroler Kinder untergebracht, die aus dem italienisch gewordenen Gebiet nach Deutschland kamen: insgesamt 140 bis 160 Kinder, deren Spur sich nach und nach verloren hat, wie Herbert Nill weiß. Die Wilhelmshilfe wurde ausgehöhlt. Die 1942 beschlossene Vereinsauflösung wurde jedoch nie vollzogen.

Nach dem Krieg bekam die Wilhelmshilfe im Zuge von Wiedergutmachungsverfahren einige Grundstücke von der Stadt zurück. Schnell erkannte der Bürgermeister und Wilhelmshilfe-Vorsitzende Dr. Alfred Schwab, dass die Not mittlerweile vor allem alte Menschen traf. Er trieb den Wandel zur Altenhilfeeinrichtung voran. Bereits 1953 wurde das erste Altenheim eröffnet. Das Wachstum zur umfassenden Hilfseinrichtung begann. Viele weitere Pflege-Standorte in der Stadt, den Stadtbezirken und im Umland kamen hinzu. Heute hat die Wilhelmshilfe, verankert im Diakonischen Werk, knapp 750 Mitarbeiter. 1000 Menschen leben in ihren Alten und Pflegeheimen, dazu 250 im betreuten Wohnen. So stellt sich die Wilhelmshilfe ihrer Verantwortung der Daseinsvorsorge in einer älter werdenden Gesellschaft auch 175 Jahre nach ihrer Gründung.

Info Das Buch "175 Jahre Wilhelmshilfe" ist ab Freitag, 10. Oktober, zu haben. Recherchiert wurde es von Sebastian Zwies, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg, gestaltet von Frieder Kerler.

Tag der offenen Tür

Feier Die Wilhelmshilfe lädt am Sonntag, 12.Oktober, im Rahmen des 175-jährigen Bestehens des Vereins und anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Wohnanlage zum Tag der offenen Tür von 13 bis 16 Uhr am Standort Hohenstaufenstraße in Göppingen ein. Besucher bekommen einen Einblick in die Arbeitsbereiche Wohnen, Dialog-Center und des Pflegeheims. In der Villa Vogt und im Café kann die Ausstellung von Ursula Schwab besichtigt werden.

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